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Vorwürfe gegen Israels Armee: Das Rätsel um die Todesschüsse von Beitunija

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Im Westjordanland sind zwei Jungen getötet worden. Eine Kamera hat den Vorfall festgehalten. Menschenrechtler werfen Israels Armee vor, die Jugendlichen kaltblütig erschossen zu haben. Das Militär behauptet, die Bilder seien manipuliert.

REUTERS

Ein junger Mann läuft über eine Straße, plötzlich sackt er zusammen. Jugendliche eilen herbei und tragen ihn davon. Etwas mehr als eine Stunde später wiederholt sich die Szene: Wieder stürzt ein Jugendlicher an derselben Stelle zu Boden und wird weggetragen.

Den Vorfall haben Überwachungskameras am vergangenen Donnerstag bei Protesten in dem Ort Beitunija im Westjordanland aufgenommen.

Die beiden Toten aus dem Video heißen Nadim Nawara und Mohammed Mahmud Salama. Sie wurden nur 17 und 16 Jahre alt. Die Überwachungskameras eines Geschäfts haben ihren Tod dokumentiert. Am Dienstag veröffentlichten die Kinderrechtsorganisation Defence for Children und die Menschrechtsgruppe B'Tselem mehrere Ausschnitte aus den Videos.

"Als die Schüsse fielen, wurden keine Steine geworfen"

Sie erheben schwere Vorwürfe gegen die israelische Armee: "Es gab an diesem Tag Zusammenstöße zwischen Soldaten und Jugendlichen, aber in dem Moment als die Jungen getroffen wurden, gab es überhaupt keinen Grund, das Feuer zu eröffnen", sagte Rifat Kassis, Chef von Defence for Children, der israelischen Tageszeitung "Maariv".

Fahir Sayed, dem das Geschäft gehört und dessen Kameras den Vorfall aufnahmen, bestätigt diesen Eindruck: "Als die Schüsse fielen, wurden keine Steine geworfen. Im Gegenteil: Die Jugendlichen waren dabei, sich zurückzuziehen." Laut Sayeds Aussagen sollen vier Schüsse gefallen sein.

B'Tselem hat das Videomaterial der insgesamt vier Überwachungskameras ausgewertet und Mediziner konsultiert. Die Experten haben die Eintritts- und Austrittswunden an den Leichen untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, "dass sie vollständig übereinstimmen mit Verletzungen, die durch scharfe Munition verursacht werden und nicht von gummiumhüllter Metallmunition stammen können".

Getroffener Mohammed Salama: Schüsse mit scharfer Munition? Zur Großansicht
AP/dpa

Getroffener Mohammed Salama: Schüsse mit scharfer Munition?

Die Einsatzregeln der israelischen Armee schreiben vor, dass scharfe Munition nur bei unmittelbarerer Lebensgefahr gegen Steinewerfer eingesetzt werden darf. Das Militär bestreitet, dass die Soldaten am vergangenen Donnerstag scharf schossen. Lediglich Gummigeschosse und Tränengas seien zum Einsatz gekommen.

USA fordern Aufklärung von Israel

Peter Lerner, Sprecher der israelischen Armee, kritisierte, dass die veröffentlichten Überwachungsbilder "tendenziös zusammengeschnitten" seien und nicht "die Atmosphäre der Gewalt" zeigten, die an jenem Tag in Beitunija geherrscht habe. Es sei weder zu sehen, wer die Schüsse abgab, noch mit welcher Munition gefeuert wurde. "Die Frage, was die Tode verursacht hat, muss erst noch beantwortet werden."

Die Uno rief Israel zu einer "unabhängigen und transparenten Untersuchung" der Todesschüsse auf. Jen Psaki, Sprecherin des Außenministeriums in Washington, teilte mit, dass die USA den Vorfall sehr genau verfolgten und sich ausführlichere Informationen von der israelischen Regierung wünschten.

"Auf den ersten Blick sieht der Clip gar nicht gut aus", räumt der Journalist Ben Caspit in seinem Kommentar für "Maariv" ein. Er warnt jedoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: Caspit erinnert an den Fall Mohammed al-Dura. Im Jahr 2000 ging das Bild des palästinensischen Jungen aus Gaza um die Welt, der offenbar während eines Schusswechsels von israelischen Soldaten getötet wurde. Ein französisches Kamerateam nahm den Vorfall auf - das Bild des weinenden 12-Jährigen, der neben seinem Vater Schutz sucht, wurde zu einer Ikone der zweiten Intifada. Eine israelische Untersuchungskommission kam 2013 zu dem Schluss, dass der Junge nicht durch israelische Kugeln starb und möglicherweise sogar noch lebt.

Zumindest das ist im Fall von Nadim Nawara und Mohammed Salama ausgeschlossen.

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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Grenzen
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