Islamkritik Hirsi Ali geht mit der Linken ins Gericht

Vor knapp einem halben Jahr verließ die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali die Niederlande und zog in die USA, wo sie anonym und unter Polizeischutz lebt. Jetzt rechnet sie in einem Interview mit der Sozialdemokratie ab. Diese wage es nicht, den Islam zu kritisieren. Auch der Feminismus versage.


Hamburg – "Die Linke hat in meinen Augen die Idee des Individuums verraten, die Emanzipation der Frau und die Emanzipation von der Religion. Früher brachten Sozialdemokraten die Menschen in Europa dazu, sich ihrer Rechte bewusst zu werden, den Absolutheitsanspruch der Kirche hinter sich zu lassen. Heute aber wagen sie es nicht, den Islam zu kritisieren, wenn ich es tue, beschuldigen sie mich, zu polarisieren", sagte Ayaan Hirsi Ali in einem in den USA geführten Interview mit der österreichischen Zeitung "Die Presse".

Hirsi Ali: "Kann nur Fundamentalisten sehen"
AP

Hirsi Ali: "Kann nur Fundamentalisten sehen"

Sie fühle sich von der Sozialdemokratie "betrogen", erklärte Hirsi Ali. In den Niederlanden saß sie für die Konservativ-Liberalen im Parlament. Seit ihrem Umzug in die USA arbeitet die 36-Jährige am American Enterprise Institute (AEI), einem konservativen Think-Tank.

Hirsi Ali lässt in dem Interview auch kein gutes Haar am europäischen Feminismus. Frauenrechtlerinnen auf dem alten Kontinent engagierten sich im Konflikt zwischen Israel und Palästina – stünden jedoch nicht auf, um für die Rechte muslimischer Frauen in Europa einzutreten, "die gar keine Rechte haben, zwangsverheiratet, verstümmelt werden, nicht das Haus verlassen dürfen, den Schleier tragen müssen". Die Haltung des Feminismus diesem Unrecht gegenüber nennt sie "apathisch".

Auf einen modernen, reformierten, so genannten Euro-Islam angesprochen, zeigte sich Hirsi Ali skeptisch. "Derzeit kann ich nur die Fundamentalisten sehen", sagte sie der "Presse". Es sei nötig, dass "immer mehr muslimische Individuen" ihrem Gewissen folgten, sollte es zu einem Konflikt zwischen diesem und dem Koran kommen. Bei den moderaten Muslimen in Europa herrsche jedoch Orientierungslosigkeit. Diese wollten gute Muslime sein und zugleich Teil der westlichen Gesellschaft. Hirsi Ali fordert: "Wir Muslime müssen anerkennen, dass Gewalt und Unterdrückung ein Produkt unseres Glaubens ist."

Im Mai hatte die niederländische Ministerin für Einwanderung und Integration, Rita Verdonk, der gebürtigen Somalierin Hirsi Ali die niederländische Staatsbürgerschaft aberkannt, weil diese ihre Biografie leicht gefälscht hatte. Hirsi Ali ist gezwungen anonym und unter ständigem Polizeischutz zu leben, seit an der Leiche des ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh am 2. November 2004 in Amsterdam ein an Hirsi Ali gerichteter Drohbrief hing. Hirsi Ali hatte mit van Gogh zusammen am Drehbuch für den Film Submission gearbeitet.

asc



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