"Islamischer Staat" in Ramadi Abrechnung nach der Schlacht

Wer ist schuld daran, dass die IS-Terrormiliz Ramadi erobert hat? Der US-Verteidigungsminister und der irakische Vizepremier geben feigen Soldaten die Schuld. Doch die wahren Verantwortlichen tragen keine Uniform.

AFP

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Etwas mehr als hundert Kilometer trennen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) noch von der irakischen Hauptstadt Bagdad. Mit der Eroberung Ramadis haben die Dschihadisten einen militärischen Erfolg gefeiert, den es nach den Erfolgsmeldungen der US-Regierung in jüngster Zeit eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Doch der IS ist in den vergangenen Wochen nicht zurückgedrängt worden - stattdessen hat er seinen Herrschaftsbereich um eine weitere irakische Großstadt erweitert.

Der Fall Ramadis hat in der Anti-IS-Koalition für Unruhe gesorgt. Die angekündigte Militäroperation zur Rückeroberung der Stadt lässt auf sich warten, die Miliz kann sich derweil auf die bevorstehende Schlacht vorbereiten. Zwischen amerikanischen, irakischen und iranischen Offiziellen ist derweil die Stunde der Abrechnung gekommen. Sie machen sich gegenseitig für die Niederlage verantwortlich.

Den Anfang machte US-Verteidigungsminister Ashton Carter: Er warf den irakischen Truppen vor, sie hätten in Ramadi keinen Kampfgeist gezeigt. "Wir können sie ausbilden, wir können ihnen Ausrüstung geben, aber wir können ihnen keinen Willen zum Kampf geben", sagte Carter.

Der irakische Ministerpräsident Haidar Al-Abadi wies die Vorwürfe zurück. Er behauptete, der US-Verteidigungsminister sei falsch informiert. Außerdem würden Regierungstruppen Ramadi schon innerhalb weniger Tage zurückerobern.

"Der Rückzug der Armee hat uns alle überrascht"

Qassem Suleimani, der iranische Kommandeur der Kuds-Brigaden, der den Einsatz iranischer Ausbilder im Irak leitet, sprang Abadi zur Seite: Es sei die US-Armee gewesen, die keinen Willen zum Kampf um Ramadi gezeigt und die irakischen Soldaten im Stich gelassen habe, sagte Suleimani der iranischen Zeitung "Javan".

US-Vizepräsident Joe Biden sah sich angesichts des Zwistes zum Einschreiten gezwungen: Er telefonierte am Montag mit Abadi und lobte dabei laut Mitteilung des Weißen Hauses den Kampfgeist der irakischen Soldaten. Die USA würden "die enormen Opfer und den Mut der irakischen Truppen in Ramadi und anderswo anerkennen", sagte Biden demnach.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch ausgerechnet ein ranghoher Regierungsvertreter aus Bagdad zu Wort gemeldet, der die Kritik des Pentagon an der irakischen Armee teilte. "Der Rückzug der Armee aus Ramadi hat uns alle überrascht", sagte Vizepremier Saleh Al-Mutlaq dem US-Sender CNN. "Es ist völlig unverständlich, dass diese Einheit, die seit Jahren von den Amerikanern trainiert worden ist und eine der besten Einheiten der Armee sein sollte, Ramadi auf diese Art und Weise verlässt." Das sei nicht das, was die Iraker von ihrem Militär erwarteten, kritisierte Mutlaq.

Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung

Der ranghöchste Sunnit in der irakischen Regierung stammt selbst aus der Provinz Anbar, deren Hauptstadt Ramadi ist. Er beklagte, dass die Menschen in seiner Heimatregion langsam den Glauben daran verlören, dass die irakische Regierung die Lage zum Besseren wenden und den IS besiegen könnte. Es brauche eine politische Lösung für die Krise im Irak. "Diese Schlacht kann nicht nur militärisch gewonnen werden."

In der Tat ist der Fall Ramadis weniger die Folge fehlenden Kampfesmuts, sondern eine Konsequenz politischen Versagens. Sunnitische Stammesverbände hatten die Terrororganisation "al-Qaida im Irak" 2007 weitgehend aus Anbar vertrieben. Seither weigert sich die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad allerdings beharrlich, diese Verteidigungskräfte adäquat auszurüsten. Mächtige schiitische Fraktionen lehnen das ab, weil sie an der Loyalität der Sunniten zweifeln. Sie unterstellen der sunnitischen Minderheit, sie hege Sympathien für die Radikalen des IS und werde die Waffen irgendwann auch gegen Schiiten einsetzen.

