Türkische Militäroperation Erdogans Syrien-Offensive gerät ins Stocken

Seit acht Tagen läuft die Operation "Schutzschild Euphrat" - doch die türkische Armee kommt in Syrien kaum noch voran. Mit den Kurden gibt es de facto eine Feuerpause. Der IS kann sogar Boden gutmachen.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Am Anfang ging alles ganz schnell: Nur wenige Stunden brauchten die türkische Armee und die von Ankara unterstützten arabischen Milizen in der vergangenen Woche, um die syrische Grenzstadt Dscharabulus von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zurückzuerobern.

Es war ein Einmarsch fast ohne Gegenwehr, die Dschihadisten hatten den Ort am Westufer des Euphrat Tage vor der Invasion weitgehend geräumt. Inzwischen sind die ersten Bewohner zurückgekehrt, langsam zieht so etwas wie Normalität in Dscharabulus ein. (Eindrücke aus der Stadt sehen Sie hier in unserer Fotostrecke)

In den folgenden Tagen eroberten die Truppen der türkischen Militäroperation "Schutzschild Euphrat" einige Dörfer in der Umgebung und rückten weiter gen Süden vor. Ein Soldat wurde dabei getötet. Doch seit dem Wochenende stockt der Vormarsch. Die Einheiten stehen am Sadschur-Fluss, einem Zufluss des Euphrat, der ungefähr auf halbem Wege zwischen Dscharabulus und Manbidsch liegt.

Manbidsch wird von der kurdischen YPG-Miliz kontrolliert, die den Ort vor einigen Wochen nach schweren und verlustreichen Gefechten vom IS erobert hatte. Die Türkei verlangt, dass die Kurden Manbidsch umgehend räumen und sich auf das Ostufer des Euphrat zurückziehen. Ankara beruft sich dabei auf eine entsprechende Vereinbarung mit den USA.

USA sollen Soldaten ins Frontgebiet verlegt haben

Die YPG will davon nichts wissen: "Wir haben unsere Verteidigungslinie am Sadschur-Fluss und werden uns gegen jeden verteidigen, der dieser Linie auch nur nahe kommt", hatte ein kurdischer Sprecher zu Beginn der türkischen Offensive angekündigt. Und bislang hält diese Verteidigungslinie.

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Das liegt auch daran, dass die US-Regierung nach anfänglichem Zögern der türkischen Führung deutlich gemacht hat, dass sie die Angriffe auf die YPG in Nordsyrien nicht gutheißt. "Wir haben beide Seiten dazu aufgerufen, nicht gegeneinander zu kämpfen", sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter. Stattdessen sollten sich Türken und Kurden auf den Kampf gegen den IS konzentrieren.

Nach außen zeigte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unbeeindruckt von den Ermahnungen aus Washington. "Unsere Operationen werden weitergehen, bis Terrororganisationen wie der IS, die PKK und ihr syrischer Ableger YPG keine Gefahr mehr für unsere Bürger sind", kündigte Erdogan an. "Wir werden die kurdischen Milizen angreifen, solange sie westlich des Euphrat stehen", bekräftigte sein Sprecher Ibrahim Kalin später. Doch de facto herrscht seit zwei Tagen eine inoffizielle Feuerpause zwischen Türken und Kurden in Nordsyrien, die beide Seiten weitgehend einhalten.

Nach Angaben kurdischer Milizionäre haben die USA inzwischen sogar eigene Spezialkräfte in das Frontgebiet verlegt, die verhindern sollen, dass die Konfliktparteien, die beide mit Washington verbündet sind, aufeinander schießen. Eine offizielle Bestätigung des Pentagon für diese Angaben gibt es bislang nicht.

IS erobert Dörfer zurück

In Manbidsch protestierten am Mittwoch und Donnerstag Hunderte Menschen gegen die türkische Offensive. Unter anderem hielten Demonstranten Plakate mit dem Slogan "Nein zum Kinder- und Frauenmörder Erdogan" in die Höhe. Die Banner waren in arabischer Sprache verfasst - so soll der Eindruck entstehen, dass nicht nur die Kurden in Manbidsch, sondern auch die arabische Bevölkerungsmehrheit der Stadt die türkische Militäroperation ablehnt.

