Kampf gegen "Islamischer Staat" Deutscher Gärtner führt Bürgerwehr der Jesiden an

Seit bald vier Wochen hält sich Qasim Shesho im Sindschar-Gebirge im Nordirak verschanzt. Der Gärtner aus Nordrhein-Westfalen ist der plötzliche Held der Jesiden: Er führt eine Bürgerwehr an, die gegen die Terroristen des "Islamischen Staats" kämpft.

Aus Arbil berichtet  

Jesidische Männer auf der Flucht (Archivbild): Nicht alle bleiben wie Qasim Shesho in den Bergen
REUTERS

Jesidische Männer auf der Flucht (Archivbild): Nicht alle bleiben wie Qasim Shesho in den Bergen


Einmal am Tag versucht Qasim Shesho, seine Familie in Deutschland anzurufen. Das ist nicht einfach, denn das Mobiltelefon braucht Strom. Ab und zu kommt ein Wagen vorbei, dann lädt Shesho sein Handy an der Autobatterie. Es ist heiß in den Bergen, über vierzig Grad tagsüber, seine Leute haben zu wenig Wasser. Gerade wieder hat ein Flugzeug Plastikflaschen abgeworfen, aus so großer Höhe, dass sie alle zerplatzt sind.

Seit Anfang August hält sich Shesho, 62, im Sindschar-Gebirge versteckt und führt gemeinsam mit einem Sohn und einem Neffen eine kleine Truppe von Männern an, darunter Greise mit langen Bärten und Turban. Mit alten Gewehren halten sie die Stellung und beschützen ihre Pilgerstätte Sherfedin vor Kämpfern der Terrororganisation " Islamischer Staat" (IS). Es ist eine Bürgerwehr, die um das Überleben eines ganzen Volkes kämpft.

Mehrere Zehntausend Jesiden, Angehörige einer kurdischsprachigen religiösen Minderheit, waren hierher geflüchtet, als am 3. August gegen zwei Uhr morgens die Dschihadisten ihren Angriff auf die Region begannen. Fünf Tage später beschloss US-Präsident Barack Obama Luftschläge auf die IS-Stellungen. So lange hatten die Menschen bei der Hitze in den Bergen ausgeharrt, mehrere Hundert, darunter besonders viele Kinder, verdursteten. Als amerikanische Jets und Drohnen einen Weg freigeschossen hatten, brachten die Flüchtlinge sich in Sicherheit oder wurden per Hubschrauber gerettet. Ein paar Hundert - Alte, Verletzte und Kinder - sollen dort noch immer ausharren.

Jesiden auf der Flucht: Verstaubt und durstig Richtung syrischer Grenze
REUTERS

Jesiden auf der Flucht: Verstaubt und durstig Richtung syrischer Grenze

Shesho blieb freiwillig. Zunächst waren es nur etwa dreihundert Männer, die seinem Beispiel folgten und sich ihm anschlossen. Doch nach und nach kamen immer mehr die Berge hinauf, Waffen geschultert, ein paar Magazine mit Munition am Gürtel, entschlossen, sich den Dschihadisten entgegenzustellen. Inzwischen sollen es bald zweitausend Mann sein, mehrere Tausend Jesiden lassen sich zudem gerade an Waffen ausbilden und wollen so bald wie möglich in den Kampf ziehen.

Rückkehr in den Irak nach Saddams Ende

Shesho ist ihr Anführer, der Chef des Widerstands, Held der Jesiden - der Deutsche, der 1981 mit seiner Frau und den Kindern aus Sindschar flüchtete, vor Saddam Hussein und seinen Truppen, die die Kurden vernichten wollten. Die Sheshos versuchten ihr Glück zunächst in Syrien, wo sie neun Jahre lang lebten.

Aber auch dort spürten sie, dass sie, die Kurden und Jesiden, unerwünscht waren. Der Familie gelang 1990 die Flucht nach Deutschland, ins nordrhein-westfälische Bad Oeynhausen. Sie wurden als Asylberechtigte anerkannt, später erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Shesho arbeitete als Gärtner.

Vertriebene Jesiden: Ausharren in Müllbergen, Hauptsache im Schatten
REUTERS

Vertriebene Jesiden: Ausharren in Müllbergen, Hauptsache im Schatten

Die Bindung nach Sindschar aber hat Shesho nie gekappt. Immer wieder machte er Urlaub im Nordirak, besuchte Verwandte und Freunde in den kurdischen Gebieten. Als 2003 die USA einmarschierten und Saddams Schreckensherrschaft beendeten, war das die Chance, in die alte Heimat zurückzukehren.

