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Islamistische Gewalt: "Die Muslime müssen gegen den Terror aufstehen"

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass islamistische Terroristen irgendwo auf der Welt zuschlagen. Wirkungsvoll gegen die Gewalt vorgehen können nur die Muslime selbst, glaubt der Journalist Aijaz Zaka Syed. Auf SPIEGEL ONLINE fordert er von seinen Glaubensgenossen mehr Engagement gegen den Terror.

In den drei Tagen, in denen wir am Fernseher dabei zuschauten, wie Mumbai vom Terror-Alptraum heimgesucht wurde, fragten mich meine Kinder immer wieder: "Wer sind diese Terroristen und warum tun sie das?" Jedes Mal wünschte ich mir, ich könnte ihnen eine überzeugende Antwort geben.

Was hätte ich ihnen sagen sollen? Zum einen war ich selbst ratlos, warum diese Leute Indiens finanzielles und kulturelles Zentrum erobert hatten und Menschen angriffen, die nichts mit ihnen zu tun und ihnen nichts getan hatten. Zum anderen war ich zu beschämt, ihnen zu sagen, dass diese Leute augenscheinlich Muslime waren und aus einem Land kamen, das im Namen des Islam gegründet wurde.

Eine verzweifelte Freundin, die ihr Leben dem Engagement für Araber und Muslime gewidmet hat, schrieb mir vor einigen Tagen: "Ich habe genug von den Arabern und Muslimen und der islamischen Militanz. Vergib mir, aber ich gebe auf."

Ich konnte ihr nicht antworten - aber verstand ihren Schmerz. Sie ist in Mumbai aufgewachsen und ist verständlicherweise aufgebracht.

Meine Freundin schrieb weiter: "Die Muslime und der Islam haben ein Problem, das nur sie selbst lösen können. Sollten sie es nicht tun, wird sich die ganze Welt gegen sie wenden."

Wenn sich schon unsere loyalsten Freunde so fühlen, dann stelle man sich erst mal die Empfindungen und Reaktionen des Rests der Welt vor. Kann man die Welt tadeln, falls sie sich gegen die Muslime stellt? Was ist zu erwarten, wenn kein einziger Tag mehr vergehen sollte, ohne dass der Name unserer Religion von Glaubensgenossen rund um die Welt in den Dreck gezogen wird?

Wie viele Unschuldige müssen im Namen des Islams sterben, bevor muslimische Führer und Staaten wirksame Schritte einleiten, um gegen die Verrückten vorzugehen, die uns mit ihrem nihilistischen Kult zerstören wollen?

Ich weiß, dass muslimische Führer - darunter jene in den höchsten Machträngen - in jüngster Zeit begonnen haben, sich gegen Extremisten auszusprechen. Das Dar ul-Ulum Deoband in Indien, eines der ältesten Bildungszentren der muslimischen Welt, hat im Juni bei einer großen Versammlung islamischer Gelehrter und Führer eine Fatwa (ein islamisches Rechtsgutachten, Anm. d. Red.) gegen Terrorismus veröffentlicht. Vergangenen Monat stellten sich rund 5000 Gelehrte bei einer Zusammenkunft im indischen Hyderabad hinter dieses Gutachten.

Die Organisation der Islamischen Konferenz sowie Saudi-Arabien haben zuletzt ähnlich vehement Angriffe gegen Unschuldige verurteilt. Muslimische Intellektuelle und Journalisten wie Tarik Ramadan - ein Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft -, der Inder MJ Akbar und viele andere haben wiederholt gegen diese Verzerrung von islamischer Lehre und Geist protestiert.

Doch diese Rufe zur Besinnung im Interesse des Islams haben sich als einsame Stimmen herausgestellt. Wir müssen eindeutig mehr tun, um von der Welt gehört zu werden und diese beschämenden Attacken auf unschuldige Menschen im Namen der Religion zu stoppen.

Interaktive Grafik
Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Die große Ironie der Attacken von Mumbai liegt im Tod des Anti-Terror-Chefs Hemant Karkare und seiner Kollegen. Karkare war ein tapferer Offizier. Er hatte die Malegaon-Anschläge (dabei starben im September 2006 in Nordindien über 30 Menschen, überwiegend Muslime, Anm. d. Red.) und andere Terrorattacken der jüngeren Vergangenheit untersucht, die er Hindu-Extremisten zuschrieb - nicht muslimischen Gruppen wie Simi (Studenten der islamischen Bewegung Indiens). Karkare wurde von den Terroristen unweit des Cama-Krankenhauses in Mumbai umgebracht. Zweifellos wussten sie nicht, wer ihre wirklichen Freunde und Feinde sind.

Und bitteschön: Warum wird immer öfter Indien für diesen Irrsinn ausgewählt? Denken die Terroristen, dieser Staat sei ein reines Hindu-Land oder eine Anti-Muslim-Nation?

Wissen die Ignoranten, die in den sogenannten Dschihad geschickt werden, dass dieses großartige Land die weltweit größte muslimische Bevölkerungsgruppe beherbergt - fast doppelt so groß wie die Islamische Republik Pakistan? Indiens größter Superstar ist ein gebürtiger Muslim (der Bollywood-Schauspieler Shahrukh Khan, Anm. d. Red.), nicht zu vergessen zahllose erfolgreiche indische Muslime in anderen Branchen. Warum sind diese Menschen versessen darauf, die ganze Welt und sich selbst zu zerstören? Ist es das, was der Islam und der edle Prophet lehren?

Zu sagen, dass der Islam nichts mit Extremismus und Terrorismus zu tun habe, ist ja schön und gut. Wir können uns weiter mit dem Argument benebeln, dass diese Psychopathen uns nicht repräsentieren. Nur: Die Welt kann diese Argumentation schwer nachvollziehen, weil sie sieht, wie sich Extremisten immer stärker durchsetzen und in den Mittelpunkt drängen - während der Mainstream-Islam stumm bleibt.

Diese großartige Religion, die universelle Brüderlichkeit, Gleichheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle predigt, ist von einer verrückten, winzigen Minderheit als Geisel genommen worden. Wie schon meine Bekannte sagt: Nur Muslime können dieses Problem lösen. Nur Muslime können diesen Anarchisten in ihrer Mitte entgegentreten. Nur sie können ihren Glauben den Klauen des Extremismus entreißen. Es ist jetzt nicht die Zeit, sich zu verstecken. Es ist an der Zeit, aufzustehen und Stellung zu beziehen. Denn die Terroristen werden weiter in unserem Namen agieren - solange, bis wir selbst für uns sprechen.

Dies ist keine Zeit zum Schweigen. Genug ist genug!

Übersetzung: Florian Gathmann

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