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Top-Agent im Libanon: "Rummenigge", ein israelischer Spion

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Agent "Rummenigge": "Ich habe Israel geholfen" Zur Großansicht
Elad Gershgoren/ Yedioth Ahronot

Agent "Rummenigge": "Ich habe Israel geholfen"

Ein Libanese hat jahrelang für Israel spioniert und Dutzende Kader der palästinensischen Befreiungsbewegung PLO verraten. Sein Deckname war der eines deutschen Weltklasse-Fußballers. Heute ist er arm, krank und verbittert.

Er schoss 162 Tore in 312 Bundesligaspielen, gewann zweimal den Europapokal der Landesmeister und wurde zweimal Deutscher Meister. Karl-Heinz Rummenigge ist einer der erfolgreichsten Spieler, die je das Trikot des FC Bayern München getragen haben.

"Rummenigge" war auch einer der erfolgreichsten israelischen Agenten im Nahen Osten. Unter diesem Decknamen hat der Libanese Amin al-Hajj jahrelang für Israel die palästinensische Befreiungsbewegung PLO ausspioniert. Mit dem israelischen Journalisten Ronen Bergman hat Hajj alias "Rummenigge" für die Zeitung "Yedioth Ahronoth" nun erstmals über seine Geheimdienstarbeit gesprochen.

Hajj wurde 1955 in einem Vorort von Beirut geboren. Er entstammt einer der angesehensten und reichsten schiitischen Familien des Libanon. Sein Vater war ein enger Vertrauter des ehemaligen Staatspräsidenten Camille Chamoun. Hajj wurde sein Chef-Bodyguard. Nach Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs unterhielt Chamoun enge Kontakte zu Israel, auch Hajj lernte bald israelische Agenten kennen.

Der Führungsoffizier war Bayern-Fan

Hajj teilte mit den Israelis und vielen libanesischen Christen den Hass auf die Palästinenser. Hunderttausende Flüchtlinge waren nach der israelischen Staatsgründung in den Libanon geflohen. Die PLO hatte dort einen Staat im Staate errichtet und vom Süden des Landes aus Angriffe auf Israel ausgeführt. Unter den israelischen Vergeltungsschlägen litt dann auch die Bevölkerung im Südlibanon.

"Ich habe Israel geholfen, weil ich dachte, dass nur sie die Macht haben, die Palästinenser zu bekämpfen", sagt Hajj nun im Interview. "Ich wollte, dass die Israelis im Libanon einmarschieren, um die PLO auszulöschen."

1979 verpflichtete er sich endgültig zur Zusammenarbeit mit dem israelischen Geheimdienst. Sein Führungsoffizier dachte sich bei der Wahl des Tarnnamens etwas Besonderes aus: "Ich war schon damals ein großer Bayern-München-Fan", berichtet der Offizier. "Viele Freunde aus meiner Einheit waren sehr böse mit mir, weil ich so stolz darauf war, etwas Deutsches zu unterstützen. Und als ich gefragt wurde, welchen Decknamen ich auswählte, sagte ich Rummenigge. Sie waren geschockt, haben es aber hingenommen", erzählt der Geheimdienstler. "Und nur um meine Kameraden zu ärgern, sagte ich: 'Ich hoffe der Agent Rummenigge liefert so viele Informationen wie der Fußballer Rummenigge für Bayern Tore schießt.'"

Fußballer Karl-Heinz Rummenigge (1981): 162 Tore für Bayern München Zur Großansicht
dpa/dpaweb

Fußballer Karl-Heinz Rummenigge (1981): 162 Tore für Bayern München

Und der Spion lieferte tatsächlich: Zypern war damals die Drehscheibe für die PLO. Über die Mittelmeerinsel schleuste die Organisation Kämpfer, Gelder und Waffen in den Libanon. "Rummenigge" heuerte mehrere Prostituierte in der Hafenstadt Limassol an, unter deren Kunden sich zahlreiche PLO-Kader befanden. "Wenn sie Alkohol getrunken hatten und von den Frauen verwöhnt wurden, redeten sie darüber, was passiert - wer kommt, wer geht und wie er dort hinkommt." Mit diesen Informationen gelang es der israelischen Armee mehrfach, Schiffe der PLO abzufangen. Viele andere Operationen, an denen "Rummenigge" beteiligt war, sind bis heute geheim geblieben.

Im Libanon baute der Spion ein Agentennetz mit mindestens 15 Informanten auf - die von Israels Geheimdienst als "Rummenigge 1" bis "Rummenigge 15" bezeichnet wurden. Für manche endete der Job tödlich.

Zwei Brüder von "Rummenigge" wurden getötet

Im August 1985 enttarnte die PLO Samir Asharfi alias "Rummenigge 13" als israelischen Spion und brachte ihn zum Verhör in ein Haus. Hajj gab kurzerhand die Koordinaten des Gebäudes an das israelische Militär weiter. Die Armee bombardierte der Haus und tötete alle Menschen darin - einschließlich des Informanten. "Das tat mir sehr leid", sagt "Rummenigge". "Samir war mein guter Freund - aber es gab keine Alternative. Hätte er geredet, hätte das den Tod vieler anderer zur Folge gehabt."

Auch zwei Brüder bezahlten "Rummenigges" Verrat mit dem Leben. Einer starb nach einem Verhör durch den syrischen Geheimdienst, ein anderer fiel unter mysteriösen Umständen von einem Hoteldach in Kairo.

"Rummenigge" selbst lebt inzwischen in ärmlichen Verhältnissen in Israel. Seine befristete Aufenthaltsgenehmigung ist längst abgelaufen. In den vergangenen Monaten erlitt er mehrere Schlaganfälle. Er ist nicht krankenversichert: Nur Ärzte, die ihn seit seiner Geheimdienstzeit kennen, sorgen dafür, dass er medizinisch behandelt wird.

"Rummenigge" ist verbittert: "Nach all dem, was ich getan und gegeben habe, schmeißen sie mich weg wie ein benutztes Taschentuch", sagt der Ex-Agent. Eine Alternative hat er aber nicht. In seinem Heimatland Libanon haben ihn Gerichte neunmal zum Tode verurteilt.

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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
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Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
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Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
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Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
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Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
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