"Islamischer Staat" Terror-Öl für Italien?

In Italien kommt regelmäßig mehr Öl an, als in den offiziellen Papieren der Raffinerien steht. Die Polizei geht einem schlimmen Verdacht nach: Kooperiert die Mafia mit dem "Islamischen Staat"?

Ruine einer Öl-Raffinerie in Syrien
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Ruine einer Öl-Raffinerie in Syrien


Deir al-Sor war einmal eine schöne Stadt, malerisch gelegen am Euphrat im Osten Syriens. Auf dem fruchtbaren Boden in der Gegend gediehen Getreide und Baumwolle. Mitte der Neunzigerjahre aber war Schluss mit der Idylle: Bei Deir al-Sor wurde Öl entdeckt. Einigen Wenigen brachte der Fund Reichtum, allen anderen bald darauf Not und Schrecken.

Seit Jahren herrscht Krieg in Syrien. Gegner und Anhänger des Präsidenten Baschar al-Assad beschießen sich, die Terrortruppen des "Islamischen Staats" (IS) und die Kurden. Dazu kommen die Bomben der Amerikaner und der Russen.

Noch kontrolliert der IS die Umgebung von Deir al-Sor.

Deir al-Sor nach einem Luftangriff im Jahr 2013
AFP

Deir al-Sor nach einem Luftangriff im Jahr 2013

Das Gebiet rund um die Stadt ist für die Miliz besonders wichtig, die mit Mord und Zerstörung weltweit Angst verbreitet. Öl ist ihre einträglichste Einnahmequelle.

Und einiges deutet daraufhin: Die Terroristen verdienen ihr Geld zu einem wesentlichen Teil, indem sie das Öl aus Gegenden wie bei Deir al-Sor nach Europa verkaufen. Nach Italien.

Schwarzmarkt Italien

Italien spielt im grenzüberschreitenden Geschäft mit Erdöl und den Produkten daraus eine besondere Rolle: als florierender Schwarzmarkt. Aus Osteuropa zum Beispiel sollen Benzin und Diesel in solchen Mengen illegal eingeführt werden, dass dem Staat Steuereinnahmen von vier Milliarden Euro im Jahr entgehen.

Auch aus Libyen bezieht Italien regelmäßig illegal Öl und dessen Derivate. Der verbotene Handel läuft wie geschmiert, haben Uno-Inspektoren recherchiert.

Bewaffnete und gewaltbereite Gruppen verschaffen sich Zugriff auf Förderstellen, wo der kostbare Rohstoff aus der Tiefe geholt und oft auch weiterverarbeitet wird. Mit Lastwagen wird die Ware in kleine, von den eigenen Leuten kontrollierte Häfen gebracht und auf Frachtschiffe verladen. Die Boote fahren nachts los, vor Malta schalten sie die Elektronik ab, mit der sie geortet werden könnten und warten auf große Tanker, die in Russland, Zypern oder Panama gemeldet sind. In diese wird die Fracht umgeladen und die Fahrt geht weiter, zum Beispiel nach Sizilien oder auch in einen norditalienischen Hafen.

Milizen und Mafia

Treffpunkt, Mengen, Preise haben Zwischenhändler vereinbart, die als Käufer und Verkäufer für Firmen operieren, die nach jedem einzelnen Geschäft eliminiert werden. Die nötigen Papiere liefert die Mafia.

Das Londoner Nachrichtenportal Middle East Eye zitiert anonyme Quellen, die von einem Pakt zwischen libyschen Milizen und sizilianischen Clans zur reibungslosen Abwicklung solcher Geschäfte berichten. Auch der italienische Antimafia-Staatsanwalt Franco Roberti mahnt seit Längerem, dass es "zwei potenzielle Kontaktpunkte zwischen dem islamistischen Terrorismus und der organisierten Kriminalität" gebe: "Drogen und Öl".

Nach demselben Muster wie in Libyen läuft offenbar auch das Öl-Geschäft mit den IS-Terroristen. Sie verkaufen zwar einen erheblichen Teil der Förderungen auf den von ihnen besetzten Gebieten gleich in der Nachbarschaft, problemlos auch an die Kriegsgegner, heißt es - an die Kurden etwa oder an die Assad-Armee. Denn deren Militärlaster und Oldtimer fahren auch mit qualitativ minderwertigem Diesel-Kraftstoff, der in Europa keine Abnehmer fände.

Das große Geld wird aber auch dort mit dem Export gemacht. Da geht es meist um das nur wenig behandelte oder verarbeitete Rohprodukt. Das kann freilich nur an Raffinerien nicht an Endabnehmer verkauft werden.

Vom Terrorstaat zum Sorgenkind

Eine Weile lief der Handel vor allem über die Türkei - per Lastwagen an grenznahe Hafenstädte, mit gefälschten Papieren, schließlich aufs Schiff. Inzwischen sei die Türkei-Passage etwas schwieriger zu befahren, heißt es. Aber offenbar geht es immer noch, womöglich mit kleineren Schiffen oder über den einzigen syrischen Mittelmeerhafen Latakia.

Denn als die italienische Finanzpolizei routinemäßig Raffinerien in Sizilien und Norditalien überprüfte, entdeckte sie, dass keineswegs nur Öl und Benzin aus Libyen illegal nach Italien transportiert und dort auf Schwarzmärkten verkauft wird, sondern wohl auch Öl aus den IS-besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak in Italien landet. Denn die uniformierten und bewaffneten Steuer- und Finanzaufpasser stellten fest, dass in den überprüften Raffinerien tatsächlich weit mehr Rohöl aus Syrien und dem Irak verarbeitet wurde, als offiziell angegeben. Schwarzes Öl also, das aus diesen Ländern vor allem vom IS verkauft wird.

