Opfer des "Islamischen Staats" Der Mann, der den Jesidinnen hilft

Grausames haben Kämpfer des "Islamischen Staats" jesidischen Frauen und Mädchen angetan. Rund tausend Opfer kommen jetzt zur Behandlung nach Baden-Württemberg. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan begleitet sie.

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Psychologe Kizilhan: Begleitung für die IS-Opfer
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Psychologe Kizilhan: Begleitung für die IS-Opfer


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Jan Ilhan Kizilhan, 49, pendelt zwischen seiner Heimat in Baden-Württemberg und dem Nordirak. In seinem Büro in Dohuk hört sich der Psychologe die Geschichten der Überlebenden an: Menschen, die vom "Islamischen Staat" (IS) verschleppt und misshandelt wurden, bevor sie den Dschihadisten entkommen konnten. 800 hat er bereits interviewt, die meisten von ihnen sind irakisch-jesidische Frauen. Kizilhan sagt: "Jedes Mal, wenn man denkt, man hat bereits das Schlimmste gehört, erzählt einem jemand etwas noch Schlimmeres."

Etwa die 16-Jährige, die nachts aufwachte aus Angst, die Dschihadisten könnten zurückkommen und sie wieder vergewaltigen. Sie stand auf, benetzte ihr Gesicht mit Brennstoff und zündete sich an. Das Mädchen überlebte, ihre Gesichtshaut und ihre Hände aber sind verbrannt. "Wenn ich hässlich bin, werden sie mich nicht wieder vergewaltigen", erklärte sie Kizilhan.

Oder die 11-Jährige, die zur Bäckerei wollte, als plötzlich IS-Kämpfer vor ihr standen. Sie verschleppten das Mädchen und andere Familien aus dem irakisch-jesidischen Dorf. Das Kind musste zuzusehen, wie die Dschihadisten ihren Großvater ermordeten. Danach wurde sie verkauft und monatelang immer wieder vergewaltigt. Versteckt unter dem Rock einer älteren Jesidin, die gegen Lösegeld freikam, konnte sie dem IS entkommen.

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Fotostrecke: Das Leid der Jesiden
Am 3. August 2014 war der IS im Sindschar-Gebirge des Nordirak eingefallen, wo viele Jesiden leben. Es folgte ein grausamer Feldzug: Die Dschihadisten ermordeten systematisch jesidische Jungen und Männer. Noch immer ist unbekannt, wie viele getötet wurden. Nach und nach werden Massengräber entdeckt, die Angehörigen leben in quälender Ungewissheit. Tausende jesidische Kinder und Frauen wurden verschleppt, versklavt und misshandelt. Knapp 2000 konnten seitdem entkommen. Noch immer werden zwischen 3000 und 4000 vom IS gefangen gehalten. Für die Jesiden ist nichts mehr, wie es war.

Helfer Kizilhan hat eine schwierige Aufgabe: Er wählt aus, wem in Deutschland geholfen werden soll. Er kann nicht alle mitnehmen und fast alle wollten fort, erzählt er. Die meisten Jesiden müssen noch immer in Flüchtlingslagern leben. Sie haben keine sichere Heimat, in die sie zurückkehren können: Der IS wurde zwar aus dem Sindschar-Gebirge zurückgedrängt, doch er könnte jederzeit erneut angreifen. Zudem mussten die Jesiden erleben, wie manche ihrer sunnitischen Nachbarn mit den Dschihadisten zusammenarbeiteten. Das Misstrauen ist groß.

Front im August 2014: Inzwischen konnte der IS aus dem Sindschar zurückgedrängt werden, doch für eine Rückkehr der Flüchtlinge ist die Lage noch zu unsicher
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Front im August 2014: Inzwischen konnte der IS aus dem Sindschar zurückgedrängt werden, doch für eine Rückkehr der Flüchtlinge ist die Lage noch zu unsicher

Der Psychologe versucht, die Schutzbedürftigsten zu identifizieren. Menschen, denen eine Psychotherapie in Deutschland helfen könnte, in ein normales Leben zurückzukehren. Baden-Württemberg will bis Ende des Jahres 1000 IS-Opfer aufnehmen und behandeln, 250 sind bereits da. Es gibt kein Religions-, Ethnie- oder Staatsbürgerschaftskriterium: Christen, Schiiten, Schabak und Turkmenen haben Ähnliches erlebt, irakische wie syrische. Doch am stärksten betroffen waren junge jesidische Frauen aus dem Nordirak. Daher sind die meisten der bereits aufgenommenen Jesidinnen zwischen 11 und 24 Jahren.

