Nahost-Konflikt Jerusalem unter Raketenbeschuss

Der Konflikt im Nahen Osten eskaliert: In Tel Aviv gab es erstmals seit Jahren Luftalarm, in Jerusalem schlug eine Rakete ein. Zuvor gab Israels Regierung die Mobilisierung Tausender Reservisten bekannt und flog heftige Angriffe auf den Gazastreifen.

REUTERS

Tel Aviv - Das israelische Sicherheitskabinett hat die Armee laut Medienberichten dazu ermächtigt, bis zu 40.000 Reservisten zu mobilisieren. Ein ranghoher israelischer Regierungsvertreter sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Armee halte sich alle Optionen einschließlich einer Bodenoffensive im Gazastreifen offen. Innenminister Gideon Saar sagte, niemand strebe eine militärische Konfrontation an. Israel dürfe aber nicht länger zögern, die Hamas entscheidend zu schwächen.

Ein Angriff auf Tel Aviv konnte offenbar bereits abgewehrt werden: Militante Palästinenser feuerten laut Medienberichten eine Rakete auf die Küstenmetropole. Die Behörden lösten Luftalarm aus, und Bilder im Fernsehen zeigten offenbar, wie eine Rakete durch das Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" ("Iron Dome") abgefangen wurde. Eine Armeesprecherin vor Ort sagte, sie könne zunächst nur die Sirenen bestätigen. Es wäre das erste Mal seit fast zwei Jahren, dass die Stadt aus dem Gazastreifen mit einer Rakete angegriffen wurde.

In Jerusalem schlug sogar eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete in ein Haus ein. Das israelische Fernsehen berichtete, dabei sei niemand verletzt worden. Militante Palästinenser hätten in kurzer Folge etwa 40 Raketen mit größerer Reichweite auf israelische Ortschaften abgefeuert. Warnsirenen heulten auch in Beerscheva, Aschkelon und Aschdod. Die im Gaza-Streifen herrschende radikalislamische Hamas erklärte am Abend, sie habe auch die nordisraelische Hafenstadt Haifa unter Beschuss genommen. Der Angriff auf die drittgrößte Stadt Israels wäre der bislang tiefste Schlag auf israelisches Territorium.

Mehr als ein Dutzend Tote im Gazastreifen

Die USA haben den Angriff auf Tel Aviv verurteilt und Israel Unterstützung zugesichert: "Wir verurteilen den anhaltenden Raketenbeschuss auf Israel und die israelische Zivilbevölkerung durch Terroristen aus Gaza", sagte US-Präsidialamtssprecher Josh Earnest in Washington. Gegen die "bösartigen Angriffe" stehe Israel ein Recht zur Selbstverteidigung zu. Kein Land könne es hinnehmen, dass seine Bürger beständigem Raketenbeschuss ausgesetzt seien, sagte Earnest.

Zuvor hatte die israelische Luftwaffe bereits mit harten Maßnahmen auf einen massiven Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen reagiert: Bislang habe die Luftwaffe 150 "Terror-Ziele" im Gazastreifen angegriffen, wie die israelische Armee mitteilte. Nach palästinensischen Angaben starben dabei 14 Menschen. Unter den acht getöteten Zivilisten seien auch drei Kinder, teilte der Sprecher der örtlichen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, mit. Die weiteren sechs Opfer seien Kämpfer der Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad gewesen.

Armeesprecher Peter Lerner betonte, die Luftangriffe seien nur "eine Etappe" der Operation "Protective Edge", die zeitlich nicht begrenzt sei. Zwei Brigaden wurden nach Armeeangaben schon rund um den Gazastreifen postiert, weitere sollen in den kommenden Tagen nachrücken.

"Spiel mit dem Feuer"

Präsident Mahmud Abbas forderte Israel auf, "seine Eskalation und die Angriffe unverzüglich einzustellen". Der Sprecher der radikalen Hamas-Organisation, Sami Abu Suhri, warnte die israelische Regierung vor einem "Spiel mit dem Feuer". Israel werde für seinen Militäreinsatz einen hohen Preis zahlen.

Vor einer "Spirale von Gewalt und Gegengewalt" warnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und appellierte an beide Seiten, "dass eine militärische Konfrontation vermieden werden muss, die völlig außer Kontrolle gerät". Wie zuvor bereits das US-Außenministerium betonte Steinmeier aber auch das Recht Israels, sich vor Angriffen aus dem Gazastreifen zu schützen.

Bei den Kämpfen handelt sich um die heftigsten Gefechte zwischen Israel und extremistischen Palästinensergruppen seit November 2012. Auslöser der Eskalation waren die Entführung und die Ermordung dreier jüdischer Religionsschüler sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen. In der Region wächst die Sorge vor einem neuen Gaza-Krieg sowie einem neuen Palästinenseraufstand.

vek/AFP/dpa/Reuters

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micromiller 08.07.2014
1. glaubenskrieger auf beiden seiten werden wieder unheil
ueber die menschen bringen. israels landbesetzer, also diejenigen, die wiederrechtlich aber glaubensdokmatisch laendereien der palestiner besetzen und besiedeln werden tief durchathmen und ihren landraub noch intensiver fortsetzen. es ist eine schande, dass sich die moderaten kraefte auf beiden seiten sich nicht durchsetzen koennen.
tjhc 08.07.2014
2. Im Prinzip verständlich, aber...
Ich kann nachvollziehen, dass Israel nach Raketenangriffen aus dem Gazastreifen einmarschiert um für Ruhe zu sorgen. Das ist auch durchaus legitim und kann keinem Land verboten werden. Allerdings sollte sich Israel auch um eine langfristigere Lösung bemühen: entweder einen annehmbaren Kompromiss, der sicherlich auch mit Zugeständnissen versehen sein müsste, ausarbeiten oder endlich die Jahrzehnte währende Annexion komplett machen. Ersteres wäre vorzuziehen, nicht nur im Interesse der Palästinenser, sondern auch im Interesse Israels, falls es sich jemals mit seinen Nachbarn versöhnen möchte. Die momentane Situation ist jedenfalls keine Lösung, denn auch wenn Israel wieder einmarschiert geht sowieso alles wieder von vorne los.
hubertrudnick1 08.07.2014
3. Israel/Palästina
Zitat von sysopAFPEin neuer Krieg im Nahen Osten rückt näher: Israels Regierung hat laut Medienberichten die Mobilisierung von 40.000 Reservisten eingeleitet. Bei Luftangriffen auf Palästinensergebiete starben bereits Dutzende Menschen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-bereitet-grossoffensive-im-gazastreifen-vor-a-979955.html
Solange man sich weigert grundsätzliche Abkommen im gegenseitigen Interesse abzuschließen wird es kein Frieden geben können. Einer wird immer wieder erneut provozieren und die andere Seite springt darauf an. Die Leidtragenden sind die Menschen, die Palästinenser und Israelis.
h.klinge-klinge 08.07.2014
4.
Es ist einfach nur Traurig und erschütternd das in dieser Region NIEMALS Frieden einkehren wird.
etude 08.07.2014
5. Fußball ist Opium für's Volk.
Millionen von Menschen ist gleichgültig, was dort im nahen Osten gerade passiert. Einzige Sorge: Ist genug Bier da? Und wie mache ich morgen blau? Dass dort Menschen sterben, geht in der Medienlandschaft unter. 7 von 10 Meldungen handeln dieser Tage vom aufgezwungenen 'Volkssport'.
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