Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Streit über Scharia-Auslegung: IS lässt eigenen Richter hinrichten

Von

IS-Anhänger im Nordirak: Ein Richter übertrieb es mit der Scharia Zur Großansicht
AFP/ WELAYAT SALAHUDDIN

IS-Anhänger im Nordirak: Ein Richter übertrieb es mit der Scharia

Einer der höchstrangigen Juristen des "Islamischen Staates" ist tot. Die Führung der Terror-Miliz ließ ihn köpfen, weil er zu viele Menschen zum Tode verurteilt hatte.

Richter Abu Jaafar al-Hattab war für seine Härte berüchtigt. Ursprünglich gehörte er zur Terrorgruppe Ansar al-Scharia in Tunesien. Beim IS wurde er dann zum Top-Juristen: Als Mitglied der Scharia-Kommission war Hattab zuständig dafür, die Rechtsgrundlage des Kalifats zu erarbeiten.

Doch in seinem fanatischen Eifer war Hattab so aktiv, dass es selbst IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi zu viel wurde. Denn Hattab wandte das Konzept von "Takfir" offenbar sehr intensiv an: Takfir bedeutet, dass ein islamischer Gelehrter andere Muslime zu Ungläubigen oder Abtrünnigen erklären kann - ein vermeintliches Vergehen, auf das die Todesstrafe steht. Es ist also ein ideales Werkzeug für religiöse Fanatiker.

Takfir ist im Islam sehr umstritten. Das wichtigste sunnitische Theologiezentrum, die Al-Azhar-Universität in Kairo, lehnt es ab. In ihrer über 1000 Jahre langen Geschichte hat die Azhar-Führung es noch nie angewandt.

Vergangenes Jahr wurde die Al-Azhar-Führung gebeten, die IS-Anhänger zu Abtrünnigen zu erklären. Doch sie weigerte sich: Kein Gläubiger könne als ungläubig bezeichnet werden - egal, welche Sünden er begangen habe. Einzelne Azhar-Gelehrte haben allerdings durchaus schon andere Muslime als Abtrünnige gebrandmarkt.

In Saudi-Arabiens wahabitisch inspiriertem Islam wird Takfir jedoch angewandt, die saudische Staatsreligion ähnelt der IS-Doktrin. Beim IS ist Takfir sogar Herzstück der Ideologie: Denn die Hauptgegner der Islamisten sind Schiiten, also andere Muslime. Nur indem diese als Abtrünnige abgestempelt werden, kann der IS seinen Feldzug als vermeintlichen Gotteskrieg stilisieren.

Hattab erklärte selbst den Qaida-Chef für ungläubig

Abu Jaafar al-Hattab baute das Takfir-Konzept massiv aus: Die von ihm geleitete Scharia-Kommission teilte mit, dass alle IS-Rivalen Ungläubige seien - auch Mitglieder anderer radikaler Gruppen wie der Nusra-Front, dem syrischen Qaida-Ableger.

Doch dann übertrieb es Hattab offenbar mit seinem Eifer: Unwissenheit schütze nicht vor Takfir, verkündete er. Wer Ungläubige nicht als Ungläubige bezeichne, sei selbst ein Ungläubiger. Prompt erklärte er Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri für abtrünnig, weil dieser die Schiiten nicht ausreichend zum Feind erklärt habe.

Mit dieser Auslegung brachte Hattab die IS-Führung gegen sich auf: Was, wenn der fanatische Richter als nächstes sie für abtrünnig erklären würde?

Also ließen sie Hattab und andere hochrangige IS-Mitglieder, die ähnliche Ansichten vertraten, vor einigen Wochen festnehmen, berichtete das Nahost-Portal "Al-Monitor".

Was aus den anderen Verhafteten wurde, ist bisher nicht bekannt - für Richter Hattab gab es kein Erbarmen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fotostrecke: Der IS und Boko Haram


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: