Kairo - Sie haben über jeden der 234 Artikel einzeln abgestimmt, jetzt steht der neue Verfassungsentwurf für Ägypten, der den Konflikt zwischen Regierung und Opposition weiter verschärfen dürfte. Das Dokument wurde vom mehrheitlich von Islamisten besetzten Verfassungskomitee in einer nächtlichen Marathonsitzung durchgesetzt. 19 Stunden dauerte die Sitzung, dann wurde der Entwurf Präsident Mohammed Mursi weitergeleitet. Binnen einiger Wochen soll dann in einer Volksabstimmung endgültig über die Verfassung entschieden werden.
Die Opposition sieht den Entwurf als einen weiteren Schritt zu einem Gottesstaat. Nach Ansicht der Gegner Mursis schränkt das Dokument die Rechte der Frauen ein, beschneidet die Kompetenzen der Justiz und gibt den Religionsgelehrten Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess. Außerdem werden alle früheren Mitglieder der einstigen Regierungspartei mit einem politischen Betätigungsverbot für zehn Jahre belegt. Die säkularen Parteien werfen Mursi vor, er habe seine Machtbefugnisse ausgeweitet, um wie ein "Pharao" regieren zu können. Die Verfassungserklärung soll so lange gültig sein, bis die neue Verfassung in Kraft tritt.
Der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei warf Mursi vor, Ägypten in eine Sackgasse geführt zu haben. Deshalb sei es nun auch seine Aufgabe, einen Ausweg aus der aktuellen Krise zu finden. "Die Verfassung, über die jetzt abgestimmt wird, wird im Mülleimer der Geschichte landen", sagte ElBaradei am Donnerstagabend in einem Fernsehinterview. Er ist Vorsitzender der neuen ägyptischen Verfassungspartei.
Folgende Punkt im Verfassungsentwurf könnten problematisch werden:
Mursi spricht von Gefahren für Ägypten
Mursi verteidigte unterdessen seine umstrittene Verfassungserklärung. Genau eine Woche nach deren Verkündigung sagte er am Donnerstagabend in einer TV-Ansprache, er habe keine andere Wahl gehabt, da es seine Pflicht sei, "Gefahren" von Ägypten abzuwenden. Er wollte diese nicht näher definieren, meinte lediglich, dass diese "von außerhalb Ägyptens" drohten.
Das Durchpeitschen des Verfassungsentwurfs nach einem monatelangen Ringen um das Dokument dürfte die Auseinandersetzung zwischen Mursis islamistischen Anhängern und der mehrheitlich säkularen Opposition und der Justiz des Landes weiter verschärfen. Eine Abstimmung war erst in zwei Monaten erwartet worden, nachdem Mursi der Verfassunggebenden Versammlung zuletzt mehr Zeit für die Ausarbeitung des Dokuments gegeben hatte. Doch das Gremium zog die Abstimmung plötzlich vor, um die Billigung noch vor einem für Sonntag erwarteten Urteil über ihre Auflösung zuvorzukommen.
Opposition kündigt Großkundgebung an
Die Spannungen in Ägypten waren vergangene Woche in einen offenen Konflikt umgeschlagen, nachdem sich der Präsident durch eine Reihe von Dekreten nahezu unbegrenzte Macht verliehen und praktisch der Kontrolle der Justiz entzogen hatte. Seine Erlasse hatten zu massiven Protesten und Streiks geführt. Mindestens zwei Menschen kamen seitdem bei Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegner Mursis ums Leben.
Auch an diesem Freitag drohen in Ägypten Auseinandersetzungen: Die Gegner des Präsidenten kündigten eine Großkundgebung an, am Samstag wollten die Anhänger Mursis einen Gegenprotest abhalten, allerdings nicht wie ursprünglich geplant am Tahrir-Platz in Kairo, um Zusammenstöße mit der Opposition zu vermeiden.
Bisher wurden bei gewaltsamen Protesten gegen die Politik Mursis zwei Menschen getötet und Hunderte verletzt.
hen/ras/dpa/Reuters/dapd/AFP
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