Aber nicht nur Ankaras Vormarsch gegen die kurdischen Milizen steckt fest. Auch gegen den IS gibt es seit Tagen kaum noch militärische Erfolge. Im Gegenteil: Mittlerweile ist es den Dschihadisten sogar gelungen, einige Dörfer im Grenzgebiet wieder von der türkischen Armee und ihren Alliierten zurückzuerobern.

Zwar bestätigte Erdogans Sprecher am Mittwoch, dass die Türkei einen 90 Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze auf syrischem Gebiet einnehmen und kontrollieren wolle - acht Tage nach Beginn der Operation "Schutzschild Euphrat" ist die Armee diesem Ziel aber kaum näher gekommen. Die türkische Armee hat ihre Panzer weiterhin rund um Dscharabulus konzentriert, ist aber bislang nicht an anderen Stellen entlang der Grenze nach Syrien vorgerückt.

Auf mehr als 60 Kilometer Länge grenzt die Türkei noch immer an den "Islamischen Staat".


Zusammengefasst: Die türkische Militäroperation "Schutzschild Euphrat" ist in ihre zweite Woche gegangen. Nach anfänglichen Erfolgen stockt die Syrien-Offensive. Die USA unterbinden derzeit weitere Zusammenstöße mit der kurdischen YPG-Miliz. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat sogar einige Dörfer im Grenzgebiet zurückerobert.

insgesamt 185 Beiträge
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Sonia 01.09.2016
1. Meine Meinung?
Im Beitrag wird nicht mal erwähnt, dass ein NATO-Mitglied in fremdes Staatsgebiet zu Land u. in der Luft eingefallen ist, weil ihm die Bewohner in der Nähe seiner Grenze nicht passen. Kein Aufschrei in unserem Blätterwald: Völkerrechtsverletzung, Sanktionen ..sind alle Politiker im Urlaub? Wie gehts Merkel u. Steinmeier?
rudlith 01.09.2016
2.
Ich habe als Kind/Jugendlicher noch den WK II erlebt. Es ist mir schleierhaft, auf welche gebremste Art und Weise hier Krieg geführt wird. Hätten die Sowjets 1944/45 auf diese Weise Krieg geführt, wie die Türkei und andere das heute in Syrien tun, dann würde die deutsche Wehrmacht noch heute 20 km vor Moskau stehen. Ich habe den Verdacht, in Syrien will keiner gewinnen.
rkinfo 01.09.2016
3. Die besten türkischen Kommandeure sitzen in Haft
... oder sind entlassen. Ein Vormasch ins nahe Aleppo hätte der Türkei Imagepunkte sowie Blauhelm Mandat gebracht. Aber die wollen ja nur Kurden jagen ... In Manbidsch sind zudem noch Assad-Repräsentanten in der zivilen Verwaltung vorhanden, sodass die PKK nur militärisch dort das Sagen hat. Dies stört wohl Erdogan besonders, da so ein Kniff überall im jetzigen Kurdengebiet quasi autonome Gebiete in dem völkerrechtlich intakten Syrien bedeuten.
kkarstenirsten 01.09.2016
4. Was wollen wir
... entscheide dich ob du die IS haben willst oder nicht. Ausserdem ist die Turkei nicht einfach so einmarschiert. Sie marschiert ein weil nicht die Bewohner sondern die YPG und auch IS an siner Grenze sind. Beides sind Terrororganisationen nur zu deiner Information. Ausserdem wird die FSA von mehreren europaeischen Laendern unsterstuetzt.
BernieistAnders 01.09.2016
5. Jeden Tag wird es absurder
Schon lange gibt es Vergleiche zwischen erstem WK und Syrien, alle paar Monate steigt ein neues Land bzw. Gruppe in den Krieg ein. Die ganzen Probleme in den Nahen Osten rühren ja daher dass es nie wirklich Staaten gab, alles künstliche Staaten. Wenn es so etwas wie nationale Staaten geben würde, die bei gewissen Sachen einig sind, gäbe es so etwas nicht. Die wären deutlich erfolgreicher als Staaten udn Gesellschaften und würden nicht immer Spielball von Großmächten werden. Ich wünsche den Kurden, dass sie ihren Staat bekommen, doch solange die USA die Türkei als Bündnispartner hat und gleichzeitig die Kurden benutzt, werden die Kurden immer wieder verraten werden, wie schon so oft.
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