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Militärschläge in Syrien und Irak: Die Türkei führt Krieg gegen die Feinde des IS

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Die Türkei hat nach dem Anschlag von Suruc einen Strategiewechsel im Kampf gegen den IS verkündet. Doch bislang richten sich Ankaras Luftangriffe vor allem gegen kurdische Milizen - die schlagkräftigsten Gegner der Dschihadisten.

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Der türkische Regierungschef wählte markige Worte: "Unsere Militäroperationen in Syrien und im Irak haben die Spielregeln in der Region verändert", sagte Ahmet Davutoglu am Wochenende bei einem Treffen mit Journalisten in Istanbul. Zuvor hatte die türkische Luftwaffe erstmals Angriffe auf Stellungen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Syrien geflogen.

Damit reagierte Ankara auf den Terroranschlag, auf ein Treffen sozialistischer Jugendlicher in Suruc und den Tod eines türkischen Soldaten durch IS-Beschuss im Grenzort Suruc. Doch trotz der zur Schau gestellten Entschlossenheit Davutoglus: Zu einem wirklich entschiedenen militärischen Durchgreifen gegen den IS in Syrien hat sich die Türkei bislang nicht durchringen können. Die Luftangriffe konzentrierten sich bislang auf wenige Ziele im unmittelbaren Grenzgebiet.

Die Dschihadisten zeigen sich davon bislang unbeeindruckt. Laut ihrer Propaganda haben die türkischen Luftschläge bislang kaum Schaden angerichtet, mehrere Raketen sollen auf freier Fläche eingeschlagen sein.

Kurden melden türkischen Angriff auf Kobane

Die türkischen Angriffe auf den IS haben bislang vor allem eines erreicht: Sie lenken davon ab, dass die Armee seit vergangener Woche ungleich härter gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vorgeht. Während Ankaras Luftwaffe darauf achtet, bei ihren Angriffen auf die Dschihadisten den syrischen Luftraum nicht zu verletzen, scheuen die Piloten im Irak nicht davor zurück, in den Luftraum einzudringen, um PKK-Stellungen im Kandilgebirge im Norden des Landes zu bombardieren.

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Diyarbakir: Spannungen an der türkisch-syrischen Grenze
Seit Tagen verübt die PKK, die von türkischer Regierung, EU und USA als Terrororganisation eingestuft wird, Anschläge auf Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei, bei denen mehrere Polizisten und Soldaten getötet wurden. Die PKK wirft den türkischen Behörden Kollaboration mit dem IS vor. Ankara wiederum verstärkt seine Luftangriffe auf die kurdischen Milizen.

Offenbar greift das türkische Militär nicht nur PKK-Stellungen im Irak an: Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) werfen der Armee vor, sie habe in der Umgebung von Kobane mehrere ihrer Stellungen beschossen und dabei vier Anti-IS-Kämpfer und Zivilisten verletzt. Die YPG gelten als PKK-Ableger in Syrien. Ihre Kämpfer hatten vor Monaten den Vormarsch der Dschihadisten auf die syrisch-türkische Grenzstadt Kobane gestoppt, obwohl die türkische Regierung ihnen die Unterstützung verweigert hatte.

Auch wenn Ministerpräsident Davutoglu von veränderten Spielregeln redet: Eine Woche nach dem verheerenden IS-Anschlag mit 32 Toten in Suruc hat sich Ankaras Politik gegenüber den Dschihadisten nicht grundlegend geändert. Noch immer geht die Armee am härtesten gegen jene Milizen im Irak und in Syrien vor, die sich im Kampf gegen den IS am schlagkräftigsten erwiesen haben.

Sicherheitszone in Syrien

Das soll sich in den kommenden Monaten offenbar ändern. "Es wird keinen Platz für den IS entlang der türkischen Grenze geben", kündigte Davutoglu an. Nach seinen Worten wollen die USA und die Türkei gemeinsam eine Sicherheitszone im Norden Syriens errichten. Nach Informationen der "Washington Post" planen beide Armeen die Schaffung eines etwa 110 mal 65 Kilometer großen Korridors, der sich südlich der türkischen Grenze zwischen den Grenzorten Azaz und Dscharabulus erstrecken soll. Dorthin soll ein Großteil der etwa zwei Millionen syrischen Flüchtlinge geschickt werden, die derzeit in der Türkei leben. Die USA und die Türkei würden den Luftraum kontrollieren, sollte sich ein Flugzeug des Assad-Regimes nähern, würde es abgeschossen.