Die Folge: Die Einheiten in Ramadi, die ihre Stadt bis zuletzt gegen den IS verteidigten, waren am Ende zwar zahlenmäßig weit überlegen, aber militärisch hoffnungslos im Nachteil, weil sie den Dschihadisten mit deren Humvees, Artilleriegeschützen und Selbstmordattentätern nur Kalaschnikows entgegensetzen konnten.

Die Folge ist, dass die Befürchtungen der Schiiten zu sich selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Weil sie von der Regierung in Bagdad im Stich gelassen werden, ziehen es viele sunnitische Stämme im Westirak inzwischen vor, sich dem IS zu unterwerfen. Der Kampf gegen die Dschihadisten wird damit zwangsläufig zu einem Konflikt der Konfessionen: Der IS und verbündete sunnitische Stämme auf der einen gegen schiitische Milizen auf der andere Seite.


Zusammengefasst: Nach der Vertreibung irakischer Truppen aus Ramadi hat die Zeit der Schuldzuweisungen begonnen. Doch dass die Stadt durch den IS erobert wurde, liegt nicht an fehlendem Kampfesmut der Soldaten, sondern an falschen politischen Entscheidungen. Die Regierung in Bagdad hat die sunnitischen Kämpfer in Ramadi im Stich gelassen.

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silenced 26.05.2015
1.
Ist es nicht wundervoll, wenn Politiker, daheim in der sicheren Heimat, sich über fehlenden Kampfgeist von Soldaten aufregen, die einen Krieg führen der durch unfähige Politiker und deren Aktionen überhaupt erst existiert? Der Terror des IS zeigt Wirkung, da ist es EGAL wie gut eine Einheit ausgebildet ist. Es sind immer noch Menschen die dort an der Front stehen, Menschen mit Familie, Gefühlen und einem Recht auf Unversehrtheit. Daß sich ausgerechnet ein US-Politiker derartig äußert lässt sehr tief blicken. Einfach nur traurig. Da weiß man eigentlich gar nicht was man dazu sagen soll.
kategorien 26.05.2015
2. Religiöses Kaffeesatzlesen
Aus Deutschland sind solche Interpretationen natürlich immer schnell zur Hand. Also soll es das Mantra der 2000er Jahre, der Glaube, der Grund für das Scheitern in einer Stadt sein. Es könnte auch sein, dass die Lage vor Ort hoffnungslos war und dass Schreibtisch-Angestellte wie wir, und wie die SPON-Redaktion, sich nicht vorstellen können, dass Schlachten oder Gefechte nicht bloß durch Zahlen, sondern Taktiken entschieden werden. Ein Blick auf die Militärgeschichte sollte helfen. Es ist doch denkbar, dass der IS die irakischen Truppen überrascht oder überrumpelt haben könnte. Dann hätte man sich das religiöse Kaffeesatzlesen erspart.
abc-xyz 26.05.2015
3. IS nur mit und nicht gegen Sunniten zu bezwingen
Es sollte langsam jeden klar werden, dass der IS verhältnismäßig leicht zu besiegen wäre, würde man die Sunniten adäquat einbinden. Sowohl in Damascus wie in Bagdad sitzen absolute Sunnitenhasser an den Schalthebeln. Im Irak kann man wenigstens noch politisch einwirken, sind die Strukturen dort nicht so verfestigt. In Syrien hingegen kann man das Assadkrebsgeschwür nur noch mit Gewalt entfernen. Und hier ist auch gleich die Quelle. An den Symptomen im Irak kann man nur rumdoktoren. Die Quelle der Metastasen ist aber Syrien und das Assadregime.
deglaboy 26.05.2015
4. Ist das nicht...
die langfristige Strategie der Amis, Sunniten auf Schiiten zu hetzen, um den islamischen Jihadismus vom eigenen Land fernzuhalten. Es ist doch klar, dass sich der Westen in einem jahrzehntelangen Krieg mit dem politischen Islam befindet. Und wir sind erst am Anfang. Kurz nach dem Prager Fenstersturz.
voiceecho 26.05.2015
5. Irakstruppen!
Man sollte die Armee des Iraks genauer unter die Lupe nehmen, es ist kein Zufall, dass sie im letzten Jahr Mossul und jetzt Ramadi regelrecht an den IS abgegeben haben, es entsteht der Eindruck, dass dort einige und zwar an höchster Stelle mit dem IS eng zusammenarbeiten und Insiderwissen an IS weitergeben. Unter solchen Bedingungen kann der Irak den Kampf nie gewinnen. Die USA hatten solche Probleme in Pakisten im Kampf gegen Al Qaida, dort haben Geheimdienstmitarbeiter lange Zeit mit den Taliban zusammengearbeitet und viele Infos weitergegeben, was der Kampf erheblich erschwerte.
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