Sicherheitskonferenz Oberster US-Geheimdienstler warnt vor IS-Anschlag mit Chemiewaffen

Wie groß ist die Terrorgefahr durch den "Islamischen Staat" im Westen? Sehr groß, sagt der Koordinator der US-Nachrichtendienste, James Clapper: Die Miliz verfüge über Giftgas, das sie auch in Amerika einsetzen wolle.

US-Geheimdienstchef Clapper: "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität"
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US-Geheimdienstchef Clapper: "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität"

Von , München


James Clapper, 74, ist ein Großmeister der düsteren Szenarien. Und so legt der Koordinator der US-Nachrichtendienste gleich los, als er die Bühne der Sicherheitskonferenz in München betritt: Sieben Länder stünden weltweit kurz vor dem Zusammenbruch. Weitere 59 Staaten gelten als instabil. "Das Unvorhersehbare, Instabile ist die neue Normalität", sagt Clapper. Wie ein Vorstandsvorsitzender eines Großkonzerns rattert er die Parameter einer Welt in Unordnung herunter.

Doch ein Punkt ist in der Welt des Terrors neu: die Gefahr eines Anschlags mit Giftgas durch den "Islamischen Staat" (IS). "Der IS hat industriell hergestellte chemische Waffen verwendet", sagt Clapper. "Wir haben ausreichend Beweise dafür, dass solche Waffen mehrfach eingesetzt wurden." Und dann geht Clapper noch einen Schritt weiter: Die Bedrohung sei auch für die USA konkret. "Es sieht so aus, dass sie chemische Waffen gegen uns einsetzen wollen. Das verändert potenziell die Szenarien."

Clapper ist im Alarmmodus, er hat sich vorgenommen, die Öffentlichkeit auf einen möglichen Anschlag vorzubereiten. Der IS plane noch "in diesem Jahr" einen Terroranschlag in den USA, hatte er am Dienstag vor einem Senatsausschuss in Washington gesagt. Derzeit gebe es mehr Rückzugsräume für Terroristen, "als jemals zuvor in der Geschichte". Sein Kollege Vincent Stewart, Chef des Militärgeheimdienst DIA, hatte hinzugefügt: Der IS werde "wahrscheinlich versuchen, im Jahr 2016 weitere Anschläge in Europa und direkte Anschläge in den USA durchzuführen".

Nun also sitzt Clapper in München auf dem Podium, neben ihm der Chef des britischen Geheimdienstes GCHQ, Robert Hannigan, der Chef des niederländischen Geheimdienstes und Gerhard Conrad, der dem neu gegründeten Europäischen Intelligence Centre vorsteht.

Clapper ist ein Geheimdienstmann der alten Schule. Edward Snowden hält er für einen Verräter, die weltweite Aufregung um die NSA-Affäre hat er nie verstanden. Aber er hat in München auch eine Botschaft mitgebracht: Wir haben gelernt, zumindest ein bisschen.

"Wir brauchen eine Reform der Verschlüsselungstechnologien"

"Wir konzentrieren uns inzwischen verstärkt auf den Schutz der Privatsphäre und den Datenschutz", verspricht er. Die US-Dienste sollten "als Organisation transparenter werden". Frei übersetzt heißt das: Die Snowden-Enthüllungen haben etwas verändert.

Wie schwer sich die Geheimdienste mit der Balance zwischen Freiheit und Sicherheit tun, zeigt die Diskussion über Verschlüsselungstechnologien, die der GCHQ-Mann Hannigan führt: "Verschlüsselung ist ein wichtiges Element der Privatsphäre. Aber die Herausforderung ist, den Missbrauch zu verhindern." Hannigan sagt, es seien keine Hintertüren und keine neuen Gesetze geplant. Aber auf Nachfrage sagt er auch: "Wir brauchen eine Reform der Verschlüsselungstechnologien."

Man müsse die Menschen davon abhalten, starke Verschlüsselung zu benutzen. Und Clapper ergänzt: "Ich mache mir große Sorgen um die Ausbreitung von Verschlüsselungstechniken." Wenn er einen Wunsch frei habe, dann diesen: eine technische Lösung, die es ermögliche, Freiheit und Sicherheit gleichermaßen zu garantieren.

Clapper selbst wird diese Lösung wohl nicht mehr erleben - in ein paar Monaten geht er in den Ruhestand.

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Walter der VerWalter 12.02.2016
1. Das glauben wir ihm...
Daran hat man ja auch mal früher denken können. Und mit früher meine ich die Zeit, bevor Iraker willkürlich von der US-Regierung eingesperrt wurden. Aber die USA haben wohl gehofft einen weiteren Marionettenstaat auf die Beine stellen zu können...
Bürger Icks 12.02.2016
2. Oh, oh...
Oberste US-Geheimdienstler... Wenn Dienste ins Spiel kommen, ist immer Vorsicht geboten! Dann könnte es nämlich sein, das tatsächlich etwas passiert, vielleicht sogar zugelassen oder initiiert wird. Oder aber gerade noch "kurz vorher abgewendet" werden konnte, was dann wohl beweisen soll, wie Recht diese Dienste doch immer haben... Irgendwie aber passieren solche Dinge immer dann, wenn z.B. eine Regierung irgendetwas durchsetzen will, wie mehr Bombardements, oder Fusstruppen in einen Krieg schicken, oder eine militarisierte Polizei zu Hause, mit ein wenig mehr Überwachung aller Bürger, usw. Die Szenarien sind manigfaltig, die zufälligerweise immer, um solch einen Anschlag herum, bestens ins vorher prognostizierte Bild passen. Und helfen, unliebsame Dinge durchzusetzen, die Meinung der Bevölkerung zu ändern. Man sollte nicht vergessen, das z.B. die Paris-Attentäter alle jahrelang den Diensten bekannt waren, angeblich sogar gesucht wurden, aber mit zig Identitäten quer durch Europa reisen konnten, wie sie es denn wollten. Irgendwie genau so, wie man sich das bei Agenten vorstellt...
gelees 12.02.2016
3. Reine Panikmache
Es ist klar dass es bestimmt auch nächstes Jahr irgendwo einen Anschlag gibt, womöglich auch vom IS. Aber das was der liebe Herr Clapper da macht sieht für mich nach reiner Panikmache aus, um möglicherweise Mittel zu erlangen um den Geheimdienst auszubauen oder die Privatsphäre einzuschränken. Solange keine konkreten Beweise vorgelegt werden glaube ich den Geheimdiensten erstmal nicht. Der CIA schon mal gar nicht.
wirep 12.02.2016
4.
das hab ich doch schonmal irgendwo gehört... ein schelm wer böses dabei denkt
ratem 12.02.2016
5. War da mal was ...
Eine US Warnung vor Chemiewaffen im nahen Osten ... war da nicht mal was? Ehrlich ... an der aktuellen Warnung mag was sein oder auch nicht ... aber der Beigeschmack der US-Lügen aus der Bush-Aera haftet solchen Warnungen deutlich an.
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