Anschläge in Paris und Brüssel Die perfide Europa-Strategie des "Islamischen Staats"

Das selbsternannte Kalifat schrumpft: In Syrien und im Irak ist der "Islamische Staat" auf dem Rückzug. Es ist kein Zufall, dass die Dschihadisten nun in Europa zuschlagen.

Zerstörte Fassade am Brüsseler Flughafen
DPA

Zerstörte Fassade am Brüsseler Flughafen


Die zynischen Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Die Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) bejubeln im Netz die Anschläge von Brüssel. Ein Account auf Twitter verbreitet Bilder von blutigen Füßen auf der belgischen Flagge, ein anderer zeigt IS-Kämpfer, die auf das Land zumarschieren.

Ein IS-Anhänger schreibt auf Twitter in seiner eigenen Logik: "1. Es gibt ein Land namens Belgien, das einen Staat namens Daesh bombardiert. 2. Daesh schwört Rache. 3. Orte in Belgien werden mit Bomben angegriffen." Daesh ist die arabische Abkürzung für den IS.

Der Hashtag, unter dem die Netz-Dschihadisten auf Arabisch ihre Propaganda verbreiten, lautet übersetzt #Raubzug_Brüssel. Die Nutzung des Wortes Raubzug - arabisch Razwa - ist nicht zufällig gewählt. In den Anfangszeiten des Islam dehnte der Prophet Mohammed mit solchen Razwat sein Reich aus; das deutsche Wort Razzia leitet sich von Razwat ab.

Wenn der IS nun seine Anschläge in Westeuropa als Razwa bezeichnet, dann sollen sie an die glorreichen Anfänge des Islam erinnern - und das Morden als angeblich gottgefällig legitimieren. Der IS will sich damit größer machen, als er ist.

Dazu passt auch, was die Nachrichtenagentur AP am Mittwochabend verbreitete: Unter Berufung auf europäische und irakische Geheimdienste meldete sie, dass der IS mindestens 400 Kämpfer für Anschläge nach Europa geschickt habe. Diese könnten selbst über Zeit, Ort und Methode ihres Angriffs entscheiden. Im Irak und in Syrien gebe es spezielle Ausbildungslager für Attacken gegen den Westen.

Die Meldung ist hinreichend vage, es gibt mit der Nachrichtenagentur nur eine Quelle und die zitiert niemanden namentlich. Dennoch passt es in das Schema der Razwa, der Raubzüge.

Längst ist die Terrormiliz in ihrem Kerngebiet auf dem Rückzug. Als IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Frühsommer 2014 sein Kalifat ausrief, ging es den Dschihadisten noch um regionale Ausdehnung und Konsolidierung ihrer Gebiete. Plakative Attentate im Rest der Welt - ähnlich wie die vom gegnerischen Netzwerk al-Qaida verübten Terrorakte - lehnte Baghdadi zunächst ab.

Nun aber schrumpft das Kalifat. In Syrien hat der IS im vergangenen Jahr ein Fünftel seiner Fläche verloren, im Irak gar doppelt so viel. Die meisten Muslime lehnen Baghdadi als Stellvertreter des Propheten ab, zu Tausenden flüchten sie nach Europa. Das schmerzt die vermeintlichen Vorzeigemuslime.

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Anschläge in Brüssel: Selbstmordattentäter und Verdächtige
Die Neuausrichtung auf Anschläge fernab Syriens und des Irak sind daher auch ein Wunsch nach neuer Größe. Die einst lokale Miliz will zum globalen Terrornetzwerk reifen. Mit Blick auf Europa gelingt ihr das immer besser.

Terrormiliz aktiviert ganze Netzwerke in Europa

Der norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer glaubt, dass es erstmals einer IS-Zelle möglich war, zweimal kurz hintereinander in Europa zuzuschlagen. Hinter den Attentaten in Paris im November mit 130 Toten sollen die gleichen Drahtzieher stecken wie hinter den Anschlägen von Brüssel. Beide Taten waren ähnlich komplex und von langer Hand geplant.

Aus Polizeikreisen und belgischen Medien verlautete, Najim Laachraoui sei als der zweite Attentäter vom Brüsseler Flughafen identifiziert worden - eine offizielle Bestätigung hierfür stand am Mittwochabend allerdings noch aus. Laachraouis DNA war laut belgischen Berichten auf dem Sprengstoff gefunden worden, der in Paris verwendet wurde.

Dass Laachraoui - wie auch der erst kürzlich gefasste und für die Pariser Anschläge mitverantwortliche Salah Abdeslam - sich so frei bewegen konnte, zeigt nicht nur, wie schlecht die europäischen Sicherheitsbehörden aufgestellt und koordiniert sind. Es zeigt auch, wie sehr sich IS-Anhänger in Europa professionalisiert haben und ihre eigenen Netzwerke unter dem Radar weben konnten.