Dieses Gebiet wird derzeit noch vom IS kontrolliert. Nachdem die Kurden die Grenzübergänge Kobane und Tall Abjad erobert haben, ist es der letzte Streifen entlang der türkischen Grenze, über den die Dschihadisten ausländische Kämpfer aus der Türkei einschleusen können. Der Verlust dieses Territoriums wäre ein herber Schlag für die Terrormiliz.

Doch derzeit ist noch völlig unklar, welche Truppen dann am Boden in das Gebiet einrücken sollen. Den Einsatz eigener Kräfte in Syrien hat Davutoglu am Wochenende noch einmal energisch abgelehnt. Naheliegend wäre die Stationierung kurdischer Einheiten - sie kontrollieren schon jetzt die Gebiete westlich und östlich des IS-Territoriums - die Enklave Afrin sowie den Nordosten Syriens mit Kobane, Tall Abjad und anderen Orten.

Doch die Entstehung eines zusammenhängenden Gebietes unter kurdischer Herrschaft entlang der türkischen Grenze, einen Proto-Staat, den die Kurden Rojava nennen, will Ankara um jeden Preis vermeiden. So lange sich an dieser Einstellung nichts ändert, wird der IS weiter große Gebiete Syriens und des Irak kontrollieren.

Türkische Angriffe gegen IS und PKK: Wie der Konflikt eskaliert
Montag, 20. Juli 2015

Bei dem Selbstmordanschlag vor dem Kulturzentrum in Suruc im Südosten der Türkei werden 32 Menschen getötet, die meisten davon Studenten. Rund hundert Menschen werden verletzt. Suruc liegt nur zehn Kilometer von der zerstörten syrischen Stadt Kobane entfernt. Den türkischen Behörden zufolge ist die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) für das Attentat verantwortlich.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Zwei türkische Polizisten werden in der Stadt Ceylanpinar getötet. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK bekennt sich zu den Morden. Sie seien als Vergeltung für das Attentat in Suruc verübt worden, heißt es in einer Erklärung. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung schon lange vor, die Extremistenmiliz IS in Syrien heimlich zu unterstützen, um die Kurden zu schwächen. Die PKK kämpft seit Jahrzehnten für mehr Autonomie der Kurden.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Die Türkei verstärkt ihre Schutzmaßnahmen entlang der 900 Kilometer langen Grenze zu Syrien. Auf 150 Kilometern werde eine Mauer errichtet, kündigt die Regierung an. 20.000 Soldaten sind im Einsatz. Bei Gefechten in der türkischen Provinz Kilis an der Grenze zu Syrien sterben ein Soldat und ein IS-Kämpfer. Vier weitere Soldaten werden verletzt.

Freitag, 24. Juli 2015

Türkische Kampfjets bombardieren in den frühen Morgenstunden Stellungen des IS in Syrien. In der gesamten Türkei geht die Anti-Terror-Polizei mit einer groß angelegten Razzia gegen IS-Leute und kurdische Extremisten vor. Hunderte werden festgenommen. Präsident Recep Tayyip Erdogan erlaubt den USA, die Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge gegen den IS zu nutzen.

Samstag, 25. Juli 2015

Die Türkei fliegt neue Angriffe gegen den IS und erstmals offiziell auch gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Die spricht von einem Bruch der Waffenruhe und ruft zum Kampf auf. In Ankara geht die Polizei gegen Anti-Kriegs-Demonstranten vor.

Sonntag, 26. Juli 2015

Die Türkei bombardiert erneut Stellungen der PKK im Irak (Eine Analyse lesen Sie hier). Kanzlerin Angela Merkel appelliert in einem Telefonat mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, den Friedensprozess mit den Kurden nicht aufzugeben. Ankara erbittet eine Sondersitzung der Nato-Botschafter.

Montag, 27. Juli 2015

Die Kurden-Miliz YPG wirft der Türkei vor, Stellungen ihrer Einheiten in Syrien angegriffen zu haben. Dem syrischen Ableger der PKK zufolge werden sie von der türkischen Armee gezielt beschossen. Das Außenministerium in Ankara dementiert.

Wo das türkische Militär angreift

(Auswahl, da nicht alle Orte bekannt; Stand: 27. Juli)

Quellen: Reuters, AFP, dpa



Zusammengefasst: Eine Woche ist seit dem Selbstmordanschlag von Suruc vergangen - und die Angriffe des türkischen Militärs richten sich seither mehr gegen Kurden als gegen den IS. Nun will Ankara eine Sicherheitszone in Nordsyrien errichten. Rebellen sollen die Dschihadisten aus dem Grenzgebiet vertreiben. Doch weil die türkische Armee einen kurdischen Proto-Staat in Syrien fürchtet, ist der Erfolg ungewiss.

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