Dschihad-Rivalen "Islamischer Staat" kapert Netzwerke von al-Qaida

Der "Islamische Staat" hat al-Qaida als weltweit gefährlichste Terrororganisation abgelöst. Immer mehr Dschihadistengruppen bekennen sich zum IS - oder haben sogar schon direkten Kontakt aufgenommen.

Dschihadisten in aller Welt: Immer mehr Milizen schwören dem "Islamischen Staat" die Treue (Stand Dezember 2014)
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Dschihadisten in aller Welt: Immer mehr Milizen schwören dem "Islamischen Staat" die Treue (Stand Dezember 2014)


In einigen Ländern schwören Dschihadisten-Vereinigungen plötzlich lieber dem "Islamischen Staat" (IS) die Treue als al-Qaida. Der IS ist dabei, die Organisation aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet als einflussreichste Terrororganisation abzulösen.

Ständig kommen weltweit neue Milizen hinzu, die sich zu der Dschihadistengruppe in Syrien und im Irak bekennen. Manchmal führt dies zu Spaltungen von bestehenden Terrororganisationen: in einen Flügel, der es weiter mit al-Qaida hält, und einen der IS-Anhänger.

Dabei bestehen ideologisch zwischen den Anhängern beider Extremistengruppen nur geringe Unterschiede. Ursprünglich war der IS ein irakischer Qaida-Ableger - bis er 2013 beschloss, mit Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri zu brechen.

Unsere Karte zeigt Länder, in denen Milizen präsent sind, die entweder Kontakte zur Zentralführung al-Qaidas oder des IS haben. Es gibt aber auch Fälle, bei denen sich eine Dschihadistengruppe zum IS oder zu al-Qaida bekennt, ohne dass direkte Beziehungen bestehen.

Die Behauptungen des IS-Chefs Abu Bakr al-Baghdadi über internationale Verbindungen sind bisher fast ausschließlich Prahlereien. Doch es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Islamisten von einer irakisch-syrischen Gruppe zu einem überregionalen Phänomen werden:

  • Libyen: Dort hat der IS nach Erkenntnissen des US-Geheimdienste im Osten inzwischen eigene Trainingslager errichtet. Es wird vermutet, dass dort Kämpfer für den Bürgerkrieg in Libyen ausgebildet werden und nicht für internationale Ziele. Auch im Westen Libyens versucht der IS Fuß zu fassen und sich gegen Dschihadisten-Rivalen durchzusetzen.

  • Ägypten: Die Terrorgruppe Ansar Beit al-Maqdis hat vor Kurzem entschieden, sich einen mächtigen Verbündeten zu suchen und setzt nun auf den IS. Neben dieser Gruppe sind dort noch andere Dschihadisten aktiv.

Auch außerhalb des Nahen Ostens haben sich bereits bestehende Dschihadistengruppen auf den IS berufen, zum Beispiel in Südostasien oder in Algerien. Dabei scheint es sich jedoch um Trittbrettfahrer zu handeln. Es sind kleine örtliche Milizen, die keinen direkten Draht zum IS haben, aber hoffen, durch das Bekenntnis zu den Islamisten im Wettbewerb mit anderen örtlichen Dschihad-Rivalen attraktiver zu wirken.

Noch hat al-Qaida mehr regionale Ableger als der IS:

  • Nordafrika/Sahelzone: Al-Qaida im Maghreb (AQMI) ist eine Bewegung mit vielen Untergruppen und Strömungen. Einige hochrangige AQMI-Vertreter bekennen sich weiterhin offiziell zu al-Qaida.

  • Syrien: Die Nusra-Front in Syrien gilt als Qaida-Ableger. Hauptsächlich konzentriert sie sich auf Anschläge in dem Krisenstaat. Doch nach Erkenntnissen der USA gibt es auch eine Zelle, die internationale Attacken plant.

  • Jemen: Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) war für spektakuläre Anschlagsversuche verantwortlich - wie etwa die Attentatspläne des "Unterhosenbombers". Denn ähnlich wie die Nusra-Front in Syrien hat auch AQAP international ausgerichtete Zellen. Die meisten Opfer der Angriffe sind aber Einheimische.

Viele andere Dschihadistengruppen wie Boko Haram in Nigeria oder die Schabab-Miliz in Somalia haben nach Einschätzungen des US-Geheimdienstes nur sehr lose Verbindungen zu al-Qaida, auch wenn sie sich auf die Terrorgruppe berufen.

Das macht sie allerdings nicht weniger grausam und gefährlich - auf ihr Konto gehen jeden Monat Hunderte Tote.

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