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Islamismus: Ägyptens Intellektuelle weichen dem Terror

Aus Kairo berichtet Volkhard Windfuhr

Aus Angst vor Anschlägen schrecken Liberale und Intellektuelle in Ägypten vor öffentlicher Kritik am Fundamentalismus zurück. Ein populärer Essayist widerrief jetzt aus Furcht sogar sämtliche Artikel, die er bisher gegen den religiösen Wahn geschrieben hatte.

Anschläge in Scharm al-Scheich: Intellektuelle haben Angst vor öffentlicher Kritik am  Fundamentalismus
AFP

Anschläge in Scharm al-Scheich: Intellektuelle haben Angst vor öffentlicher Kritik am Fundamentalismus

Kairo - Das Café Rishe in Kairo ist das letzte Refugium der Intellektuellen. Seine Besucher schätzen es als einen Ort, in dem man seine Meinung frei äußern kann wie im Londoner Hyde Park. Es gilt seit jeher als ein geistiger Treffpunkt des Nahen Ostens, und die Tatsache, dass es nach 98 Jahren etwas baufällig ist, hat bisher kaum gestört. Denn reparaturbedürftig sind viele Gebäude in der ägyptischen Hauptstadt.

Doch mit dem fröhlichen Meinungsstreit im Café Rishe soll nun bald Schluss sein. Islamistische Bürokraten wollen das Lokal schließen lassen - unter dem Vorwand, es sei nicht mehr sicher. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Die Gefahr für die Freigeister in Ägypten lauert nicht im morschen Gebälk, sondern im grassierenden religiösen Fundamentalismus, gegen den kaum noch jemand öffentliche Einwände erheben mag.

Die brutalen Sprengstoffanschläge in Ägyptens mondänen Rotmeer-Paradiesen Scharm al-Scheich und Taba wirken sich nicht nur verheerend auf die Tourismus-Industrie aus. Der Terror drückt wie ein Alb auch auf liberale Schriftsteller. Aus Furcht vor den Todesschwadronen der Qaida-Extremisten sah sich jetzt auch der populäre Islamistenkritiker Saijid al-Qimni genötigt, in einem aufsehenerregenden handschriftlichen Entschuldigungsschreiben seinen Entschluss bekannt zu geben, seine schriftstellerische Tätigkeit "bis auf weiteres" einzustellen.

Das Politmagazin "Rose El-Youssef", das seine Essays und Kommentare regelmäßig abdruckte, kritisierte den "Kniefall vor den Menschen verachtenden Irregeleiteten" und weigerte sich, Al-Qimnis Reuebrief abzudrucken. In seiner Erklärung hatte sich der Autor zu der selbst erniedrigenden Feststellung hinreißen lassen, all seine bisherigen Artikel und Einlassungen basierten auf "falschen Schlussfolgerungen". Es täte ihm leid, die Gefühle Anderer verletzt zu haben.

Literaturnobelpreisträger Machfus: Seine Bücher gibt es nur noch unter dem Ladentisch
AP

Literaturnobelpreisträger Machfus: Seine Bücher gibt es nur noch unter dem Ladentisch

Die Islamisten haben al-Qimni offenbar so eingeschüchtert , dass er seine Überzeugung verleumdete wie weiland Galileo Galilei. Ob seine Widersacher diesen Canossagang ernst nehmen, steht dahin. Seine Bücher sind aus den Buchhandlungen verschwunden, ebenso wie die Werke des Anfang der neunziger Jahre von Islamisten ermordeten liberalen Autors Farag Foda. Selbst das preisgekrönte Werk "Kinder unserer Gasse" des Literaturnobelpreisträgers Nagib Machfus ist nur noch unter dem Ladentisch zu bekommen. Prominente Muslimführer hatten den Dichter als "Abweichler" gebrandmarkt.

Der Chefverkäufer der bekannten Buchhandlung "Madbuli" am Soleiman-Pascha-Platz in Kairo warnt stellvertretend für viele Berufskollegen: "Wenn der Staat nicht schnell eingreift, gibt es bald keine Aufklärungsliteratur mehr auf dem Markt." Doch es geht längst nicht nur um Bücher. Insider berichten, dass seit den Anschlägen in Sinai ein Dutzend anonym bleiben wollender Zeitungskommentatoren bereits angekündigte Attacken auf die gefährlichen Islamisten und ihre Hintermänner zurückgezogen haben. Das Land der Pharaonen geht dunklen Zeiten entgegen.

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