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Terror in Paris: Das zynische Kalkül der Dschihadisten

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Blumen an einem der Tatorte von Paris: Misstrauen säen Zur Großansicht
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Blumen an einem der Tatorte von Paris: Misstrauen säen

Zwei Attentäter von Paris hielten sich vor den Anschlägen offenbar in Syrien auf. Einer soll mit syrischem Pass nach Europa eingereist sein. Ermittlern zufolge war das Dokument gefälscht - dass es gefunden wurde, gehörte wohl zum Plan.

Ein Finger führte die Ermittler auf die Spur von Omar Ismail M. Die Spurensicherung fand das abgetrennte Körperteil im Bataclan-Konzertsaal. Dort hatte M. am Freitagabend gemeinsam mit zwei Komplizen mindestens 89 Menschen getötet, bevor er seinen Sprengstoffgürtel zündete und sich selbst in die Luft sprengte.

Die Fingerabdrücke waren bei der Polizei gespeichert, denn M. war ein polizeibekannter Kleinkrimineller. Er wurde 1985 im Pariser Vorort Courcouronnes als Sohn algerischer Einwanderer geboren. Zwischen 2004 und 2010 wurde er nach Angaben der französischen Justiz insgesamt achtmal wegen kleinerer Delikte verurteilt. Unter anderem wegen Fahrens ohne Führerschein, Beleidigung, falscher Verdächtigungen und Handels mit Betäubungsmitteln. Jedes Mal entging er einer Gefängnisstrafe.

In dieser Zeit begann offenbar auch seine islamistische Radikalisierung. Seit 2010 haben französische Sicherheitsbehörden M. in ihrer sogenannten S-Datei geführt. Dort werden alle Verdächtigen registriert, von denen eine Gefahr für die Sicherheit des Landes ausgeht. "Er war aber niemals Beschuldigter bei Ermittlungen zur Bildung krimineller Vereinigungen und von Terrorgruppen", sagte Staatsanwalt François Molins.

Reise in den Bürgerkrieg

Um 2010 zog M. nach Chartres, eine rund 90 Kilometer südwestlich von Paris gelegene Kleinstadt. "Seit 2012 rührte er sich überhaupt nicht mehr und fiel gar nicht mehr auf", sagte der Bürgermeister von Chartres, Jean-Pierre Gorges. "Soweit wir wissen, war er arbeitslos. Er soll in einer Sozialwohnung im Stadtteil La Madeleine gewohnt haben, aber das überprüfen wir derzeit noch." Anwohner sagten der Lokalzeitung "Journal de Centre", sie hätten M. seit zwei oder drei Jahren nicht mehr im Viertel gesehen.

Moschee bei Chartres: Hier soll M. einer Salafistengruppe angehört haben Zur Großansicht
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Moschee bei Chartres: Hier soll M. einer Salafistengruppe angehört haben

Nach Informationen von "Le Monde" setzte sich der Mann vor etwa zwei Jahren nach Syrien ab. Eine Spur belege, dass M. über die Türkei in das Bürgerkriegsland einreiste. Dort hielt er sich offenbar mehrere Monate auf. Im Frühjahr 2014 tauchte M. wieder in Chartres auf. Er fiel den Behörden als Mitglied einer kleinen Gruppe von Salafisten auf. Die Polizei ging aber davon aus, dass der Mann "ein einfaches Mitglied" dieser Gruppe war, von dem keine unmittelbare Gefahr ausging.

Auch zur Identität eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France meldeten die Ermittler am Samstag erste Erkenntnisse. In der Nähe einer Leiche fand die Spurensicherung einen syrischen Pass. Das Dokument soll auf einen Ahmed Almohammad ausgestellt worden sein, geboren am 10. September 1990.

Am 3. Oktober dieses Jahres hatte sich ein Mann mit diesem Ausweis in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Leros als Flüchtling registrieren lassen. Nach Angaben des Innenministeriums in Belgrad reiste ein Mann mit diesem Pass am 7. Oktober von Mazedonien nach Serbien und ließ sich in einem Erstaufnahmezentrum in der Stadt Presevo registrieren.

Aus Polizeikreisen heißt es, dass der Pass höchstwahrscheinlich gefälscht war und möglicherweise von Fälschern in der Türkei hergestellt wurde. Offenbar tarnte sich der Terrorist als Syrer, um nach Europa zu gelangen.

Zwietracht säen

Der Attentäter wollte allem Anschein nach, dass die Behörden diesen Weg über Griechenland und den Balkan nachvollziehen können. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) lehnt das Konzept einer Staatsbürgerschaft generell ab und betrachtet Syrien wie alle anderen Länder als illegitime Gebilde, die zerstört werden müssen. Trotzdem trug der Dschihadist einen syrischen Pass bei sich. Offenbar wollte er, dass das Dokument gefunden wird.

Es gehört zu den Zielen des IS, Zwietracht zwischen den europäischen Gesellschaften und den islamischen Minderheiten zu säen. Wenn sich die Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, sind sie für den radikalen Islam der Dschihadisten empfänglich, so das Kalkül. Sollten sich nun tatsächlich einer oder mehrere Attentäter als Flüchtling getarnt haben, um nach Frankreich zu gelangen, wird in Europa das Misstrauen gegenüber den syrischen Flüchtlingen wachsen. Wenn das gesellschaftliche Klima feindseliger wird, spielt das den Radikalen in die Karten.

Videoanalyse: Christoph Sydow über das IS-Bekenntnis

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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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