Bodenoffensive gegen IS Der saudische Scheinriese

Saudi-Arabien prescht voran: Die Armee hat ihre Bereitschaft zur Entsendung von Bodentruppen gegen den IS erklärt. Doch in der Vergangenheit erwiesen sich ähnliche Ankündigungen als leere Drohungen.

Saudi-arabische Soldaten in Mekka: "Wir haben jetzt im Jemen Erfahrungen gesammelt"
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Saudi-arabische Soldaten in Mekka: "Wir haben jetzt im Jemen Erfahrungen gesammelt"

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Ahmed al-Asiri verkündete es ganz offiziell: "Ich möchte heute über den Kanal al-Arabiya bekanntgeben, dass Saudi-Arabien bereit ist, an allen Bodenoperationen gegen den IS in Syrien teilzunehmen, wenn sich die Führung der Koalition darauf einigt", sagte der Sprecher des saudi-arabischen Militärs am Donnerstagabend.

Die Reaktion aus den USA ließ nicht lange auf sich warten: "Diese Nachricht ist hochwillkommen", sagte Verteidigungsminister Ashton Carter. Saudi-Arabien zeige seine Bereitschaft, die Führungsrolle der islamischen Länder im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu übernehmen.

Doch wie könnten diese Führungsrolle und eine von Saudi-Arabien geführte Bodenoffensive gegen den IS überhaupt aussehen?

"Wir haben jetzt im Jemen Erfahrungen gesammelt", erläuterte Asiri seine Ankündigung. Dort führt Saudi-Arabien seit März vergangenen Jahres Krieg gegen die Huthi-Milizen. Ziel der Offensive ist es, die Aufständischen aus der Hauptstadt Sanaa zu vertreiben, und Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi wieder an die Macht zu bringen. Von dem Ziel ist die Führung in Riad auch nach elf Monaten Krieg weit entfernt. Stattdessen hat sich die Lage im Bürgerkriegsland weiter destabilisiert, IS und al-Qaida werden immer stärker.

Scheckbuchkrieg im Jemen

Der Krieg im Jemen hat das saudi-arabische Militär als Scheinriesen entlarvt. 150.000 Soldaten stünden für eine Bodenoffensive bereit, hatte das Königshaus zu Beginn des Kriegs verkündet. Eine Invasion stehe unmittelbar bevor, hieß es im März 2015. Passiert ist seither wenig. Wenige tausend saudi-arabische Soldaten sind derzeit in den Städten Aden und Tais stationiert.

Inzwischen sind Riad und seine Verbündeten dazu übergegangen, den Kampf gegen die Huthi-Rebellen an Söldner auszulagern. Mehrere Hundert Ex-Soldaten aus Kolumbien kämpfen mittlerweile an der Seite Saudi-Arabiens im Jemen.

Auch an der US-geführten Operation gegen den IS im Irak und in Syrien beteiligt sich Saudi-Arabien seit September 2014. Damals veröffentlichte das Herrscherhaus Bilder eines saudischen Prinzen, der sich als F-16-Pilot an den Luftschlägen beteiligt. Doch tatsächlich ist die saudi-arabische Mission nicht viel mehr als Symbolpolitik: In 16 Monaten flog das Militär nach Asiris Angaben mehr als 190 Luftoperationen gegen IS-Stellungen. Zum Vergleich: Die russische Luftwaffe hat allein in dieser Woche mehr als 900 Ziele in Syrien bombardiert.

Die Armee des saudischen Herrscherhauses ist zwar hochgerüstet, verfügt aber kaum über Erfahrung im Kampf am Boden. Den Krieg im Jemen führt Riad mit Luftschlägen und Artillerie. Im Golfkrieg 1991 eroberte die Armee die Grenzstadt Chaidschi zurück, die kurzzeitig von irakischen Truppen erobert worden war. Das war die letzte große Schlacht, an der saudi-arabische Truppen am Boden beteiligt waren.

Sollen Saudi-Araber gegen Saudi-Araber kämpfen?

Doch eine Bodenoffensive gegen den IS wäre für Saudi-Arabien nicht nur militärisch riskant. Sie würde das Land auch vor eine ideologische Zerreißprobe stellen. Geht es nach dem Gesellschaftsbild, liegen Saudi-Arabien und der IS nämlich gar nicht so weit auseinander. Sowohl in Saudi-Arabien als auch beim IS wird Recht auf Grundlage einer fundamentalistischen Auslegung der Scharia gesprochen. Beide Regime propagieren eine strenge Geschlechtertrennung und betrachten nicht-sunnitische Muslime als Ungläubige oder Abtrünnige.