"Das ist ein europaweites Problem, das eine geeinte und koordinierte Antwort erfordert", sagt Clint Watts, Politologe am US-Forschungsinstitut FPRI, mit Blick auf die neue Agilität des IS in Europa. Die Terrormiliz spricht in der Ferne nicht nur Einzelkämpfer, sogenannte einsame Wölfe, an. Sie aktiviere komplette Netzwerke. Und durch erfolgreiche Attentate wie in Brüssel fühlten sich die Dschihadisten neu motiviert: "Für jeden Möchtegern könnte die heutige Medienaufmerksamkeit der entscheidende Anstoß sein, gewalttätig zu werden", glaubt Watts.

Der IS träumt von einem Endkampf: Die "wahren Muslime" gegen den ungläubigen Rest der Welt. All die Muslime, die friedlich im Nahen Osten oder in Europa leben, passen ebenso wenig in die Wirklichkeit des IS wie der als "Kreuzfahrerhort" verunglimpfte Westen. Die dem IS nahestehende Web-Zeitung "An-Naba" titelte: "Der 'Islamische Staat' hat das Kreuzfahrer-Europa erneut durchgeschüttelt."

Alltägliche Angst schüren

Die Attentäter sollen vor ihrer Tat Waffen gehortet haben, Chemikalien und Splitterbomben. Für die Psyche der Dschihadisten ist das wichtig; sie sehen sich als moderne Version der Razwa-Kämpfer aus der Frühzeit des Islam. Auch die gut koordinierten, aber doch so plötzlichen Angriffe in Brüssel erinnern daran. Die Unmittelbarkeit und die Öffentlichkeit der Anschlagsziele sollen den Terror unvermeidlich erscheinen lassen, sollen Angst schüren.

Aber es geht um mehr als nur Angst. Gerade weil der IS in seinem vermeintlichen Kalifat auf dem Rückzug ist, sind die Gräueltaten in Europa auch eine neue Form der Aufmerksamkeit für den schwächelnden IS. Und eine bewusste Provokation: Nach den Anschlägen in Paris schwor Präsident François Hollande, den IS zu "zerstören". Kurz darauf bombardierten französische Rafale-Jets IS-Stellungen nahe der nordirakischen Stadt Mossul.

Damit aber ist er auf das perfide Kalkül der Terroristen hereingefallen. Die IS-Führung will ihr Kalifat als Staat verstanden wissen, der es wert ist, angegriffen zu werden. Die Welt soll schwarz und weiß werden, gläubig und ungläubig.

Dieser Artikel ist auch auf Bento erschienen.

SPIEGEL ONLINE

Im Video: Brüderpaar für Anschläge verantwortlich

AFP/ Interpol



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INGXXL 23.03.2016
1. Die Analyse ist richtig
Wie aber sieht eine Lösung aus?
sneakers 23.03.2016
2. Sicherheitsbehörden ?
Wenn die aktuellen Fakten stimmen, dann kann man sich über Verhalten der Justiz nur wundern. 2 Kriminelle, die mit Kriegswaffen gefasst wurden und diese teilweise benutzt haben, haben die Möglichkeit vor Antritt Ihrer Haftstrafe unterzutauchen ?? Desweiteren wird einer von Ihnen von der Türkei als Gefährder ausgewiesen und die belgischen Behörden waren darüber informiert. Das ganze klingt nach einer Farce und wenn dem so ist, tun mir die Belgier mehr als leid für Ihre Sicherheitskräfte.
AxelSchudak 23.03.2016
3. Ein Zeichen der Schwäche...
Terrorismus ist ein Zeichen der Schwäche - sowohl militärisch als auch Argumentativ. Diese - Trottel - haben ihr eigenes Versagen vor Augen - sowohl menschlich als auch ihrer politisch/religiösen Visionen - und versuchen ihre eigene Bedeutungslosigkeit durch Gewalt nochmal zu überdecken. Man müsste Sie bemitleiden, wenn Sie nicht anderen dabei so viel Schaden zufügen würden.
udo46 23.03.2016
4.
Was ist an dieser Strategie perfide? Eine perfide Strategie beinhaltet ein Mindestmass an Schläue, Hinterhältigkeit und auch Intelligenz. Aber Angst und Schrecken verbreiten durch nackten Terror ist das Primitivste, das man sich vorstellen kann. Mit diesem Attribut wertet man indirekt den IS nur auf. Da schwingt ja unterschwellig fast schon eine gewisse Bewunderung mit.
espet3 23.03.2016
5.
Der arglose Beobachter fragt sich, was denn die ganzen Armadas von Flugzeugen einschl. der deutschen Aufklärung dort in Syrien eigentlich den ganzen Tag tun. Bei den technischen Möglichkeiten der Luftwaffen, dürfte es keinen IS mehr geben und internationale Infantrietruppen könnten die Sicherung des Landes gewährleisten. So könnten die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zum Aufbau anreisen.
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