Seither kämpft er. "Es hat schon in früheren Jahren Angriffe auf uns Jesiden gegeben", sagt sein Sohn Adnan. "Dieser letzte war der schwerste von allen." Das sieht auch sein Vater so. "Uns gehen allmählich Munition, Waffen und Vorräte aus", teilt er per Telefon aus den Bergen mit.

Jesiden misstrauen der Peschmerga-Armee

Immer wieder steigen Kämpfer hinunter, gehen in die Ortschaften und suchen in den verwaisten Gebäuden nach Lebensmitteln. "Viel haben die Terroristen nicht zurückgelassen", sagt Khaled, ein junger Mann aus der nächstgrößeren Stadt Dohuk, der sich Shesho anschließen möchte.

Jesidische Familien unterwegs: Auf dem Rücken des Esels Richtung Syrien
REUTERS

Jesidische Familien unterwegs: Auf dem Rücken des Esels Richtung Syrien

Die Stimmung ist gedrückt in diesen Tagen. Kürzlich machte das Gerücht die Runde, mehrere Tausend IS-Milizen würden aus Syrien Richtung Sindschar vorrücken. "Wer garantiert uns, dass die USA uns auch in Zukunft unterstützen?", fragt Khaled. "Wir trauen niemandem mehr, wir müssen uns selbst verteidigen."

Besonders groß ist das Misstrauen der Jesiden gegenüber der Peschmerga-Armee, die der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak untersteht. "Als die vom IS-Angriff hörten, sind die mit ihren 7000 Mann einfach abgehauen", schimpft Khaled. "Von denen hat uns niemand geholfen. Die haben uns im Stich gelassen, als die Terroristen vor unserer Haustür standen."

Viele sagen nun: Es mag richtig sein, die Peschmerga aufzurüsten, wie es auch Deutschland beschlossen hat. "Genauso wichtig ist es aber auch, uns Jesiden zu bewaffnen und uns zu helfen", sagt Qasim Shesho. Die internationale Gemeinschaft dürfe sein Volk nicht wieder vergessen.

Tee zum Frühstück: Angekommen im Flüchtlingscamp in Bajed Kadal
REUTERS

Tee zum Frühstück: Angekommen im Flüchtlingscamp in Bajed Kadal

Die rund 300.000 Jesiden, die im Irak leben, seien allesamt auf der Flucht, sagt Adnan Shesho, der Sohn. "Die Terroristen haben Tausende Mitglieder unserer Gemeinde und andere Angehörige von Minderheiten wie Christen und Schiiten getötet. Sie haben Menschen bei lebendigem Leib begraben, haben sie geköpft, gekreuzigt, erschossen, haben Frauen vergewaltigt und unsere Kinder umgebracht. Mehrere Hundert Menschen haben sie als Geiseln genommen, unsere Frauen haben sie als Sklaven verkauft." IS habe das Ziel, die Jesiden im Irak auszurotten, fast erreicht. "Leider", sagt Adnan.

Fast niemand mehr will zurückkehren. "Die Erde von Sindschar ist mit unserem Blut getränkt", sagt der Kämpfer Khaled. "Da sind zu viele grausame Erinnerungen. Wir müssen einen Neustart wagen, irgendwo anders." Er selbst hoffe, dass er irgendwann ins Ausland könne. "Nach Deutschland vielleicht. Oder nach Australien."

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ofelas 27.08.2014
1. Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin....
dann kommt der Krieg zu Euch (Carl Sandburg)
shorty.de 27.08.2014
2. stell dir vor
ja ein Krieg dieser Art kann uns auch hier treffen. Toleranz darf nicht dir eigene Freiheit einschränken
Firewing6 27.08.2014
3. .
Wie der SPIEGEL diese Woche schreibt, ist das Waffenmaterial der Bundeswehr weitgehend Schrott. Da bietet es sich doch an, statt nutzloser Reparaturen an Uralt-Rquipment durchzuführen, das ganze Zeug in den Irak zu schaffen. Die Milizen werden schon etwas brauchbares daraus basteln.
l.augenstein 27.08.2014
4.
Handy und telefonieren? Erstaunlich, dass es dort ein Netz gibt, während z.B. Vodafone es nicht mal schafft, in D flächendeckend anzubieten. Auch sonst ist der Artikel etwas merkwürdig. "Deutscher führt Bürgerwehr der Jesiden an!" Wenn ich das richtig gelesen habe, ist der Mann ungefähr soviel Deutscher wie ich Jeside bin.
Känguru 27.08.2014
5.
Die Frage ist eben nut wie viele Deutsche auf der anderen, der falschen, Seit stehen ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.