Islamophobie in den USA: Das millionenschwere Netz der Muslim-Gegner

Von Yassin Musharbash

Islamophobe Netzwerke in den USA stellen die skurrilsten Behauptungen auf: Obama ist heimlich Muslim, in Moscheen gedeiht der Terror, die Einführung der Scharia steht kurz bevor. Eine neue Studie zeigt nun, wie einflussreich diese Gruppen wirklich sind - auch dank millionenschwerer Spenden.

Berlin - Europäische Geschichte ist nicht Pamela Gellers Stärke, Holzhammer-Rhetorik ist es schon eher: Es war der Islam, behauptet sie, der Adolf Hitler und den Faschismus beeinflusst habe.

Auch Feinfühligkeit kann man der 1958 geborenen New Yorkerin nicht nachsagen: Eine Woche nach den Anschlägen in Norwegen schrieb sie in ihrem Blog zwar, dass sie Gewalt ablehne. Sie fügte aber hinzu, dass der Attentäter Anders Breivik "die künftigen Anführer einer Partei ins Visier genommen hatte, die verantwortlich dafür ist, dass Norwegen von Muslimen überschwemmt wird".

Die Bloggerin und geschiedene Mutter von vier Kindern ist eine der einflussreichsten Aktivistinnen der islamophoben Szene in den USA. In der gerade erschienenen Studie "Fear, Inc." des Center for American Progress (CAP) taucht Geller immer wieder auf. So glauben die Autoren zum Beispiel, dass Geller mit Hilfe ihres Blogs "Atlas Shrugs" mehr oder weniger im Alleingang dafür gesorgt hat, die Pläne für ein islamisches Kulturzentrum nahe dem Ground Zero zu einem Politikum zu machen.

Über 40 Millionen von sieben Stiftungen

Das CAP ist ein Think-Tank, der den Demokraten nahesteht - und aus ihrer Abneigung gegen die Republikaner, die Tea Party und noch rechtere Zusammenschlüsse machen die Autoren keinen Hehl. Trotzdem ist ihre Studie aufschlussreich. Sie haben sich ausführlich mit den islamophoben Netzwerken in den USA beschäftigt. Wichtigstes Ergebnis: Diese Netzwerke verfügen über so viel Geld, dass es ihnen möglich ist, in den Medien und politischen Debatten präsent zu sein oder sie sogar anzuzetteln.

So haben nach den Recherchen der Autoren in öffentlich zugänglichen Quellen sieben Stiftungen in den Jahren 2001 bis 2009 insgesamt 42,6 Millionen Dollar an "islamophobe Think-Tanks" überwiesen.

Zu den Hauptprofiteuren zählen nach Ansicht der Autoren fünf Schlüsselfiguren und ihre jeweiligen eigenen Netzwerke. Diese Personen treten immer wieder als Experten in Erscheinung, ob nun bei Fox News oder in Kongressanhörungen oder weil sie einander gegenseitig in ihren Medien zitieren. In Wahrheit seien sie aber "Desinformationsexperten", weil sie durchgängig mit falschen oder verdrehten Fakten und Argumenten hantierten. Namentlich handele es sich dabei um Steven Emerson ("The Investigative Project on Terrorism"), Frank Gaffney ("Center for Security Policy"), Daniel Pipes ("Middle East Forum"), Robert Spencer ("Jihad Watch") und David Yerushalmi ("Society of Americans for National Existence").

Obskure Kronzeugen

Der Nachweis, dass diese (zum Teil prominenten) Aktivisten weder dem Islam noch gewöhnlichen Muslimen etwas Lobenswertes abgewinnen können, fällt leicht. Zu den angeblichen Sachverhalten, vor denen sie regelmäßig warnen, gehören zum Beispiel, dass Präsident Barack Obama in Wahrheit ein Muslim sei, seine Außenpolitik eine "Unterwerfung" der USA gegenüber dem Islam bedeute, Moscheen in ihrer Mehrheit Zentren der Radikalisierung sind und die Scharia auch in den USA längst schleichend eingeführt werde.

Blogs und andere publizistische Plattformen, die diesem Zweck dienen, profitieren laut der Studie maßgeblich von den erwähnten Spendengeldern, ebenso die angeschlossenen Think-Tanks und Institute, Konferenzen und so weiter - eben die Infrastruktur dieser kämpferischen Szene.

In der Szene dieser zentralen Meinungsmacher, so die Autoren, bewegt sich außerdem eine immergleiche Gruppe sogenannter "Validator", etwa: "Glaubhaftmacher", die aufgrund ihrer scheinbaren Autorität das Gesagte bekräftigten. Dabei handelt es sich vor allem um (teilweise obskure) Aktivisten mit Wurzeln im Nahen Osten, darunter zum Beispiel ein selbsterklärter Ex-Terrorist, der nun einer christlichen Endzeitsekte angehört.

Michele Bachmann gehört auch zum Dunstkreis

Die Autoren zeigen Berührungspunkte bis ins US-Abgeordnetenhaus auf - mal lässt man sich beraten, mal trifft man sich auf jährlichen Konferenzen. Auch die Tea-Party-Ikone und mögliche republikanische Präsidentschaftskandidatin Michele Bachmann ordnen die Verfasser hier ein. Gaffneys Organisation etwa briefte Bachmann nach dessen Aussage tagelang zu ihrem "Anti-Scharia-Report".

Die CAP-Studie zeichnet auch nach, wie aktuelle Mega-Debatten sich auf dieses islamophobe Netzwerk zurückführen lassen. Die in mehreren US-Bundesstaaten ernsthaft diskutierten Gesetzesvorlagen zur Verhinderung der Einführung der Scharia etwa seien in vielen Fällen von Antragstellern aus entsprechenden Vorlagen islamophober Meinungsmacher kopiert worden.

Immer wieder grenzen die ventilierten Thesen der Islamophoben an Verschwörungstheorien: Obama benutze etwa "islamische Geheimcodes", und islamistische Spione hätten die US-Regierung als Praktikanten unterwandert. In der Summe, glauben die CAP-Autoren, haben solche Kampagnen jedoch dazu beigetragen, dass US-Bürger heute ein negativeres Bild vom Islam haben als noch vor einigen Jahren.

Die Studie, deren Hauptvorwurf darin besteht, dass die islamophoben Netzwerke absichtlich Angst vor Muslimen schürten (auch wenn sie zumeist nur vom "politischen" oder "radikalen" Islam sprechen), ist deutlich parteiisch. Sie ist keine wissenschaftliche Analyse, eher eine Faktensammlung mit klarer Stoßrichtung.

Trotzdem handelt es sich um den ersten umfassenden Versuch, die Querverbindungen in diesem Lager systematisch zu erfassen. Er zeigt vor allem eines: Die Islamophoben in den USA sind gut organisiert, medial dauerpräsent und bestens vernetzt.

Die deutsche islamophobe Szene ist von solch mächtigen Netzwerken noch weit entfernt. Für den kommenden Samstag allerdings, wenn die Berliner "Freiheitspartei" ihr Idol Geert Wilders aus den Niederlanden zu Gast hat, hatte sich ursprünglich mit Robert Spencer auch eine der in dem Bericht beschriebenen Schlüsselfiguren angesagt. Er wird jetzt wegen Krankheit fehlen.

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