Trauer nach verheerendem IS-Angriff Bagdad weint

In den Trümmern suchen Menschen noch immer nach Spuren von ihren Angehörigen. Mehr als 200 Menschen haben Attentäter in Bagdad ermordet. An den Terror und die Gewalt kann sich niemand gewöhnen.

AFP

Ein Gastbeitrag von CNN-Korrespondent Ben Wedeman


Zur Person
  • Jeremy Freeman
    Ben Wedeman, Jahrgang 1960, ist leitender Auslandskorrespondent für den US-Sender CNN. Er hat unter anderem die Büros in Amman und Kairo geführt, vor allem aber aus Kriegsgebieten wie dem Irak, Syrien und Sierra Leone berichtet. Für seine Arbeit unter gefährlichsten Bedingungen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Sie kamen in Gruppen, manche allein. Sie liefen zu den noch immer schwelenden Trümmern, dort, wo vor wenigen Tagen noch eine belebte Straße im Karrada-Viertel von Bagdad war. Als sie sich den verkohlten Skeletten auf der Straße näherten, stand ihnen der Schock in den Gesichtern.

Sami Hadi suchte nach zwei seiner Cousins und ihren drei Kindern. Sie waren am Samstag hergekommen, um Kleider für Eid al-Fitr zu kaufen, dem Zuckerfest nach Ende des Fastenmonats Ramadan. Er suchte den Boden ab nach Spuren seiner Angehörigen. "Dort sind nur verkohlte Teile menschlichen Fleisches", erzählte er mir, seine Stimme tonlos vor Erschöpfung. "Wir können niemanden wiedererkennen."

Es ist ein Klischee, dass sich Bagdad an Gewalt und Blutvergießen gewöhnt hat. Das stimmt einfach nicht. Der Tod ist der Tod, und wenn er kommt und die Leben deiner Lieben mit sich reißt, dann ist der Schmerz hier so groß wie überall anders.

Sami fand schließlich ein Telefon, das ihm bekannt vorkam. Er überprüfte die Sim-Karte und entdeckte, dass sie einem seiner Cousins gehörte. Er ging schweigend davon.

Um Fadhil hat den ganzen vorigen Tag damit verbracht, nach ihrem 29 Jahre alten Sohn Issam zu suchen. "Ich bin in die Krankenhäuser gegangen: nichts", sagte sie. "Ich bin zu den Leichenschauhäusern gegangen: nichts. Alles, was ich gesehen habe, waren verbrannte Körper."

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Weltweite IS-Anschläge: Terror im Fastenmonat

81 der geborgenen Toten sind so stark verbrannt, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Das sagt die Polizei. Sie können nur mit Hilfe von DNA-Tests identifiziert werden. In den Geschäften, die von der Explosion getroffen wurden, liegen verstreut menschliche Körperteile. Freiwillige suchen sie zusammen und legen sie in Plastiksäcke und Betttücher.

215 Tote, so ist der Stand vom Montagabend. Damit ist es der tödlichste Angriff hier seit 2003. Die durch eine Bombe in einem Lastwagen ausgelöste Explosion war allein schon tödlich für die Menschen, die sich in dem Einkaufsviertel drängten; aber die darauffolgende Feuersbrunst hat noch viele mehr getötet.

Einige Menschen waren gefangen in Geschäften, die gefüllt waren mit leicht entzündlicher Kleidung, Parfum und Plastik. Ein Freiwilliger berichtet, dass der Boden eines Ladens bedeckt war mit "geschmolzenen Körpern".

Ein Mann fand die Gebetskette seines Bruders und einen Fetzen seines Hemds. Schluchzend rannte er aus den Trümmern, bevor zwei Polizisten ihn stoppen konnten. Sie versuchten ihn zu trösten, setzten ihn in einen Plastikstuhl, gaben ihm Wasser zu trinken und benetzten sein Gesicht, um ihn zu beruhigen. Er wiegte sich vor und zurück, weinte. Einer seiner Begleiter reichte ihm ein Handy. "Ruf deine Mutter an", sagte er. "Sie muss es wissen." Der Mann hörte auf zu schluchzen, atmete tief ein und wählte, zitternd. "Er ist tot." Das war alles, was er sagen konnte, bevor er wieder zusammenbrach.

Der "Islamische Staat" ist verantwortlich für den Anschlag, und er hat geschworen, dass die Gewalt weitergeht.

So war das nicht vorgesehen.

Der erfolgreiche Kampf um Falludscha, nachdem der IS auch in anderen wichtigen Städten besiegt worden war, schien ein Signal zu sein, dass die Gruppe geschwächt würde unter den fortwährenden Angriffen der Regierungstruppen.

Wenn die Regierung an Zustimmung gewonnen hat durch ihren Feldzug gegen den IS, so hat sie seit dem Angriff vom Samstag wieder viel verloren. Als Premierminister Haidar al-Abadi am Sonntagmorgen zu dem Ort des tödlichen Angriffs kam, wurde er mit Steinen, Flaschen und Schuhen beworfen und mit Beleidigungen überhäuft.

"Wo ist der Innenminister?", fragte eine ältere Frau. "Wo ist der Verteidigungsminister? Schlafen sie?" Hohe Regierungsvertreter meiden den Ort der Bombenexplosion seither, sie kondolieren über die Medien.

Nicht zum ersten Mal leiden die Menschen in Bagdad allein.

Sie trauern allein.

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