Terrorismus Verfassungsschutz warnt vor Kinder-Dschihadisten in Deutschland

Sie sind jung, verblendet und traumatisiert: Die Kinder der zum IS ausgereisten Dschihadisten gelten als besonderes Sicherheitsrisiko, warnt Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen - und viele könnten bald zurückkehren.

Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen
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Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen

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Die Propaganda des "Islamischen Staats" verherrlicht sie bereits als Dschihadisten von morgen. In brutalen Videos zeigt die Terrormiliz ihrer Gefolgschaft, wie Kinder wehrlose Gefangene ermorden. Die Filme sollen andere Radikale anspornen, dabei könnten die Streifen abstoßender und unheimlicher kaum sein.

Wie grausame Marionetten schreiten die Jungen darin zur Tat, teilweise sind sie erst wenige Jahre alt. Systematisch indoktriniert und aufgehetzt gegen die "Ungläubigen", wurden sie ausgebildet als Gotteskrieger der Zukunft. Doch was geschieht nun mit ihnen, da die militärische Niederlage des IS nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint und das von ihm beherrschte Gebiet immer weiter zusammenschrumpft?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sorgt ein Szenario derzeit besonders: dass Kinder-Dschihadisten nach Deutschland zurückkehren. "Damit könnte auch hier eine neue Dschihadistengeneration herangezogen werden", sagt BfV-Chef Hans-Georg Maaßen. "Dieses Risiko muss die Gesellschaft sehr genau im Blick behalten und sich konzeptionell entsprechend aufstellen." Doch bislang fehlt eine einheitliche Strategie, die das Handeln von Bund und Ländern, Sicherheitsbehörden, Jugend- und Sozialämtern, Familiengerichten aufeinander abstimmt.

Mehr als 950 Islamisten sind aus Deutschland in den Dschihad nach Syrien und in den Irak gezogen. Bei etwa einem Fünftel von ihnen handelt es sich um Frauen, fünf Prozent der Islamisten waren zum Zeitpunkt der Ausreise noch nicht volljährig. Inzwischen ist etwa ein Drittel der Terror-Touristen nach Deutschland zurückgekehrt, knapp 150 sollen in Syrien oder dem Irak gestorben sein.

Frankreich und andere Länder haben die Daten ihrer Dschihadisten den irakischen Behörden übermittelt, sie hoffen, dass sie dort vor Gericht gestellt werden. Deutschland hingegen fürchtet Exekutionen und Schauprozesse. Gerade Frauen und Kinder will Berlin lieber heimholen, als sie der Justiz in Bagdad zu überlassen.

So hilft das Auswärtige Amt der Frankfurter Islamistin Nadja R. derzeit dabei, nach Deutschland zurückzukehren, wie der Hessische Rundfunk berichtet. R. hatte sich zuvor öffentlich in Videobotschaften an die Bundesregierung gewandt und darum gebeten, mit ihren Kindern nach Hause kommen zu dürfen. Gegen die 16-jährige IS-Anhängerin Linda W. aus Sachsen hingegen, die vor einigen Wochen in Mossul festgenommen wurde, wurde in Bagdad inzwischen ein Strafverfahren eröffnet. Sie gilt den Sicherheitsbehörden als kaum geläutert und ideologisch noch immer sehr gefestigt.

"Popkultur des Schreckens" lockt viele junge Menschen an

Die junge Generation des islamistischen Terrors bereitet den deutschen Sicherheitsbehörden schon seit geraumer Zeit erhebliche Sorgen. Im vergangenen Jahr hatten Verfassungsschützer auf Schutzlücken in Gesetzen hingewiesen. "Wir müssen die Jungen im Blick behalten können", sagte ein Beamter damals. Daraufhin reagierte die Große Koalition in Berlin.

Im Änderungsantrag zum Gesetzentwurf über den besseren Informationsaustausch im Antiterrorkampf wurde geregelt, dass das BfV künftig einfacher als bislang schon 14-jährige Extremisten beobachten kann. Die Daten der Jugendlichen können demnach gespeichert werden, wenn "tatsächliche Anhaltspunkte" dafür bestehen, dass Minderjährige Straftaten wie etwa einen Anschlag planen, begehen oder begangen haben. Kinder allerdings sind weiterhin tabu für die Dienste, dabei sind sie besonders anfällig für die einfachen Botschaften der Hetzer und Hassprediger.

Die Suche nach einer Struktur im Leben, nach klaren Regeln könne bei der Radikalisierung eine entscheidende Rolle spielen, sagt Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College. Zugleich habe der IS die "intellektuelle Eintrittsschwelle" so weit abgesenkt, dass jeder folgen könne. "Sie brauchen dazu kein tieferes Verständnis von Religion", so Neumann. Der IS versuche kaum noch, seine Gewalt politisch oder religiös zu begründen. Er sei eine "Popkultur der Schreckens", besonders attraktiv für Junge, Traumatisierte, Suchende.

Von sieben islamistischen Anschlägen in 2016 in Deutschland, wurden drei von Minderjährigen begangen. Ein Anschlag - auf den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen - scheiterte, weil der selbstgebaute Sprengsatz nicht detonierte. Der Täter war erst zwölf Jahre alt. Die Behörden durften noch nicht einmal gegen ihn ermitteln.

SPIEGEL TV Magazin: Interview mit IS-Kindersoldat Nadim

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