Die Tageszeitung "al-Hayat" führte im August 2014 eine Umfrage in Saudi-Arabien durch. Demnach waren 92 Prozent der Befragten der Ansicht, dass der IS mit den Werten des Islams und der Scharia übereinstimme. Tausende Saudi-Araber haben sich den Dschihadisten in Syrien und im Irak angeschlossen, sie stellen damit eine der größten Gruppen unter den ausländischen IS-Kämpfern. Eine Bodenoffensive hätte damit zur Folge, dass Saudi-Araber gegen Saudi-Araber kämpfen würden - für einen Staat, in dem Familien- und Stammesbeziehungen eine entscheidende Rolle spielen, ist das bislang eine ungeheuerliche Vorstellung.

Hinzu kommt: Saudi-Arabiens Erzfeind Iran würde die Entsendung der Truppen nicht als Angriff gegen den IS, sondern Bedrohung seiner eigenen Interessen interpretieren. Teheran hat Tausende Kämpfer nach Syrien geschickt, die auf Seiten des Assad-Regimes kämpfen. Sollte Saudi-Arabien auch Soldaten ins Land schicken, droht eine direkte Konfrontation zwischen beiden Staaten.

Und selbst wenn Saudi-Arabiens Truppen den IS schlagen sollten: Unter ihrer Aufsicht würde kaum ein neuer syrischer Staat entstehen, der auf demokratischen Werten basiert und in dem Minderheiten gleiche Rechte genießen.


Zusammengefasst: Saudi-Arabien hat sich zu einer Bodenoffensive gegen den IS in Syrien bereiterklärt. Eine solche Operation wäre aus mehreren Gründen riskant: Der Armee fehlt die Erfahrung, außerdem würde eine Invasion für das Königreich zur Zerreißprobe.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
dissidenten 05.02.2016
1.
So leer muss die Drohung der Saudis nicht sein: 2011 hat das saudische Militär auch unter höchster Gewissenhaftigkeit in einem Auslandseinsatz die Demonstranten in Bahrain getötet.
biba_123 05.02.2016
2. Da wird der IS aber Angst bekommen!
Da kommen ein paar saudische Schönwettersoldaten, die seit 50 Jahren nur Paradeerfahrung haben. Ich glaube,wir werden ganz schnell weglaufende Saudis sehen.
Richtigstellung. 05.02.2016
3. Sehr guter Beitrag!!
...das einzige was mir fehlt ist ein Hinweis darauf, dass die jemenitischen Spezialkräfte die fast ausnahmslos Pro-Saleh sind bereits in den Süden Saudi-Arabiens einmarschiert sind und den Saudis erhebliche Niederlagen beigebracht haben.
whitewisent 05.02.2016
4.
Der Artikel geht von falschen Voraussetzungen aus, bzw. blendet einen wichtigen Punkt aus - das Nachkriegssyrien. Es ist unter Experten unstrittig, das dessen Ordnung nur mit internationaler Unterstützung und Kontrolle erfolgen kann. Kosovo und Afghanistan sind dort Vorbilder. Und da sich Saudi Arabien als Schutzmacht der Sunniten versteht, ist es logisch, bereits während des Krieges sich militärisch in diesen Gebieten zu engagieren, egal ob es wirklich Kämpfe gegen den IS sind, oder nicht eher die Besetzung wichtiger Infrastrukturen wie Brücken und Siedlungen. Schon die Macht über den Euphrat ist ein wesentlicher Punkt, wenn man diese den (schiitischen) Kurden mit der Schutzmacht Iran überlässt, ist dessen Ziel erreicht, die Siedlungsgebiete der Schiiten zu vereinen, muß ein Alptraum für die Saudis und die USA. Die Russen werden die Mittelmeerküste nicht mehr her geben, genauso wie Damaskus an die Hisbollah und Assad fällt. Wenn man dann noch die 30km Schutzzone für die Türkei abzieht, ist der Kuchen Syrien schon ziemlich beschnitten, also höchste Zeit, die teuren Panzer in Bewegung zu setzen, die Sunniten in Syrien werden sie willkommen heißen, denn sie eint mehr als sie trennt, nicht nur der IS, sondern auch die Gemäßigten.
Freidenker10 05.02.2016
5.
Die Syrer können einem echt leid tun. Ich blick da selbst nicht mehr durch. Assad kämpft gegen die Rebellen. Die Rebellen kämpfen gegen Assad und den IS. Die Russen kämpfen gegen die Rebellen und die Kurden (?). Der IS gegen alle (?). Die Amis gegen den IS und wen nochmal? Und nun die Saudis gegen wen? Am Ende bekommen die syrischen Zivilisten von allen die Bomben ab...
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