Islamischer Staat "Libyen ist das größte Dschihadismus-Problem in Nordafrika"

In Libyen tobt seit Sommer 2014 ein neuer Bürgerkrieg. Das Chaos bereitet den Dschihadisten den Boden, erklärt Experte Wolfram Lacher. Wie groß ist der Einfluss von IS und anderen Radikalislamisten?

Ein Interview von

Libysche Milizen in Tripolis (Sommer 2014): Inzwischen entsteht mit dem IS ein dritter Akteur im Bürgerkrieg
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Libysche Milizen in Tripolis (Sommer 2014): Inzwischen entsteht mit dem IS ein dritter Akteur im Bürgerkrieg


Zur Person
  • Stiftung Wissenschaft und Politik
    Wolfram Lacher, 37, ist Libyen-Experte bei der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Zuletzt war er vor zwei Wochen in Tripolis.
SPIEGEL ONLINE: Herr Lacher, was ist in Libyen schiefgelaufen?

Lacher: Seit dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes gab es in Libyen keinen Staat mehr. Die Waffenarsenale Gaddafis sind in die Hände verschiedener Milizen gefallen. Schrittweise haben sich aus den lokalen Konfliktherden zwei Lager herausgebildet: die revolutionär-islamistischen Milizen "libysche Morgenröte" mit Regierungssitz in Tripolis und "libysche nationale Armee" von General Khalifa Haftar mit Sitz in Tobruk. Seit letztem Sommer kann man von einem zweiten Bürgerkrieg sprechen. Davon konnten die Dschihadisten profitieren, etwa der "Islamische Staat" (IS). Mit dem IS entsteht gerade ein dritter Akteur in dem Konflikt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die internationale Gemeinschaft versäumt?

Lacher: Es ist natürlich hinterher leicht zu sagen, dass man mehr hätte tun müssen. Es gab aber keine Alternative dazu, den Versuch des Neuaufbaus den Libyern zu überlassen. Jede ausländische Einmischung wäre auf starken Widerstand gestoßen. Westliche Regierungen hatten ja versucht, Unterstützung zu leisten beim Aufbau der Sicherheitskräfte, aber das war nahezu unmöglich, weil die innerlibyschen Rivalitäten so groß waren. Diese Zersplitterung und Klüfte innerhalb der revolutionären Kräfte hat man unterschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt plötzlich der IS in Libyen?

Lacher: Die dschihadistischen Gruppen sind nicht über Nacht aufgetaucht. Diese Bewegung gibt es bereits seit den Neunzigerjahren. Im darauffolgenden Jahrzehnt sind viele Libyer in den Irak gegangen. Derna, Benghazi und Sirte waren schon immer lokale Dschihadisten-Hochburgen mit historisch gewachsenen Milieus. Nun konnten diese vom Chaos profitieren und sich ausbreiten, denn es gab keine staatlichen Strukturen mehr, die ihnen hätten entgegentreten können. Mit der Eskalation des Konflikts in Syrien sind viele Libyer dorthin gereist, haben mit dem IS gekämpft und sind wieder nach Libyen zurückgekehrt. Der IS in Libyen heißt nicht nur IS - das ist der IS. Es bestehen sehr enge Beziehungen mit der Organisation im Irak und in Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Welche Botschaft steckt hinter der IS-Ermordung der ägyptischen Gastarbeiter?

Lacher: Das Video richtete sich vor allem ans internationale und regionale Publikum. Die Internationalisierung des Konflikts in Libyen ist im Interesse des IS, denn dann würde Libyen zu einem neuen Schlachtfeld des Dschihad. Der IS könnte sich dann größeren Zulauf erhoffen innerhalb Libyens, aber auch aus der Region.

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SPIEGEL ONLINE: Kann Ägypten den IS in Libyen schlagen?

Lacher: Solche Luftschläge werden in Libyen überhaupt nichts ausrichten. Sie werden eher den Dschihadisten neuen Zulauf bringen. Die Luftschläge in Derna haben auch zivile Opfer hervorgerufen. Ich bezweifle, dass Ägypten ernsthaft Terrorismusbekämpfung in Libyen betreiben will. Diese Luftschläge waren vor allem innenpolitisch begründet; sie sollten der ägyptischen Öffentlichkeit Stärke demonstrieren. Falls sie anhalten, werden sie die internationalen Vermittlungsbemühungen im libyschen Bürgerkrieg zunichtemachen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn irgendwelche Fortschritte bei den schon Monate andauernden Uno-Vermittlungsversuchen?

