Israels linker Star Avi Gabbay Der Anti-Netanyahu

Er wurde als Israels "junger Obama" gefeiert, mit Macron verglichen - Avi Gabbay ist der Shootingstar der Arbeiterpartei. Nun will er den kriselnden Premier Netanyahu angreifen. Dabei könnten Ex-Militärs helfen.

Avi Gabbay (Mitte)
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Avi Gabbay (Mitte)

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Es läuft nicht wirklich rund für Benjamin Netanyahu. Akut ist da die Tempelberg-Krise, die trotz der jüngsten Entwicklungen für den israelischen Ministerpräsidenten noch nicht ausgestanden ist. Obwohl israelische Sicherheitskräfte die Kontrollen abgebaut hatten, kam es am Donnerstagabend wieder zu Ausschreitungen rund um den Tempelberg. Für Freitag haben aber sowohl die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas als auch die radikalislamische Hamas zudem zu weiteren Demonstrationen aufgerufen.

Auch innenpolitisch steht Netanyahu unter Druck: Die national-religiösen Minister treiben den konservativen Premier vor sich her. Zudem taucht der Name des 67-Jährigen im Zusammenhang mit gleich mehreren Korruptionsskandalen auf.

Es geht dabei unter anderem um teure Geschenke reicher Gönner, die versuchte Beeinflussung eines einflussreichen Zeitungsverlegers und um seine Rolle in der Affäre um deutsche U-Boot-Lieferungen.

Vor diesem Hintergrund wäre jetzt eigentlich die Zeit für die Opposition, sich als klare politische Alternative in Stellung zu bringen. Das gilt vor allem für die Arbeiterpartei Awoda.

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Die Tempelberg-Krise: Kontrollen und Kameras

Diese hat Israels Polit-Landschaft Jahrzehnte dominiert, aus ihr gingen einst die Staatsgründer hervor. Anfang Juli hat die Partei einen neuen Vorsitzenden gewählt hat: Avi Gabbay. Er bringt auf den ersten Blick alles mit, was den Genossen lange fehlte.

Avi Gabbay - ein israelischer Macron?

Der 50 Jahre alte Vater von drei Kindern ist ein politischer Newcomer in der Arbeiterpartei. Er setzte sich vor rund zwei Wochen im zweiten Wahlgang der parteiinternen Primaries gegen den ehemaligen Verteidigungsminister Amir Peretz durch. Ein Mann der alten Garde, der in einer Zeit groß geworden ist, als die Arbeiterpartei der Staat und der Staat die Arbeiterpartei gewesen ist.

Peretz hatte einen anachronistischen Wahlkampf geführt, in dem seine Anhänger die glorreiche Gründerzeit auf Twitter mit Traktorenfotos und der Losung verklärten: "Heute Amir Peretz wählen - für die Besiedlung, die Zukunft des Staates und der Partei."

Angesichts eines solchen aus der Zeit gefallenen Gegenkandidaten konnte Gabbay nur gewinnen. Für den ehemaligen CEO des nationalen Telekommunikationsgiganten Bezeq sprach paradoxerweise, dass er kaum über politische Erfahrung verfügt. Dadurch ist er aber eben auch kein Teil des zerstrittenen Parteiestablishments.

Der Sohn marokkanischer Einwanderer wurde zwar 2015 als Mitglied der kleinen "Kulanu"-Partei Umweltminister, quittierte den Dienst unter Netanyahu aber bereits zwölf Monate später aus Frustration darüber, dass der Premier mit Avigdor Lieberman einen Hardliner zum Verteidigungsminister machte.

Gabbays Unerfahrenheit kam zunächst gut an: Seine Anhänger feierten ihn als israelischen Emmanuel Macron, der "New Yorker" verglich ihn mit dem jungen Barack Obama - und er sich selbst mitYitzhak Rabin. Das hat eine maximale Fallhöhe geschaffen.

Doch bislang enttäuschte Gabbay all diese Erwartungen. Innenpolitisch schafft er es weder, die Korruptionsskandale für sich zu nutzen, noch gelingt es ihm als Gesicht und Stimme der zersplitterten oppositionellen Mitte-links-Parteien, sachpolitische Akzente gegen Netanyahu zu setzen. Damit teilt er das Schicksal anderer Zentrumspolitiker wie etwa der ehemaligen Außenministerin Tzipi Livni und des Jesch-Atid-Chefs Yair Lapid.

Zwei Ex-Generäle als Joker

Auch außen- und sicherheitspolitisch bleibt Gabbay unscheinbar. Er kritisierte den Ministerpräsidenten zwar für das Aufstellen der Metalldetektoren an den Zugängen zum Tempelberg, aber das ist in der öffentlichen Wahrnehmung untergegangen.

Sein Problem ist so simpel wie schwerwiegend: Obwohl Sicherheitspolitik über Jahrzehnte die Domäne seiner Arbeiterpartei gewesen ist, traut heute die Mehrheit der Wähler der Awoda auf diesem Gebiet nur noch wenig zu. Viele von ihnen teilen zudem im Grundsatz die Linie Netanyahus.

Um den Premier ernsthaft herausfordern und unentschlossene Wähler für die Arbeiterpartei gewinnen zu können, braucht er mehr als smarte Sozialpolitik. Er braucht Generäle in seinen Reihen, denen die Bevölkerung schwierige Entscheidungen in der Sicherheitspolitik zutraut.

Israelische Medien spekulieren seit Monaten über die politische Rückkehr von Ehud Barak und Moshe Ya'alon, zwei Generälen a.D., die ihre politischen Karrieren einst in der Arbeiterpartei gestartet haben. Mit diesen beiden an seiner Seite oder sogar - wieder - in seiner Partei hätte Gabbay zwei Joker für die Rückkehr an die Macht.

Barak und Ya'alon sind erbitterte Gegner Netanyahus. Sie kritisieren ihn aus politischen und persönlichen Gründen und haben trotz ihres Rentenalters noch erkennbar Karriereambitionen.

Die beiden Ex-Militärs könnten als führende Köpfe eines Mitte-links-Bündnisses Ministerpräsident Netanyahu sicherheitspolitisch Paroli bieten. Barak selbst erklärte am Tag des parteiinternen Wahlsieges von Gabbay, Netanyahu "schwitzt heute Abend, aus gutem Grund". Eine klare Kampfansage.

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