Auch ein paar jesidische Jungen sind darunter, die der IS zu Kindersoldaten ausbilden wollte. Bei ihnen muss Kizilhan abwägen, ob sie nach der Gehirnwäsche durch den IS eine Gefahr darstellen könnten. Nur wenn keine Bedenken bestehen, ist es denkbar, dass sie in Baden-Württemberg von Psychologen oder Sozialpädagogen begleitet werden und wieder zur Schule gehen können.

Anfangs kamen die Kinder und Frauen mit Linienflügen über die Türkei nach Baden-Württemberg. Doch prompt trafen sie beim Umsteigen in Istanbul auf eine Gruppe Bärtiger in traditionellen islamischen Gewändern: keine Dschihadisten, sondern Pilger auf dem Weg nach Mekka. Mehrere der jungen Frauen gerieten in Panik. Nun werden sie mit Charterflügen nach Deutschland gebracht, um solche belastenden Zusammentreffen zu vermeiden.

Mehrere andere Bundesländer wollen nachziehen

Kizilhan ist der richtige Mann für die harte Mission: Der promovierte Psychologe ist Traumaexperte und arbeitete bereits mit Überlebenden der Bürgerkriege aus Ex-Jugoslawien und Ruanda. Dazu promovierte er in Orientalistik über Minderheiten im Nahen Osten. Er hat psychologische Studien über die Jesiden verfasst. Seine Eltern sind Kurden; Kizilhan spricht Türkisch, Persisch und die kurdischen Dialekte Sorani und Kurmandschi, den auch die meisten Jesiden sprechen. Auch sie sind Kurden, doch konvertierten sie nicht zum Islam, sondern bewahrten ihre jahrtausendealte Religion.

Vor Ort im Nordirak wäre es nur bedingt möglich, den traumatisierten Mädchen und Frauen zu helfen. Es gibt kaum Psychotherapeuten. Zudem tut sich die konservative jesidische Gesellschaft schwer, mit einem Tabu wie Vergewaltigungen umzugehen. Das macht es den jungen Frauen nicht leichter, mit dem Erlebten umzugehen. Nach ihrer Befreiung versuchen viele, sich umzubringen. Kizilhan sind 18 Fälle bekannt, in denen der Versuch gelang.

Kizilhan erklärt, dass eine Jesidin nach Sex mit einem Nichtjesiden eigentlich nicht mehr als Mitglied der Gruppe gilt. Doch der oberste Priester der Jesiden habe klargestellt, dass die vergewaltigten Jesidinnen weiterhin dazugehörten. Vor ihrer Ausreise nach Deutschland segne der Priester die Mädchen und Frauen im Tempel von Lalesch, dem wichtigsten Heiligtum der Jesiden. Eine wichtige Geste, die Halt geben soll. Wer Abschied nehmen konnte, tut sich manchmal leichter mit dem Weg nach vorn. Baden-Württemberg stellt es den Kindern und Frauen nach zwei Jahren frei, in den Irak zurückzukehren oder zu bleiben.

Die inzwischen 17-Jährige mit den Brandverletzungen sei bereits in Baden-Württemberg und wurde operiert, sodass sie ihren mit dem Hals zusammenvernarbten Kopf wieder bewegen könne, erzählt Kizilhan. Ein erster kleiner Schritt zu einem Teenagerleben in Deutschland. Die 11-Jährige, die unter einem Rock versteckt flüchtete, zeige sich aufgeweckt und träume davon, eines Tages anderen als Ärztin oder Therapeutin zu helfen.

Baden-Württembergs Beispiel hat sich bereits herumgesprochen: Kizilhan wird international eingeladen, das Programm vorzustellen. Niedersachsen will ab September nachziehen und auch Hessen denkt darüber nach.

Zusammengefasst: Baden-Württemberg will bis Ende des Jahres 1000 Kinder und junge Frauen aufnehmen, die vom "Islamischen Staat" entführt und misshandelt wurden. Sie sollen in Deutschland eine Therapie bekommen und in ein normales Leben zurückfinden. 250 Kinder und junge Frauen sind bereits eingeflogen worden und finden nun langsam zurück ins Leben.



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