Syrisch-türkische Grenze IS-Milizen starten Sturmangriff auf Kurden

Hunderte schwer bewaffnete IS-Kämpfer haben kurdische Dörfer an der syrisch-türkischen Grenze nahe der Stadt Ras al-Ain angegriffen. Aus anderen Teilen Syriens werden hingegen Erfolge im Kampf gegen die Terrormiliz gemeldet.

Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG bei Ras al-Ain
REUTERS

Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG bei Ras al-Ain


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Damaskus - Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat im Nordosten Syriens eine Offensive auf eine von Kurden kontrollierte Region an der Grenze zur Türkei gestartet. Rund tausend Kämpfer der Extremisten hätten zwei Orte südlich der strategisch wichtigen 50.000-Einwohner-Grenzstadt Ras al-Ain angegriffen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Demnach haben die IS-Kämpfer die Kurden mit Panzern und schweren Waffen angegriffen. Bei den heftigen Kämpfen zwischen der islamistischen Miliz und den kurdischen Kämpfern der YPG seien auf beiden Seiten Dutzende getötet worden.

Es sei dem IS gelungen, ein Nachbardorf zu erobern, berichtete die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle, die sich auf ein dichtes Netz von Informanten in Syrien stützt und deren Angaben sich bislang als zuverlässig herausgestellt hatten. Ein YPG-Sprecher bestätigte die Angaben zu den schweren Gefechten.

Ras al-Ain und die umliegenden Dörfer in der Provinz Hassaka sind überwiegend unter der Kontrolle der YPG. In der Region hatten IS-Kämpfer Ende Februar mehrere Dörfer überrannt und mehr als 200 assyrische Christen verschleppt. Die meisten von ihnen sind bis heute in der Gewalt der Dschihadisten. Ras al-Ain an der syrisch-türkischen Grenze liegt rund 180 Kilometer östlich der Stadt Kobane, die die kurdischen YPG, der syrische Ableger der türkischen PKK, Ende Januar aus den Händen des IS befreit hatten.

Neues Video des IS soll Hinrichtung von arabischem Israeli zeigen

In anderen Teilen Syriens wurde der IS offenbar zurückgedrängt: Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, kurdische Kämpfer hätten mithilfe von Luftschlägen der Anti-IS-Koalition eine wichtige IS-Verbindungsroute zwischen dem Nordosten Syriens und dem Nordirak abgeschnitten. Außerdem seien in dem Gebiet 94 Dörfer von der Herrschaft des IS befreit worden. Waffensysteme, Fahrzeuge und Kampfpositionen wurden zerstört. Der Einsatz sei am Samstag beendet worden.

In der Region nordöstlich der Stadt Al-Hassaka hatte es in den vergangenen Wochen heftige Kämpfe zwischen Kurden und Dschihadisten gegeben. Ende Februar meldeten die kurdischen Kämpfer der YPG, sie hätten die strategisch wichtige Stadt Tel Hamis vom IS zurückerobert. Die von den USA angeführte Anti-IS-Militärkoalition geht mit Luftangriffen gegen Stellungen der Islamisten in Syrien und im Irak vor.

Am Dienstagabend hat die IS-Miliz erneut ein Video im Internet in Umlauf gebracht: Es soll zeigen, wie ein arabischer Israeli von einem Jungen per Kopfschuss getötet wird. Die Dschihadisten werfen dem Mann Spionage vor. In dem Video trägt er einen orangefarbenen Overall und sagt, er sei vom israelischen Geheimdienst angeworben und ausgebildet worden. Er habe sich der IS-Miliz angeschlossen, um sie auszuspähen. Dann wird er auf einem Feld von einem Jungen erschossen.

Die Nachrichtenagentur Reuters beruft sich auf israelische Sicherheitskreise, die melden, dass das Video bekannt sei. Ob es echt sei, könne nicht bestätigt werden. Eine unabhängige Bestätigung der Echtheit der Aufnahme war zunächst nicht möglich. Israel und die Familie des Getöteten haben die Darstellung zurückgewiesen, dass Musallam als Spion tätig war.

Der Vater des Erschossenen sagte der Nachrichtenagentur AP, der 19-Jährige sei vor vier Monaten nach Syrien aufgebrochen, ohne seiner Familie davon zu erzählen. Demnach soll er kurz nach seiner Abreise seinem Bruder erzählt haben, dass er mit dem IS kämpfen wolle. Später soll er sich nach Angaben des Vaters bei seiner Familie aus dem syrischen Rakka, wo der IS herrscht, gemeldet haben. Er habe gesagt, dass er zurückkehren wolle. Vor einem Monat habe die Familie dann einen Anruf von einem Unbekannten bekommen, der gesagt habe, Musallam sei geflohen, dann aber gefasst worden und nun in einem Gefängnis des IS.

Zusammengefasst: Nahe der syrisch-türkischen Grenze hat die Terrormiliz IS einen Großangriff auf kurdische Dörfer gestartet. Es soll viele Tote geben. In anderen Teilen Syriens melden die Gegner des "Islamischen Staats" Erfolge.

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anr/Reuters/dpa/AP



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neanderspezi 11.03.2015
1. Offensichtlich sorgt sich der IS um eine kontinuierlich passierbare Grenze in die Türkei
Die IS-Terroristen, die im Nordosten an der syrisch-türkischen Grenze sich an von Kurden bewohnte Ortschaften heranmachen, haben mit großer Wahrscheinlichkeit die Aufgabe, Fluchtwege in die Türkei für größere IS-Einheiten zu öffnen und auch offenzuhalten, damit die sich ungefährdet sammeln und von dort neu gerüstet zu weiteren Überfällen in südliche Richtung gegen die Kurden vorbereiten können. Da ihr angestrebtes Kalifat sich in großen Teilen mit kurdischem Siedlungsgebiet überschneidet und ihre spezielle Aufgabe darin liegt, kurdische Einheiten so weit wie möglich zu schwächen, sind für diese Islamisten mit ihrem nicht näher bekannten Auftrag gelegentliche Erholungsphasen und Neuformierung eine wichtige Voraussetzung ihrem angestrebten Ziel näher zu kommen, ungestört Anwerbungen vornehmen zu können. Um die Weltöffentlichkeit über ihre ungebrochenen Fähigkeiten in der Ausübung von Gräuel nicht im Ungewissen zu lassen, bringen sie ungeniert immer wieder mal eine besonders abscheuliche Bluttat per Video in Umlauf zur Förderung von Erpressbarkeit der alliierten Gegner und zur Demonstration ihrer ganz ausgesuchten Religionstreue.
hardliner2015 11.03.2015
2. Läuft ja wie geplant...
Strategisch ist von einem "Think Tank" offenbar der Nordirak mit Anschluß an die türkischen Grenze dem IS überlassen worden. Dort leben Kurden und NATO-Partner Türkei würde es doch gerne sehen, wenn es die nicht mehr geben sollte. Außerdem ist eben der Nordirak der einzige Ort im Kriegsschauplatz, an dem man noch "Beute" machen kann, indem man die Häuser von Privatpersonen plündert und die Einwohner ermordet oder versklavt. Der IS hat eben einen hohen Verschließ an diversem versklavten Personal, und das muß ersetzt werden, damit die Stimmung top bleibt. Unterdessen zieht sich der IS aus exponierten Gebieten des Zentraliraks, in denen die IS Präsenz aus PR-Gründen nicht erwünscht ist, planmäßig langsam zurück.
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