Kampf gegen den IS Die Allianz mit Assad ist eine Illusion

Truppen der syrischen Armee könnten sich bald an der internationalen Anti-IS-Koalition beteiligen, das haben westliche Politiker vorgeschlagen. Ein absurder Plan.

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Die Armee, die schon bald gemeinsam mit US-Truppen, Franzosen und der Bundeswehr die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bekämpfen soll, setzt derzeit noch andere Prioritäten.

Am Wochenende hat die syrische Luftwaffe mehrere Fassbomben auf ein Krankenhaus in der Kleinstadt Zafarana abgeworfen. Bei dem Angriff auf das Hospital, das von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen betrieben wird, wurden sieben Menschen getötet und 47 weitere verletzt. Es ist nur der jüngste Vorfall in einer langen Serie von Angriffen der Armee auf ihr eigenes Volk.

Trotzdem hoffen westliche Politiker darauf, dass die syrischen Regierungstruppen in absehbarer Zeit nicht mehr ihre Landsleute in Krankenhäusern, Moscheen und Wohnhäusern unter Beschuss nehmen, sondern ihre Waffen gegen den IS richten.

Den Anfang hatte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius gemacht: Bodentruppen seien im Kampf gegen die Dschihadisten unerlässlich, sagte er am vergangenen Freitag. Diese Einheiten könnten aber nicht von Frankreich gestellt werden, sondern von der oppositionellen Freien Syrischen Armee und von sunnitischen arabischen Truppen. Dann fügt der Minister vielsagend hinzu: "Warum nicht auch von Regierungstruppen?"

Ähnlich äußerte sich kurz darauf Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen: "Es gibt Teile der Truppen in Syrien, die man sehr wohl - wie in dem Beispiel Irak, wo ja erfolgreich die Ausbildung der lokalen Truppen stattgefunden hat - hier auch nehmen kann", sagte die CDU-Politikerin. Später stellte ihr Sprecher klar: "Jetzt wird es keine Zusammenarbeit mit Assad geben und auch keine Zusammenarbeit mit Truppen unter Assad."

Welche Truppen konkret gemeint sind, ließ von der Leyen offen. Trotzdem ist klar: Die syrische Armee soll sich irgendwie am Kampf gegen den IS beteiligen - aber vorher muss Diktator Baschar al- Assad das Oberkommando über die Streitkräfte abgeben.

Aus mehreren Gründen sind diese Planspiele der Europäer unmöglich umzusetzen.

  • Assad hat überhaupt kein Interesse, den IS zu besiegen. Durch den Aufstieg der Dschihadisten im Norden und Osten des Landes hat er seine Macht im Kernland um Damaskus, Homs und Hama gefestigt. Die wachsende Macht der Terrormiliz bot zugleich Russland den Vorwand, in den Syrien-Krieg an der Seite des Diktators einzugreifen. Wladimir Putin behauptet, den IS zu bekämpfen, tatsächlich richten sich die meisten russischen Angriffe aber gegen syrische Rebellengruppen. Die Existenz der Terrororganisation sichert somit Assads Machterhalt.

  • Einen Militärputsch gegen Assad wird es nicht geben. Aus den Worten von Fabius und von der Leyen spricht offenbar auch die Hoffnung, Teile der syrischen Armee könnten sich gegen den Diktator erheben und anschließend dann gegen den IS kämpfen. Tatsächlich waren in den ersten Monaten des Aufstands Tausende Soldaten desertiert und hatten sich zur Freien Syrischen Armee zusammengeschlossen. Doch seit zwei Jahren gibt es kaum noch Fälle von Fahnenflucht. Zwar sind die Regimetruppen inzwischen dezimiert, für Assad sind aber ohnehin längst die Hisbollah, ausländische Söldner und regierungstreue Milizen wichtiger für den Machterhalt.

  • Eine Einbindung der Regierungstruppen ist das falsche Zeichen an die syrische Opposition. Spätestens seit den Anschlägen von Paris nimmt Europa den IS als gefährlichste Gruppe im syrischen Bürgerkrieg wahr. Vor Ort stellt sich die Situation anders dar: Assads Armee hat um ein Vielfaches mehr Syrer getötet als die Terrormiliz. Rebellengruppen, die sich am Boden dem Vormarsch der Dschihadisten entgegenstellten, wurden aus der Luft vom Regime bombardiert. Stellt man die syrischen Aufständischen vor die Entscheidung, entweder gegen den IS oder gegen die Regierungsarmee zu kämpfen, würden die meisten Einheiten den Kampf gegen die Regimetruppen wählen. Diese Erfahrung mussten bereits die USA machen. Dem Pentagon ist es bis heute nicht gelungen ist, eine Rebelleneinheit aufzubauen, die ausschließlich gegen den IS, nicht aber gegen Assad kämpfen soll.

