Islamistische Fundamentalisten: Rebellen im Norden Malis rufen Scharia aus

Sie verbieten Frauen, Hosen zu tragen und wollen westliche Musik aus dem Radio verbannen: Im Norden Malis hat eine Gruppe islamistischer Rebellen die Scharia ausgerufen. Sie nutzt die Schwäche des malischen Militärs, das in einen Putschversuch verstrickt ist. Dem Land droht die Teilung.

Islamistische Truppen: Anhänger der malischen Rebellengruppe Ansar Dine Zur Großansicht
AFP PHOTO / ANSAR DINE

Islamistische Truppen: Anhänger der malischen Rebellengruppe Ansar Dine

Addis Abeba/Bamako/Paris - Im Norden Malis haben islamische Fundamentalisten offenbar die Oberhand gewonnen. In strategisch wichtigen Städten verhängten Anhänger der Gruppe Ansar Dine nach eigenen Angaben die Scharia.

Die Islamisten sollen Frauen aufgefordert haben, keine Hosen, sondern nur noch Röcke und Kleider zu tragen. Zudem sollen sie Druck auf Hotels ausgeübt haben, die Alkohol ausschenkten. Radiostationen sollen keine internationale Musik mehr spielen. Ansar Dine steht angeblich in engem Kontakt mit dem Terrornetzwerk al-Qaida.

Die Islamisten hatten am Wochenende gemeinsam mit Tuareg-Rebellen mehrere Städte im Norden des westafrikanischen Landes eingenommen. Am Freitag eroberten sie die Stadt Kidal, am Samstag fiel die Garnissonsstadt Gao. Am Sonntag eroberten die Rebellen Timbuktu.

Franzosen warnen vor einer "islamistischen Republik"

Nun scheint sich die Bewegung jedoch zu spalten: Nach Angaben von Einwohnern Timbuktus vertrieben die Islamisten von Ansar Dine am Montag ihre Verbündeten und übernahmen die Kontrolle über die Stadt.

Die französische Regierung warnte angesichts der jüngsten Entwicklungen vor der Gründung einer "islamistischen Republik". Ein Teil der Rebellen im Norden des Landes habe möglicherweise vor, "das gesamte malische Staatsgebiet zu erobern, um daraus eine islamistische Republik zu machen", sagte Außenminister Alain Juppé am Dienstag.

Nach den Worten des amtierenden deutschen Uno-Botschafters Miguel Berger ist die Spaltung des Landes "eine sehr reale Gefahr". Vor allem das Risiko, dass al-Qaida nahestehende Gruppen Teile Malis kontrollierten, gebe Anlass zur Sorge.

Die Tuareg kämpfen nicht für einen islamischen Staat, sondern für die Unabhängigkeit der nordmalischen Region Azawad. Das Gebiet, das die Nationale Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA) für sich beansprucht, ist etwa so groß wie Frankreich. Seit Jahren kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen Tuareg und malischer Armee.

Das Militär hatte sich jedoch weitgehend aus dem Norden zurückgezogen, nachdem sich am 22. März meuternde Soldaten in der Hauptstadt Bamako an die Macht geputscht und Präsident Amadou Toumani Touré gestürzt hatten. Die Aufständischen begründeten den Coup mit der Unfähigkeit der Regierung, die Tuareg-Rebellion unter Kontrolle zu bringen.

Allerdings spielte ausgerechnet der Staatsstreich den Rebellen im Norden offenbar in die Hände: Sie kontrollieren mittlerweile alle wichtigen Städte im Norden. Nach Uno-Angaben sind etwa Hunderdtausend Menschen vor den Kämpfen in Nachbarländer geflohen. Die Welthungerhilfe warnte vor einer Nahrungsmittelknappheit.

Stromausfälle und Treibstoffknappheit

Die Putschisten in der Hauptstadt werden indes von den Nachbarländern unter Druck gesetzt, die die Machtübernahme scharf kritisierten. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS kündigte in einer Krisensitzung an, ein Handelsembargo zu verhängen und das malische Konto bei der regionalen Zentralbank einzufrieren.

Die Afrikanische Union will Einreiseverbote verhängen und deren Guthaben einfrieren. Diese Sanktionen sollen auch für die Rebellen und bewaffneten Gruppen gelten, die derzeit den Norden Malis unsicher machen.