SPIEGEL ONLINE

So besonders genau schauten die italienischen Raffinerien womöglich nicht auf die Ursprungstestate des ihnen preiswert angebotenen Rohstoffes, erzählt ein Branchen-Experte, wenn auch nur anonym. Viele Raffinerien dort hätten nämlich Probleme. Es gebe zu viele, zu alte, überwiegend unrentable Anlagen. Während in Deutschland die Auslastung der Raffinerien fast bei 100 Prozent liege, kämen die Italiener nur auf 70 bis 80 Prozent. Italien sei "das Sorgenkind der europäischen Raffinerie-Wirtschaft".

Öl-Einnahmen des IS: Eine Million Euro am Tag

Den Terrormilizen in Syrien und im Irak kann das alles egal sein. Sie kassieren bar und haben mit dem weiteren Weg ihres Erdöls nichts zu tun. Mindestens 20 bis 25 Dollar bekommen sie für jedes Barrel Rohöl (159 Liter). Und da sie schätzungsweise 50.000 Barrel am Tag verkaufen, kassieren sie täglich, auf Euro umgerechnet, etwa eine Million. So jedenfalls steht es in dem Bericht der italienischen Ermittler, aus dem italienische Medien zitieren. Andere Schätzungen, etwa vom Brookings Doha Center, einem Forschungsinstitut in Katar, liegen noch höher.

So oder so, es ist sehr viel Geld. Damit bezahlt der IS seine Kämpfer, kauft Waffen und Material zum Bombenbauen. Es geht also um weit mehr als Steuerhinterziehung. Deshalb hat die EU kürzlich das Mandat der "Mission Sophia" ausgeweitet. Die Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber verschiedener europäischer Länder sollen fortan nicht nur die Schleuser auf der Mittelmeer-Route von Afrika nach Europa dingfest machen, was bislang ihr Auftrag war. Sie sollen nun auch den illegalen Öl-Transport bekämpfen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben präzisiert, dass der IS nicht die Stadt Deir al-Sor kontrolliert, sondern ihre Umgebung.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
rainer_d 30.08.2017
1. Wie hat es Smedley Butler ausgedrückt?
"War is a racket". Ganz am Ende ist Krieg eben bloss ein schmutziges Geschäft.
johannesbueckler 30.08.2017
2. Und ich dachte das Zitat wäre Rhett Butler zuzurechnen:-)
Aber die Logistik mit dem Öl sollte doch kontrollierbar sein mit einigen Fregatten.....
Skyscanner 30.08.2017
3. Oh, nach all den Jahren wird einmal in den Medien
etwas berichtet bzw. erwähnt wo oder wer das viele vom Islamischen Staat gestohlene syrische und irakische Öl kauft? Denn die vielen Lastwagen fallen ja nicht auf, nicht in der heutigen Welt, wo Satelliten Mikroschrift am Boden ablesen können. Liegt es daran, das der Islamische Staat das irakische und syrische Öl zu einem sehr niedrigen Preis an kurdische und türkische Schmuggelbanden anbietet, die es auf dem Papier als Öl der kurdischen Regionalregierung deklarieren. Und somit es dann "legal" in die Türkei gebracht wird bzw. dort aufbereitet wird. Von dort aus gelangt es durch Mittelsmännern nach Europa / Italien). Da die Türkei zu den "Guten" gehört, wird einfach nur zugeschaut, einfach weg geschaut, es ist ja finanziell attraktiver Bomben auf dem IS zuschmeißen als die Ihre finanzielle Grundlage entziehen. Da sollen nur noch einmal unsere heuchlerischen Politiker sagen, die wollen die IS bekämpfen, das ist einfach nur gelogen – das Geld regiert die Welt, nicht die Politiker. Solange alle Beteitigten an den Krieg kräftig verdienen, wird der Krieg nicht enden.
at.engel 30.08.2017
4. "Schlimmer Verdacht..."
Ich habe ja rein persönlich den "Verdacht", dass, wenn es in dieser Region, nicht um viel, immens viel Geld ginge, wir die letzten hundert Jahre relativ wenig aus dieser Ecke der Erde gehört hätten - das hätte jedenfalls relativ wenig Leute wirklich interessiert. Die meisten Regime sind ja aus der Sicht einer aufgeklärten, demokratisch Gesellschaft völlig undiskutabel. Und die wenigsten könnten sich wahrscheinlich halten, wenn da nicht immens viel Geld da wäre. Und dass sich der Terror da überhaupt fesetzen konnte und heute weltweiten Einfluss gewonnen hat, liegt ja auch nur daran, dass er erst mal von irgendjemand finanziert wurde - ehe er begann sich - und wahrscheinlich nur teilweise - über illegal ausgeführtes Erdöl zu finazieren. Und ich habe den Eindruck, dass eine ganze Reihe westlicher Länder ganz legal(!) mit diesen Regimen - die versuchen über Terrororganisationen ihren Einflussbereich auszuweiten - Handel treiben. Dass da dann noch irgendeine Mafia ihre Hände im Spiel hat, ist sowieso klar. Und wenn dann irgendwann noch ein paar Informationen über die Banken durchsickern, wird man sich wahrscheinlich über gar nichts mehr wundern. Ich glaube nicht, dass die ihre Geschäfte heute noch wie in den Filmen mit einem Köfferchen voll Banknoten abwickeln...
hausierer 30.08.2017
5. Überrascht uns das wirklich ??
Je weiter man von Nordeuropa in den " Süden " blickt, desto " kreativer " ist die dortige Bevölkerung ....Clans und" Familien " gehören zu deren Traditionen , mit allem was dazu gehört....man sollte sich nur etwas mehr mit der Geschichte europäischer Staaten befassen, dann würde man manche " Verhaltensweisen " besser verstehen....
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