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pariah_aflame 01.12.2015
1. die ewige mär
der moderaten opposition in syrien entlarvt sich diesmal selbst: "Stellt man die syrischen Aufständischen vor die Entscheidung, entweder gegen den IS oder gegen die Regierungsarmee zu kämpfen, würden die meisten Einheiten den Kampf gegen die Regimetruppen wählen." Sehr aufschlußreich, wo hier die Loyalitäten liegen. "Diese Erfahrung mussten bereits die USA machen. Dem Pentagon ist es bis heute nicht gelungen ist, eine Rebelleneinheit aufzubauen, die ausschließlich gegen den IS, nicht aber gegen Assad kämpfen soll." Das war ein Ziel der USA? Höre ich zum ersten Mal.
flieger75 01.12.2015
2. Fassbomben am Wochenende
Woher kommt diese Information? Warum wurde nirgends darüber geschrieben? Bitte nennen Sie Ihre Quellen! Solche Behauptungen müssen immer mit authentischen Quellen belegt werden.
whitewisent 01.12.2015
3. Absurd?
Warum ist es absurd, im Kampf gegen den Terror auf die (Boden)Truppen der legitimen Regierung es Staates zu setzen? Die letzten fünf Jahre haben doch eher gezeigt, wie absurd es von einigen Politikern war, auf eine imaginäre "Syrische Opposition" zu setzen, die weder eine Struktur noch Organisation hat, welche diesen Namen verdient, noch über genügend Rückhalt im Land verfügt. Syrien ist ähnlich wie ein Schachbrett seit Jahrhunderten zersplittert, und nur wenige absolute Herscher schafften es, diese Teile zu vereinen. Assads Truppen sind heute nicht die Bösen, wie Herr Sydow es meint, sonder die Einzigen, welche der sunnitischen IS Widerstand leisten, weil sie wissen, das hinter ihnen nur das Meer liegt, in das die IS sie treiben will. Es geht auch nicht um beliebige Städtenamen, sondern schlicht der uralten Auseinandersetzung von Kain und Abel - die entwickelte Küstenregion mit ihrer kulturellen Vielfalt gegen die Landbevölkerung der Wüste und Euphratniederung, die als IS Basis ärgerlich ist, aber strategisch unbedeutend. Absurd ist es also eher, in dieser Wüste einzelne Befehlsstände zu bombardieren, und nicht Tanklaster und Fuhrparks. Genauso Absurd, dort mit Bodentruppen gegen den Willen der Bevölkerung einzurücken, ohne eine indigene Alternative zu haben, welche Exil-Syrer nunmal nicht sind.
Oetzmann 01.12.2015
4. Alles gesagt...
Mit diesem einen Satz dürfte doch alles gesagt sein: "Stellt man die syrischen Aufständischen vor die Entscheidung, entweder gegen den IS oder gegen die Regierungsarmee zu kämpfen, würden die meisten Einheiten den Kampf gegen die Regimetruppen wählen." Der Grund wird wohl sein, dass die Ideologien der Gruppierungen sich eben kaum unterscheiden...
archi47 01.12.2015
5. ja was denn nun, Herr Sydow
wollen Sie alles so weiterlaufen lassen, wie gehabt? Sie werden um die gewählte Regierung Syriens incl. Assad nicht herumkommen, weil er faktisch noch da ist. So einfach ist das. Nun kann man sagen: Gott sei Dank - oder Leider. Aber, die sogenannten "demokratischen" Kräfte (wobei bei der Mehrheit dieser meine Zweifel größer sind, als bei Assad) sind einfach zu schwach und die Kurden werden von unserem Verbündenten Türkei bekämpft. Bleibt als Alternativen die gewählte Regierung oder unsere Kinder und Enkel als Bodentruppen dort. Das ist nicht nur Realpolitik, das ist Realismus pur. Wenn Sie kräftig Öl ins Feuer gießen wollen, dann brauchen Sie nur "Kreuzzügler" als Bodentruppen dorthin schicken ...
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