Islamist Baitullah Mehsud Taliban in Pakistan melden Tod ihres Anführers

Er galt als "Staatsfeind Nummer eins", wurde hinter zahlreichen Anschlägen vermutet - nun ist er nach Angaben aus Kreisen der Taliban tot: Baitullah Mehsud, Anführer der Radikalislamisten in Pakistan, soll bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen sein.


Islamabad - Ihr Führer sei schon am Mittwoch gestorben und bereits beerdigt worden, zitiert die Deutsche Presse-Agentur dpa einen Vertreter der Taliban. Ein Nachfolger Mehsuds sei ernannt, der Name solle nach dem Freitagsgebet bekanntgegeben werden. Der pakistanische Innenminister Rehman Malik sagte, aus Süd-Waziristan flössen Informationen über den Tod des Taliban-Führers. Bislang gebe es jedoch noch keine Bestätigung. Von pakistanischen Geheimdiensten hieß es, keine unabhängige Quelle habe die Leiche gesehen.

Taliban-Führer Baitullah Mehsud (im Mai 2008): Nachfolgelösung soll bei Freitagsgebet bekanntgegeben werden
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Taliban-Führer Baitullah Mehsud (im Mai 2008): Nachfolgelösung soll bei Freitagsgebet bekanntgegeben werden

Schon in der Nacht wurde von US-Seite über Mehsuds Tod spekuliert. Der US-Sender ABC hatte unter Berufung auf mehrere namentlich nicht genannte US-Vertreter berichtet, dass es Hinweise auf den Tod des Islamisten gebe.

Bei einem US-Angriff auf das Haus des Schwiegervaters von Mehsud in Süd-Waziristan war am Mittwoch nach Angaben von pakistanischen Sicherheitskräften die zweite Frau des Taliban-Anführers getötet worden.

Zunächst gab es keine Bestätigung, ob sich Mehsud zum Zeitpunkt des Angriffs in dem Haus aufhielt oder verletzt wurde. Ein Angehöriger seiner getöteten Frau sagte damals nach, dass der Mitte-30-Jährige "in Sicherheit" sei. Süd-Waziristan gilt als Hochburg seiner Organisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (Taliban-Bewegung in Pakistan). Die Region liegt an der Grenze zu Afghanistan und ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und al-Qaida.

Die USA sehen in Mehsud einen wichtigen Unterstützer des Terrornetzwerks und haben auf ihn ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar (3,5 Millionen Euro) ausgesetzt. Ihm wird die Organisation etlicher Selbstmordanschläge in Pakistan in den vergangenen zwei Jahren zur Last gelegt.

Die Regierung in Islamabad macht ihn unter anderem für den Mord an Ex-Premierministerin Benazir Bhutto verantwortlich. Die Vereinigten Staaten betrachteten Mehsud auch als Gefahr für ihren Einsatz in Afghanistan.

Fakten über Pakistan
Staatsgründung
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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
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Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
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Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
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In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
dpa
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
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1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.

itz/dpa/AFP/AP/Reuters



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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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