Brisante Umfrage Warum die Iraker ihre Befreier fürchten

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" beherrscht große Teile des Irak. Die meisten Bürger lehnen die Dschihadisten ab. Doch viele fürchten auch die Milizen, die sie vom IS befreien könnten.

Irakische Soldaten mit einer eroberten IS-Flagge
AFP

Irakische Soldaten mit einer eroberten IS-Flagge


Das irakische Meinungsumfrageinstitut IIACSS hat in den vergangenen Monaten landesweit Iraker zur Sicherheitslage in ihrem Land befragt. Die Wissenschaftler interviewten Menschen in allen 18 Provinzen - auch in der Stadt Mossul, die von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) beherrscht wird. Die Ergebnisse der Erhebung, die das Institut nun in der "Washington Post" veröffentlicht hat, sind bemerkenswert.

Fast alle befragten Iraker lehnten den IS entschieden ab: 99 Prozent der Schiiten und 95 Prozent der Sunniten. Doch darüber, wie die Terrormiliz bekämpft werden soll, gehen die Meinungen auseinander.

Im Kampf gegen den IS setzt Bagdad vor allem auf ethnische und religiöse Milizen. Denn die irakische Armee allein ist noch zu schwach, um gegen die Dschihadisten vorzugehen. An der geplanten Offensive gegen die Stadt Mossul, die seit Juni 2014 vom IS beherrscht wird, sollen schiitisch-islamistische Milizen ebenso wie die kurdischen Peschmerga teilnehmen.

Doch diese Strategie bereitet offenbar vielen sunnitischen Irakern Bauchschmerzen. Und um sie geht es: Denn der IS hat sich im Irak vor allem in mehrheitlich arabisch-sunnitischen Gebieten festgesetzt.

Der "Islamische Staat" im mehrheitlich sunnitischen Westen Iraks
SPIEGEL ONLINE

Der "Islamische Staat" im mehrheitlich sunnitischen Westen Iraks

In der Umfrage sagten 93 Prozent der befragten Sunniten, dass es ihnen Sorgen bereitet, wenn schiitische Milizen in mehrheitlich sunnitischen Gebieten im Irak eingesetzt werden. Warum? 42 Prozent glaubten, dass die schiitischen Milizen Racheakte an den Einheimischen verüben könnten. 31 Prozent sagten, dass dies Iran erlauben würde, seinen Einfluss im Irak auszuweiten. Iraks schiitische Milizen werden von Teheran massiv unterstützt.

Die befragten arabischen Sunniten misstrauten auch der kurdischen Peschmerga-Miliz. 46 Prozent glaubten, dass die Peschmerga das Land, das sie vom IS erobern würden, nicht an die irakische Regierung zurückgeben, sondern selbst besetzt halten würden. 41 Prozent glaubten, dass die Peschmerga Araber misshandeln würden.

Der Vielvölkerstaat Irak driftet weiter auseinander

Die Umfrage legt offen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung im Irak je nach Konfession und Ethnie mittlerweile ist. So bereitete es beispielsweise nur sieben Prozent der befragten Schiiten Sorgen, wenn schiitische Milizen in mehrheitlich sunnitische Gebiete einrücken. Der Kampf gegen die Dschihadisten lässt den Vielvölkerstaat weiter auseinanderdriften.

Iraks 2014 abgesetzter Premierminister Nuri al-Maliki hatte das Landzunehmend konfessionell polarisiert. Mit seinem brutalen Vorgehen gegen die Proteste sunnitischer Iraker hatte er der Propaganda des IS in die Hände gespielt. Seitdem ist es seinem Nachfolger Haider al-Abadi offenbar nicht gelungen, die Gräben zu schließen.

91 Prozent der befragten Sunniten glaubten nicht daran, dass die Regierung alle Iraker gleich behandelt würde unabhängig von Konfession und Ethnie. Auch 60 Prozent der Schiiten gaben an, dass sie nicht den Eindruck hätten, alle Iraker würden gleich behandelt.

