"Islamischer Staat" Video zeigt offenbar Enthauptung britischer Geisel

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat erneut eine westliche Geisel enthauptet. Wie Großbritanniens Premierminister David Cameron bestätigte, handelt es sich bei dem Getöteten um den Briten David Haines. Ein IS-Video soll Szenen seiner Ermordung zeigen.


Hamburg - Nach zwei US-Journalisten hat die Dschihadisten-Gruppe "Islamischer Staat" (IS) nun auch einen britischen Entwicklungshelfer vor laufender Kamera getötet. Die Extremisten veröffentlichten am Samstag ein Video, das die Enthauptung der Geisel David Haines durch einen Vermummten zeigen soll. Der Film war auf der Website des US-Unternehmens Site abzurufen, das sich auf die Überwachung islamistischer Internetseiten spezialisiert hat.

Großbritanniens Premierminister David Cameron bestätigte Haines' Tod in einer Stellungnahme. Zuvor hatte das britische Außenministerium bereits die Existenz eines Videos bestätigt, das die Enthauptung einer 44 Jahre alten Geisel durch den IS in Syrien zeigt. Man arbeite mit Hochdruck daran, eine Aussage über die Echtheit des Videos machen zu können.

"Das ist ein abscheulicher und entsetzlicher Mord an einem unschuldigen Entwicklungshelfer", sagte Cameron, der die Tat als das "vollkommene Böse" bezeichnete. Seine Gedanken seien bei Haines' Familie. Diese habe während der Gefangenschaft des Briten "außerordentlichen Mut und große Stärke" bewiesen. "Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um diese Mörder zur Strecke zu bringen und vor Gericht zu stellen, ganz egal, wie lange es dauert." Für den frühen Sonntagmorgen kündigte er eine Sitzung des britischen Sicherheitskabinetts an.

Möglicherweise derselbe Täter mit Londoner Akzent

In dem Video sieht man Haines in einem orangefarbenen Hemd, wie er neben einem in Schwarz vermummten Mann kniet. Dieser hat in der linken Hand offenbar ein Messer. An die Kamera gerichtet sagt er: "Dieser Brite muss den Preis für dein Versprechen, Cameron, zahlen, die Peschmerga zu bewaffnen, um gegen den 'Islamischen Staat' vorzugehen."

Nach einem Bericht der BBC handelt es sich bei dem Täter möglicherweise um denselben Mann mit Londoner Akzent, der bereits in den Videos mit der Enthauptung zweier US-Geiseln aufgetreten war. Laut Site IntelGroup droht der IS in dem aktuellen Video, als nächstes noch eine weitere Geisel zu ermorden: den britischen Entwicklungshelfer Alan Henning.

Der IS hatte zuvor bereits mehrfach mit Haines' Ermordung gedroht. Er sei nun als Vergeltung enthauptet worden, weil sich David Cameron an der US-geführten Koalition gegen den IS beteilige, hieß es nach Site-Angaben in dem Video.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem barbarischen Akt. Zugleich bekräftigte er seine Entschlossenheit, zusammen mit Partnern rund um die Welt die Dschihadisten-Organisation zu zerstören. Die USA stünden "in Trauer und Entschlossenheit" Seite an Seite mit ihrem engen Freund und Verbündeten Großbritannien.

"Wir werden mit Großbritannien und einer breitgefächerten Koalition zusammenarbeiten, um die Verantwortlichen für diese empörende Tat zur Rechenschaft zu ziehen und diese Bedrohung für die Bevölkerung unserer Länder, der Region und der Welt zu schwächen und zu vernichten", sagte Obama nach Angaben des Weißen Hauses.

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte die Ermordung Haines' als "abscheulichen Akt barbarischer Gewalt jenseits aller Grenzen menschlicher Zivilisation". Die Veröffentlichung und Verbreitung der Aufnahmen seiner Tötung im Internet sei ein weiterer inakzeptabler Tabubruch, betonte der SPD-Politiker. Dort wo der IS herrsche, werde gemordet, vergewaltigt, gebrandschatzt. "Die internationale Gemeinschaft muss sich dieser Bedrohung für den Irak, die ganze Region und auch uns entschlossen entgegenstellen."

Stellungnahme der Angehörigen verbreitet

Die Familie des Opfers schrieb in der Nacht in einer vom britischen Außenministerium verbreiteten Stellungnahme: "Er wurde und wird von seiner ganzen Familie geliebt und wird schrecklich vermisst werden." Mike Haines sagte, sein Bruder sei "kaltblütig" ermordet worden. "Seine Freude und die gespannte Erwartung auf die Arbeit, die er in Syrien leisten wollte, sind für mich und meine Familie die wichtigsten Elemente in dieser ganzen traurigen Angelegenheit."

Der in Schottland geborene Haines war im März 2013 in der Nähe eines Flüchtlingslagers im syrischen Atmeh verschleppt worden. Der zweifache Vater hatte die Auslieferung von Hilfsgütern für Menschen in dem Lager koordinieren sollen. Unterwegs war er im Auftrag der internationalen Hilfsorganisation Agency for Technical Cooperation and Development (Acted). Zuvor war er auf dem Balkan, in afrikanischen Staaten und im Nahen Osten als Entwicklungshelfer im Einsatz.

Erst vor wenigen Tagen hatte Haines' Familie über das britische Außenministerium eine kurze Botschaft an die Entführer des 44-Jährigen gerichtet und die Dschihadisten aufgefordert, sie zu kontaktieren.

Am 19. August hatte der IS ein Video ins Netz gestellt, das die Ermordung des US-Journalisten James Foley zeigt. Anfang September folgte ein Video mit der Ermordung des vor einem Jahr in Nordsyrien verschleppten Reporters Steven Sotloff. Bereits in diesem Film war Haines erwähnt worden; die Terroristen drohten darin mit seiner baldigen Ermordung.

Insgesamt werden noch immer 30 bis 40 Europäer und Amerikaner in der Hand von IS in Syrien vermutet.

rls/kha/AFP/Reuters/dpa/AP

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