"Islamischer Staat" USA wollen Datenschatz des IS-Kalifen erbeutet haben

Wie ist der "Islamische Staat" organisiert? Wie verteilen die Dschihadisten ihr Geld? Aus einem erbeuteten Datensatz hat die US-Armee offenbar neue Erkenntnisse gewonnen. Eine davon: Die Frauen der IS-Führer sind wichtig für die Kommunikation.

IS-Führer Baghdadi: "Mit jedem Tag wird unser Bild von der Organisation klarer"
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IS-Führer Baghdadi: "Mit jedem Tag wird unser Bild von der Organisation klarer"


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Die US-Geheimdienste machen offenbar Fortschritte dabei, die Kommandostruktur der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu entschlüsseln. US-Medien berichten unter Berufung auf Regierungskreise, ein Datensatz, den ein US-Spezialkommando am 16. Mai erbeutete, habe sich als wahre Fundgrube erwiesen.

Damals hatte eine Einheit der Delta Force ein Gebäude in der ostsyrischen Stadt Amr gestürmt. Ziel der Mission sei es gewesen, Abu Sayyaf festzunehmen, einen ranghohen IS-Führer, der aus Tunesien stammte. Der Dschihadist leistete Widerstand und wurde nach US-Angaben bei einem Feuergefecht getötet. Seine Frau, Umm Sayyaf genannt, wurde gefangen genommen. Sie soll seither in Verhören nützliches Wissen preisgegeben haben.

Den Soldaten gelang es zudem, Laptops, Mobiltelefone und anderes Material zu erbeuten. Insgesamt soll es sich um vier bis sieben Terabyte Daten handeln. Der Fund habe wertvolle Hinweise dazu geliefert, wie der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi den IS führt.

Unter anderem gehe aus dem Material hervor, dass sich Baghdadi in der syrischen Stadt Rakka regelmäßig mit seinen sogenannten Emiren treffe, den regionalen Anführern des IS. Besonders vertrauenswürdige Fahrer holen demnach die Emire ab und nehmen ihnen Handys und alle anderen elektronischen Geräte ab. So soll verhindert werden, dass US-Geheimdienste ihnen auf die Spur kommen.

"Wir haben einiges erfahren, was wir vorher nicht wussten"

Der Datenschatz belege auch, dass die Ehefrauen der IS-Führer eine weitaus wichtigere Rolle spielen als bislang bekannt. Sie sollen untereinander Informationen weitergeben, die dadurch von Kommandeur zu Kommandeur gelangen, ohne dass diese direkt miteinander in Kontakt stehen.

"Seit dem Kommandoeinsatz haben wir einiges erfahren, was wir vorher nicht wussten", sagte ein Beamter des US-Außenministeriums vor Journalisten. "Mit jedem Tag wird unser Bild von der Organisation klarer und es wird deutlich, wie ausgeklügelt, global und vernetzt sie ist."

So gewähre das Material Einblick darin, wie der IS seine Öl-Einnahmen verwendet. Demnach fließt eine Hälfte in das IS-Budget, die andere Hälfte wird dazu eingesetzt, die Produktionsstätten zu erhalten und die Arbeiter zu bezahlen. Weil diese Arbeiter also offenbar IS-Angestellte sind, seien diese künftig als legitime Angriffsziele einzustufen, sagte ein US-Beamter der "New York Times".

Informationen aus dem riesigen Datensatz sollen bereits dazu geführt haben, dass bei einem Luftangriff am 31. Mai in Ostsyrien der IS-Kommandeur Abu Hamid getötet wurde. Die Dschihadisten haben seinen Tod bislang aber nicht bestätigt.

Dem Kommandoeinsatz gegen Abu Sayyaf war eine wochenlange Vorbereitung vorausgegangen. Neben der Überwachung mit Satelliten und Drohnen soll ein US-Informant beim IS wertvolle Informationen geliefert haben.

Ob das Wissen aus Abu Sayyafs Datenschatz den USA aber langfristig helfen wird, bleibt abzuwarten. Die Geheimdienstler räumen ein, dass sich der IS bislang als extrem anpassungsfähig erwiesen habe.


Zusammenfassung: Ein US-Spezialkommando hat nach US-Medienberichten Mitte Mai in der ostsyrischen Stadt Amr im Haus eines ranghohen Führers des "Islamischen Staates" Laptops, Mobiltelefone und anderes Material erbeutet. Insgesamt soll es sich um vier bis sieben Terabyte Daten handeln. Die US-Armee hat dadurch offenbar neue Erkenntnisse über die Terrorgruppe gewonnen.


Mehr zu Entstehung und Aufbau des "Islamischen Staats" lesen Sie in dem Buch "Die schwarze Macht" von SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter. Ihm war es bereits im vergangenen Jahr gelungen, Organigramme und Angriffspläne des IS aufzuspüren. Hier erfahren Sie mehr über seine Recherchen.

syd

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Seite 1
jorgeG 09.06.2015
1. EIN Datensatz?
Ein Datensatz ist eine Gruppe von inhaltlich zusammenhängenden Datenfeldern, z. B. Name, Vorname, Geburtsdatum und so weiter. Journalisten pflegen seit einiger Zeit eine jede Datensammlung als Datensatz zu bezeichnen, das ist schlicht falsch.
harry362 09.06.2015
2. Datensatz oder Datenchsatz?
Oder doch alles Banane?
Enguerrand de Coucy 09.06.2015
3. Haben sie
"USA wollen Datenschatz des IS-Kalifen erbeutet haben" oder haben sie nicht? "Wollen erbeutet haben" ist reißerische Spekulation und nützt niemandem.
bladus 09.06.2015
4. Legitime Angriffsziele
"Weil diese Arbeiter also offenbar IS-Angestellte sind, seien diese künftig als legitime Angriffsziele einzustufen,*sagte ein US-Beamter der "New York Times"." Seit wann sind Zivilisten, sprich Nichtkombattanten, legitime Ziele? (Für alle die an eine unglückliche Formulierung denken, den verlinkten Artikel der TNYT lesen, es sind tatsächlich die Arbeiter gemeint) MfG
crocodile-gandhii 09.06.2015
5.
Der ISIS kontrolliert große Flächen Land mit religiös relativ einheitlicher Bevölkerung, hat gute Waffen, hoch motivierte Soldaten, Geld, reiche Unterstützer, rückhalt bei den Stämmen, Gruppen in aller Welt die sich ihm anschließen und offensichtlich sehr fähiges Führungspersonal, das meiner meinung nach bestrebt ist als nächstes den großen Knall zwischen den Religionsgeschmacksrichtungen Sunniten und Schiiten einzuleiten. Der Iran muss und will aufgrund der desolaten Lage in Syrien sein militärisches Engagemant stark erweitern. Die Türkei tut aktiv nichts und die Amis wollen als nächsten konstruktiven Schritt Arbeiter zu legitimen Zielen erklären was ihnen garantiert wieder viel Sympathie in der Bevölkerung einbringen wird. Wenn man sich dort einmischt hat man die Wahl zwischen Pest und Cholera, tut man nichts riskiert man einen Flächenbrand vielleicht bis nach Europa.
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