Die Befragten wurden nach dem Zufallsprinzip ausgesucht - basierend auf den Daten der Bevölkerungszählung von 2010 - und in persönlichen Gesprächen befragt. Insgesamt wurden 1500 Iraker im Januar und Februar 2016 interviewt. Die Fehlerspanne geben die Wissenschaftler mit 2.5 Prozent an.



insgesamt 41 Beiträge
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darthmax 13.04.2016
1. Künstliche Staatengebilde
funktionieren eben nicht. Nicht in Arabien, nicht in der ehe. Sowjetunion, nicht in Afrika. Wenn der Herrscher wegfällt fängt der Streit der in den künstlichen Grenzen lebenden Völker/ Stämmen an. Vorschlag: es werden diese Länder aufgelöst von der UN und die Bevölkerung soll selbst entscheiden in was für einen Staat sie wollen. Kurdistan, Sunnitistan, Schiitistan, dann würde erst Ruhe einkehren. Das gleiche gilt für alle Randstaaten der ehe. SU und für viele Staaten in Afrika wie dem Sudan, dann gibt es eben auf dem Staatsgebiet viele Staaten, sowas gibt es in Europa doch auch zur Genüge.
trackingerror 13.04.2016
2.
Es ist wie derzeit in der Politik. Entscheidet man sich für die Not oder das Elend? Der einzige Unterschied besteht darin, dass Not und Elend hier leider wortwörtlich zu verstehen sind.
piccolo-mini 13.04.2016
3. Das liegt wohl daran...
dass jede der "Befreier"-Gruppen eigene Interessen hat. Es ist ähnlich wie in Syrien. Wenn man sich da anschaut, wer offen oder verdeckt mit wem verbündet ist, kann es z.B. keine Lösung geben, die den IS besiegt, ohne Assad zu stärken. Hinzu kommt, dass die bei Bedarf immer mal wieder vom Westen durchgeführten Regime-Changes keinesfalls das Wohl des jeweiligen Volkes im Blick hatten, sondern Konzerninterssen und billiges Öl, was die Situation erst geschaffen hat.
Chefredakteur 13.04.2016
4. Großere Unheil ist auf dem Weg!
Nach Sturz Saddam Hossein haben Saudi Arabien und Katar viel Geld investiert um die Nachkommen und Generäle von Saddam wieder zu vereinigen und in Irak einen Putsch zu veranstalten. Da die vorherigen Machthaber nicht direkt sich unter das Volk mischen könnten haben sie solche Gruppen wie Baghdadi und IS an den Front geschickt und ein Massaker ausgelöst. Damals haben die Sunniten sofort IS unterstützt weil sie Angst vor Rache der Schiiten hatten, nun aber kommen die Schiiten endlich im Gebiet der Sunniten und werden diesem nie wieder verlassen. Saudi Arabien und Katar haben sich zwar aus IS in IRak und Syrien zurück gezogen aber sie planen jetzt größere Inversion aus ganz andere Ecke! ICh sehe große Konflikte und Gefahren auf Nahe Ost zukommen! Wir werden wohl in zwei Jahren eine der große Kriege in Nahe Ost erleben, Saudis kaufen sich gerade die Unterstützung oder Neutralität andere Staaten um Iran anzugreifen!
cum infamia 13.04.2016
5. Bitte nachdenken !
Zitat von darthmaxfunktionieren eben nicht. Nicht in Arabien, nicht in der ehe. Sowjetunion, nicht in Afrika. Wenn der Herrscher wegfällt fängt der Streit der in den künstlichen Grenzen lebenden Völker/ Stämmen an. Vorschlag: es werden diese Länder aufgelöst von der UN und die Bevölkerung soll selbst entscheiden in was für einen Staat sie wollen. Kurdistan, Sunnitistan, Schiitistan, dann würde erst Ruhe einkehren. Das gleiche gilt für alle Randstaaten der ehe. SU und für viele Staaten in Afrika wie dem Sudan, dann gibt es eben auf dem Staatsgebiet viele Staaten, sowas gibt es in Europa doch auch zur Genüge.
Nach Ihrem Vorschlag müßte natürlich auch Deutschland aufgelöst werden ! Es ist ja auch unter der Losung " Blut und Eisen " 1871 von Bismarck zusammengeschmiedet worden. Ohne Volksabstimmungen....
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