Versklavte Jesidinnen "Der IS hält immer noch mehr als 3000 Frauen gefangen"

Monatelang war Nadia Murad Gefangene des IS, wurde als Sexsklavin missbraucht. Inzwischen ist sie Uno-Sonderbotschafterin und bittet um Hilfe - weil die Terroristen immer noch Jesiden umbringen.

Nadia Murad
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Nadia Murad

Ein Interview von


Bis zum 3. August 2014 führte Nadia Murad ein normales Leben in ihrem Dorf Kocho, im Nordirak, nahe der Stadt Sindschar. Sie liebte ihre Familie, malte sich eine Zukunft als Kosmetikerin mit einem eigenen Studio aus. An jenem Tag aber geschah etwas, das ihr Leben zerstörte: Terroristen der Miliz "Islamischer Staat" (IS) überfielen das Dorf und sperrten alle jungen Frauen und Kinder in die Dorfschule.

Murad, 24, eine Jesidin, zierlich, dunkle Augen, das braune Haar zu einem Knoten gebunden, musste mitansehen, wie draußen die Männer und die Alten getötet wurden. An jenem Tag ermordeten die Extremisten ihre Mutter und sechs ihrer Brüder. Insgesamt verlor sie 40 Familienmitglieder.

Murad wurde zusammen mit vielen anderen Frauen nach Mossul verschleppt. IS-Terroristen hielten sie dort als Sexsklavinnen. Murad erlebte traumatische Monate, wurde von vielen Männern missbraucht und einmal weiterverkauft. Dann gelang ihr, nach drei Monaten Gefangenschaft, die Flucht.

Inzwischen lebt sie in Baden-Württemberg und ist Uno-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. 2016 war sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Unterstützt wird die junge Frau unter anderem von der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney. Jetzt richtet Murad einen Appell an die Welt, nicht zu vergessen, dass der Völkermord an den Jesiden andauert und der IS nicht besiegt ist.


SPIEGEL ONLINE: Frau Murad, Sie wurden monatelang gefangen gehalten und missbraucht. Die meisten Jesidinnen, denen das widerfahren ist, sprechen aus Scham nicht darüber. Woher nehmen Sie die Kraft, über all das zu reden?

Murad: Ich habe meine Mutter, meine Brüder und viele weitere Angehörige verloren. Wir haben friedlich in unseren Dörfern gelebt und nie für möglich gehalten, dass uns eine Terrororganisation angreift. Das hat mich dazu gebracht, nicht zu schweigen. Diese Leute vom IS wollen uns Jesiden auslöschen, weil wir ihrer Meinung nach Ungläubige sind. Über sexuellen Missbrauch zu sprechen, ist in östlichen Kulturen schwierig. Aber vor mir haben schon andere Frauen ihre Stimmen erhoben. Nur haben viele das Gefühl, dass es nichts nützt, weil ihnen sowieso niemand zuhört. Ich kann alle Jesidinnen nur ermutigen, von ihren Erlebnissen zu erzählen, damit die Welt von diesen Verbrechen erfährt.

SPIEGEL ONLINE: Was, glauben Sie, ist das richtige Mittel gegen den IS?

Murad: Ich bin keine Politikerin. Aber ich sehe, dass der IS immer noch über moderne Waffen und Autos verfügt. Wer gibt ihnen das? Man muss den Geldfluss stoppen. Außerdem müssen diese Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Wir arbeiten daran, dass sie vor ein internationales Gericht kommen. Man darf nicht vergessen, dass die Verbrechen noch andauern. Der IS hält immer noch mehr als 3000 Frauen gefangen. Darunter auch eine 17-jährige Nichte von mir. Sie ist seit bald drei Jahren in den Händen der Terroristen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man konkret tun, um ihnen zu helfen?

Murad: Wir versuchen, diese Frauen freizukaufen.

SPIEGEL ONLINE: Oft hört man, der IS könnte innerhalb kürzester Zeit besiegt werden, wenn die Weltgemeinschaft nur wollte. Glauben Sie das auch?

Murad: Fast alle Politiker, mit denen ich spreche, sagen, sie halten den IS für eine Terrororganisation, die man bekämpfen muss. Viele Länder erkennen an, dass der IS einen Völkermord begeht. Es werden internationale Haftbefehle gegen einzelne IS-Terroristen erlassen. Das ist der richtige Weg. Aber der Kampf darf nicht aufhören, wir dürfen nicht wegschauen.

SPIEGEL ONLINE: Fast alle Politiker?

Murad: Ich habe in Ägypten mit einem gesprochen und ihn als Muslim gebeten, den IS öffentlich zu verurteilen, weil das, was die Miliz tut, nicht für den Islam steht. Der IS missbraucht Religion für seine eigene Zwecke. Bis heute rekrutiert er über die Religion junge Leute, er unterzieht sie einer Gehirnwäsche und schickt sie los, um Menschen zu töten. Der ägyptische Politiker stimmte mir zu, dass der IS gefährlich ist. Aber verurteilen wollte er ihn nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben derzeit in Deutschland. Können Sie sich vorstellen, je wieder in Ihr Heimatdorf zurückzukehren?

Murad: Ich weiß es nicht. Die Lage dort ist so schwierig. Einige Familien sind in die Region zurückgekehrt, aber dort, wo der IS zurückgedrängt wurde, gibt es nun Konflikte zwischen kurdischen Peschmerga und schiitischen Milizen. Dann wieder greift die Türkei PKK-Stellungen an. Also sind die Familien wieder geflüchtet.

SPIEGEL ONLINE: Als der IS Orte im Nordirak überfiel, zeigten viele arabische Bewohner Sympathien für dessen Milizen. Können Jesiden je wieder friedlich mit Muslimen in einem Ort leben?

Murad: Mit Menschen, die nicht an den Verbrechen beteiligt waren, sicher. Aber die große Mehrheit hat mitgemacht, hat den IS unterstützt oder hat weggesehen. Da ist das Vertrauen zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie Hass gegenüber diesen Leuten?

Murad: Es geht nicht um mich und meine Gefühle, sondern um Gerechtigkeit für Tausende von Menschen, die Opfer des IS geworden sind beziehungsweise immer noch werden. Die Täter sollen vor Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich wohl in Deutschland?

Murad: Ja, Deutschland hat unglaublich viel für uns getan. Es hat Menschen wie mir, die in Flüchtlingscamps in Irak untergebracht waren, ein besseres Leben ermöglicht. Im Moment ist Deutschland mein Zuhause. Aber Deutsch ist so eine schwierige Sprache (lacht). Die Hoffnung, dass wir doch in unsere Heimat zurückkehren können, bleibt. Noch dauert der Völkermord an. Unsere Zukunft ist ungewiss.

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