Islamismus Topgefährder setzt sich in die Türkei ab

Halil D. stand im Verdacht, einen Anschlag auf ein Radrennen geplant zu haben. Ein Gericht sprach ihn davon frei. Jetzt hat sich der als Topgefährder eingestufte Islamist nach SPIEGEL-Informationen in die Türkei abgesetzt.

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Als die Polizisten im Frühjahr 2015 die Wohnung des Salafisten Halil D. im hessischen Oberursel durchsuchten, muss ihnen mulmig zumute gewesen sein. Die Beamten entdeckten nämlich nicht nur einschlägiges Propagandamaterial, sondern auch jede Menge Waffen, Chemikalien, Munition sowie 24.000 Euro in bar. Hinzu kam eine fertige Rohrbombe, die D. in einer Bananenkiste im Keller lagerte.

Zugleich gaben die Behörden Terroralarm. Sie glaubten, das traditionsreiche Radrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" als mögliches Anschlagsziel des Islamisten D. ausgemacht zu haben. Das Rennen wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Halil D. und seine Frau hatten zuvor in einem Baumarkt Wasserstoffperoxid gekauft. Das taugt zur Schimmelbekämpfung, man kann es aber auch zum Bombenbau verwenden.

Die Staatsanwaltschaft klagte Halil D. schließlich wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat an, doch das Landgericht Frankfurt verurteilte ihn im Juli 2016 lediglich wegen Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz und Urkundenfälschung. Im Januar 2018 kam D. frei, nachdem er zuvor für eine kurze Zeit in die Psychiatrie eingewiesen worden war.

Nach SPIEGEL-Informationen hat sich Halil D., der als Topgefährder eingestuft ist, nun in die Türkei abgesetzt. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, meldete er sich an einem Sonntagmorgen im November - wie jede Woche - pflichtgemäß bei der für ihn zuständigen Polizeiwache in der Essener Innenstadt.

Entsprechende Auflagen hatten ihm die Beamten gemacht. In der Nacht jedoch brach er mit seinem Auto in die Türkei auf. Der Staatsschutz konnte später nachvollziehen, wie der Islamist auf dem Landweg eine Grenze nach der anderen passiert hatte. Die Polizei Essen, die für den Gefährder Halil D. zuständig ist, bestätigte dessen Ausreise auf SPIEGEL-Anfrage.

Halil D., der nach seiner Entlassung aus der Haft von Hessen nach Essen gezogen war, hatte die Tour akribisch vorbereitet. Seine Frau - die ebenfalls als sogenannte relevante Person eingestuft ist - und die gemeinsamen Kinder flogen bereits vor Monaten in die Türkei. In Telefonaten, die deutsche Sicherheitsbehörden auffangen konnten, sprachen die Eheleute nach SPIEGEL-Informationen immer wieder darüber, dass Halil D. seiner Familie folgen wollte. Allerdings brauchte er zunächst Geld. Da der Islamist nicht arbeitete, sondern Sozialleistungen kassierte, dauerte es etwas länger, die notwendige Summe aufzubringen.

Der Verteidiger von Halil D., der Frankfurter Anwalt Ali Aydin, teilte mit, er wisse nicht, wo sich sein Mandant derzeit aufhalte. Er könne sich jedoch gut vorstellen, dass dieser das Land verlassen habe: "Die Staatsanwaltschaft hat sich besonders viel Mühe gegeben, mit einer grenzwertigen Geschichte seine Existenz zu zerstören. Ein normales Leben ist für ihn hier quasi unmöglich", so Aydin. Halil D. werde immer "mit diesem Makel behaftet bleiben", er sei ein Terrorist, es habe ihm nur nicht nachgewiesen werden können. Dabei sei früh klar gewesen, dass D. das Wasserstoffperoxid zur Beseitigung von Schimmel habe einsetzen wollen, sagte Aydin: "Nichts deutete auf etwas anderes hin." Dennoch habe die Justiz auf ihrer "abwegigen These" beharrt.

Kaum einzuschätzen und vermeintlich zu allem entschlossen

Halil D. gilt als einer der gefährlichsten Islamisten in Nordrhein-Westfalen. Er war nach SPIEGEL-Informationen wiederholt Thema der Arbeitsgemeinschaft "Risikomanagement" im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum in Berlin. Auf der Skala des Bewertungsinstruments Radar-iTE, mit dem Staatsschützer Gefährder beurteilen, erreichte D. zuletzt 19 Punkte und gehörte damit zu der Klientel, die der nordrhein-westfälische Staatsschutz in die sogenannte Zielgruppe "Fokus" sortiert: kaum einzuschätzen und vermeintlich zu allem entschlossen.

Zu der Einschätzung dürften auch die Erkenntnisse des hessischen Landeskriminalamts beigetragen haben, das im Frühjahr 2015 wegen des mutmaßlichen Terrorplans gegen D. ermittelte. Damals entstand aus den Nachforschungen der Beamten das Bild eines extremistischen Eigenbrötlers, der sich dauerüberwacht wähnte: Am Telefon redete Halil D. generell nicht über ernste Themen, wie sich eine Verwandte bei der Polizei erinnerte. Auch nutzte der Deutschtürke, der eng mit einem verurteilten Qaida-Unterstützer befreundet war, eine Verschlüsselungssoftware für seinen Computer.

Halil D. gehört seit fast 20 Jahren zur salafistischen Szene. Dennoch ist seine Geisteshaltung deutlich: Nach Erkenntnissen der Ermittler misshandelte D. seine jüngere Schwester mehrfach, weil sie sich für einen westlichen Lebensstil und damit in seinen Augen für die Sünde entschieden hatte.

Zu seiner ideologischen Verblendung kam im Fall des Halil D. ein Faible für Waffen, Sprengstoffe und Militär, wie die Fahnder feststellten. In seiner Wohnung fanden die Beamte Dutzende Zettelchen, auf denen sich der frühere Chemiestudent Notizen zu Bomben gemacht hatte: "Man braucht Nitroglyzerintabletten", kritzelte er etwa, "die Formel ist C3H3N3O2."

Mitarbeit: Max Holscher

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