Lacher: Es gibt Anzeichen, dass diese Bemühungen Früchte tragen. Der internationale Druck hat zu einer Deeskalation beigetragen. Haftar sah sich gezwungen, Angriffe auf zivile Ziele in Tripolis und Misrata auszusetzen. Zudem lösen sich in beiden Lagern moderate Kräfte, die diese Bemühungen unterstützen, von den Hardlinern. Die Hardliner sind in beiden Lagern zunehmend isoliert. Diese Entwicklung würde aber durch weitere ägyptische Luftschläge zunichtegemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Lacher: Die einzige sinnvolle und vielversprechende Strategie der Terrorismusbekämpfung in Libyen ist, die gegenwärtige Polarisierung und Spaltung des Landes zu überwinden. Es braucht eine Einheitsregierung, die die Extremisten isoliert. Um dahin zu kommen, muss man den internationalen Druck auf die Konfliktparteien erhöhen. Zum Beispiel muss das Waffenembargo der Uno umgesetzt werden. Mehrere Regionalstaaten halten sich nicht daran und befeuern den libyschen Bürgerkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Lacher: Ägypten und die Emirate machen keinen Hehl aus ihrer Unterstützung für das Lager von Haftar. Wer das islamistische Lager unterstützt, ist weniger offensichtlich. Es wird vermutet, dass der Sudan, Katar und die Türkei möglicherweise helfen, aber sicher ist das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es in Libyen zu keiner Einigung kommt?

Lacher: Dann werden zunehmend die dschihadistischen Gruppen Zulauf bekommen, auch aus der Region. Ich erwarte nicht, dass die Dschihadisten ganz Libyen erobern können. Dazu sind die Machtverhältnisse in Libyen zu lokal. Sie haben schon große Probleme, sich von einer Stadt zur nächsten auszubreiten. Aber sie haben in einigen libyschen Städten eine stabile soziale Basis. Libyen ist mit Abstand langfristig das größte Dschihadismus-Problem in Nordafrika.

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insgesamt 55 Beiträge
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IntelliGenz 21.02.2015
1. falsche Zeitangabe
der Buergerkrieg tobte schon gegen Ghaddafi, und als dieser 2012 endlich weg war, hoerte er nicht auf. Der Buergerkrieg tobt nicht seit 2014, sondern seit 2008 !
abraxas63 21.02.2015
2.
Libyen ist eine Stammesgesellschaft. Das wusste man vorher. Zum Ausdruck gebracht hat es nur ein Journalist der SZ, der mit Beginn der NATO-Angriffe titelte: Libyen zerfällt. Dies ist nun geschehen. Und es wird solange dauern, bis ein Stamm, bzw. ein Verband von Stämmen die anderen wieder unter Kontrolle hat und aus dem eigenen Kreis den neuen "Führer" bestimmen wird. Oder aber es folgt die Alternative "Somalia", was vielleicht wahrscheinlicher ist. Unter diesen Bedingung von Demokratie zu träumen ist einfach lächerlich. Manchmal frage ich mich schon, ob unsere Außenministerien mittlerweile sämtliche wissenschaftliche Kompetenz ausgelagert haben, oder ob sie solchen Prozesse ganz bewusst laufen lassen.
Bernd.Brincken 21.02.2015
3. Zahlen
Gut dass einmal ein differenzierter und sachkundiger Bericht über Libyen hier erscheint; der nebenbei auch die Arbeit von Institutionen mit wissenschaftlicher Methodik wie dem SWP darstellt. Es wäre aber schön, auch zu erfahren welche Zahl hinter den "vielen" Libyern steht, die für den IS kämpfen. In Sachen Irak hiess es lange Zeit, Libyen stelle "den größten Anteil ausländischer Kämpfer" (gegen die Amerikaner) - las man dann den Bericht durch, zeigte sich, es waren 220 von 400 (sinngemäß). Hust, hust. Also - sprechen wir hier von Hunderten, Tausenden, oder mehr?
bumminrum 21.02.2015
4. voller Erfolg
für die Strategie des Westens. Nach einer Katastrophe kommt nach der Befreiung durch die westlichen Werte von Freiheit und Demokratie nur noch mehr Chaos. Ein berechenbarer Diktator war sicher besser als die angebliche Freiheit. Das gleiche im Irak, Afgahnistan usw.
Msc 21.02.2015
5.
Bin ich froh, dass Ägypten wieder einen Diktator hat sonst würde es da jetzt genauso aussehen. Vielen Dank "Koalition der Willigen". Uns aus Libyen rauszuhalten war so ziemlich die einzige vernünftige Entscheidung für die die FDP in den letzten 20 Jahren verantwortlich war und genau dafür bekam Herr Westerwelle damals Backpfeifen von der Presse und der internationalen Gemeinschaft.
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