Die malische Bevölkerung bereitet darauf vor, dass Treibstoff und Energie knappe werden könnten. Vor den Tankstellen bildeten sich am Dienstag Warteschlangen, in denen Menschen mit Benzinkanistern, Wasserflaschen und Plastikbehältern anstanden. Das westafrikanische Land, fast doppelt so groß wie Frankreich, importiert all seinen Treibstoff aus den Nachbarländern Elfenbeinküste und Senegal.

Auch das Stromnetz des Landes ist in den kommenden Wochen vom Zusammenbruch bedroht. Der April ist einer der heißesten Monate des Jahres in Mali, angesichts niedriger Wasserstände können die Wasserkraftwerke die Versorgung des Landes mit elektrischer Energie nicht sicherstellen.

Bedrohtes Kulturerbe

Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen zeigte sich am Dienstag höchst besorgt über die möglichen Auswirkungen der Kämpfe auf Timbuktu, das zum Weltkulturerbe zählt. Die unter Schutz stehenden Moscheen, Mausoleen und Friedhöfe müssten unter allen Umständen erhalten bleiben, ließ Unesco-Chefin Irina Bokowa in Paris mitteilen.

usp/AFP/dpa/Reuters

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Einschreiten!
na_iche 03.04.2012
...wir sollten sofort den rebellen zu hilfe eilen... das ist doch gerade modern???
2. Genau
rumsfallera 03.04.2012
Zitat von na_iche...wir sollten sofort den rebellen zu hilfe eilen... das ist doch gerade modern???
Rebellen sind immer die Guten. Das weiß ich seit Star Wars aus dem Kino.
3.
Atheist_Crusader 03.04.2012
Zitat von rumsfalleraRebellen sind immer die Guten. Das weiß ich seit Star Wars aus dem Kino.
Für uns mag das unverständlich klingen, aber für afrikanische Verhältnisse kann ein Gottesstaat durchaus eine Verbesserung darstellen. Wo es gänzlich an Recht und Ordnung fehlt, da sieht selbst ein brutales Regelwerk wie die Scharia gut aus,auch wenn sie radikal durchgesetzt wird. Ein fundamentalistisches Regime kann durchaus der Schritt zwischen totalem Chaos und einer demokratischeren Herrschaftsform sein. In Europa hatten wir dafür eben die Monarchie (und auch die mit theokratischen Zügen). Wenn kein Essen auf dem Tisch ist und Chaos auf den Straßen, dann will man zuallererst mal Ordnung. Individuelle Freiheit und Rechte kommen erst später. Und der Wunsch nach Demokratie kommt erst wenn das Volk entweder sonst schon alles hat oder die Führung sich als unfähig erweist. Was waren dann doch gleich die Konföderierten oder die Sowjets? ;)
4.
carahyba 03.04.2012
Zitat von sysop... Dem Land droht die Teilung. Islamistische Fundamentalisten: Rebellen im Norden Malis rufen Scharia aus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825612,00.html)
Die Drohphase ist längst vorbei. Das Konzept der Franzosen war doch das des "Teile und Herrsche", nun ist dort alles zer- und geteilt, mit 400 Fremdenlegionären kann man vielleicht die Elfenbeinküste noch durch eine Marionette halten. Nur die Staaten sind interessant, die Rohstoffe anzubieten haben, dazu gehört Mali im Augenblick nicht, kann sich noch ändern. Die USA baut gerade über Africor ihre Einflusspositionen massiv aus als Gegengewicht zu den Chinesen. Alle anderen sind Statisten.
5.
schwarzes_lamm 03.04.2012
Zitat von sysopSie verbieten Frauen, Hosen zu tragen und wollen westliche Musik aus dem Radio verbannen: Im Norden Malis hat eine Gruppe islamistischer Rebellen die Scharia ausgerufen. Sie nutzt die Schwäche des malischen Militärs, das in einen Putschversuch verstrickt ist. Dem Land droht die Teilung. Islamistische Fundamentalisten: Rebellen im Norden Malis rufen Scharia aus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825612,00.html)
Kann man die Rebellen nicht nach Deutschland holen und sie sozialtherapeutisch umsorgen?
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Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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