Gestohlene Akten Britischer TV-Sender hat offenbar Daten von 22.000 IS-Anhängern

Ein IS-Mitglied soll einem britischen TV-Sender Informationen über Tausende Dschihadisten zugespielt haben. Darunter seien auch die Namen potenzieller Selbstmordattentäter.


Die Informationen gehen ins Detail: Es geht um Blutgruppen, Kampferfahrung, Kenntnisse im islamischen Scharia-Recht, Telefonnummern. Daten von 22.000 Dschihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sollen auf der Liste stehen, darunter auch potenzieller Selbstmordattentäter. Der britische Fernsehsender Sky News hat die Namen und Identitätsprofile nach eigenen Angaben zugespielt bekommen.

Die mutmaßlichen IS-Anhänger auf der Liste stammen aus 51 Ländern, darunter Großbritannien, mehrere nordeuropäische Staaten, die USA, Kanada sowie zahlreiche Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas. Bei einigen soll es sich um bislang unbekannte Kämpfer handeln, die nicht im Visier der Sicherheitsbehörden stehen, berichtete der Sender.

Laut dem Sender hat ein enttäuschter IS-Kämpfer die Akten dem Chef des internen IS-Sicherheitsapparats gestohlen und auf einem Speichermedium an Sky News übermittelt. Sie basieren demnach auf Registrierungsbögen, mit denen die IS-Anhänger bei der Aufnahme in die Terrororganisation erfasst wurden.

Ein Datensatz habe explizit "Märtyrer" aufgelistet, die sich zu Selbstmordanschlägen bereit erklärt hätten und dafür trainiert worden seien, hieß es weiter. Unter den Tausenden Männern sind dem Bericht zufolge viele, die gleich mehrfach unbehelligt durch "Risikoländer" wie den Jemen, Libyen, Pakistan und Afghanistan gereist sind. Da sie aber nicht kontrolliert und überwacht wurden, konnten sie nach Syrien reisen, in den Reihen des IS kämpfen und danach zum Teil wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Genau solche kampferprobten und radikalisierten Rückkehrer fürchten auch die deutschen Sicherheitsbehörden.

IS soll vorhaben, seinen Hauptsitz zu verlegen

Bei dem Datendieb handelt es sich laut Sky News um einen Kämpfer namens Abu Hamed. Er habe zunächst der Rebellengruppe "Freie Syrische Armee" angehört, bevor er zum IS wechselte, den er inzwischen aber auch verlassen hat.

Der Informant verriet laut Sky News zudem, der IS wolle seinen jetzigen Hauptsitz im syrischen Rakka verlegen: Zunächst in die Wüstengebiete an der syrisch-irakischen Grenze und letztlich in den Irak, wo die Miliz ihre Wurzeln hat. Zuletzt war der IS in Syrien und im Irak zunehmend unter Druck geraten.

Mitte der Woche hatten bereits "Süddeutsche Zeitung", WDR und NDR über IS-Dokumente berichtet, die dem Bundeskriminalamt (BKA) vorliegen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Material aus demselben Datensatz, auf den sich nun auch Sky News bezieht. Das BKA machte bisher keine Angaben darüber, über wie viele mutmaßliche IS-Mitglieder ihm Informationen vorliegen.

Es ist wenig überraschend, dass der "Islamische Staat" genau Buch führt über die Ausländer in seinen Reihen. Angaben zur Blutgruppe oder zur Selbstmordanschlag-Bereitschaft sind für die Miliz wichtige Informationen über ihre Kämpfer. Auch die IS-Vorläuferorganisation, die irakische al-Qaida, war bereits ähnlich bürokratisch aufgestellt. 2007 waren den US-Soldaten im Irak die später als "Sinjar Records" bekannt gewordenen Listen in die Hände gefallen, die Namen, Nationalitäten und Rekrutierungswege von knapp 700 ausländischen Kämpfer im Irak festhielten.

kev/ras/AFP/dpa

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