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Israel-Besuch: Heftige Kritik an Benedikts Holocaust-Rede

Von , Jerusalem

Zum ersten Mal hat ein deutscher Papst in Jad Waschem gesprochen. Doch Benedikt XVI. ging nicht auf die Rolle der Kirche ein - und auch nicht auf seine Vergangenheit in der Hitlerjugend. Der Leiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte zeigte sich enttäuscht.

Man könnte es einen Affront nennen, dass die Minister der ultraorthodoxen Schas-Partei dem roten Teppich zur Begrüßung Benedikts am Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen ferngeblieben sind.

Man könnte ihre Begründung, sie wollten "wegen der Gefühle der Holocaust-Überlebenden" nicht die Hand des deutschen Papstes schütteln, zumindest etwas voreilig nennen - schließlich verkündete der Papst noch auf dem Rollfeld, er wolle bei seinem Besuch Jerusalems "die Erinnerung an die sechs Millionen jüdischen Opfer der Shoah ehren".

Doch nun, wo der Papst den wichtigsten Auftritt seiner Reise absolviert hat, muss man den Boykott der frommen israelischen Minister in einem milderen Licht betrachten.

Mit keinem Satz ist Benedikt XVI. auf die Tatsache eingegangen, dass er selbst Angehöriger jenes Volkes ist, das den Aufstieg Hitlers und damit den Holocaust ermöglichte. Kein Wort auch zu seiner persönlichen Vergangenheit als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat und zu der Verantwortung, die sich daraus gegenüber dem jüdischen Volk ergibt. Und das alles nach dem Skandal, den er mit der Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Williamson in die katholische Kirche Anfang des Jahres auslöste.

"Wir sind sehr enttäuscht von der Rede des Papstes", ließ der Vorstand der Holocaust-Gedenkstätte Minuten nach dem Ende der Zeremonie mitteilen. "Er hat nicht gesagt, dass es ihm weh tut oder dass es ihm leid tut. Von einer Entschuldigung ganz zu schweigen", kritisierte der Vorsitzende von Jad Waschem, der Holocaust-Überlebende Rabbi Meir Lau.

Die Leitung der Gedenkstätte war dem Vatikan sogar noch in einem sensiblen Punkt entgegengekommen. Es geht um die Rolle von Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs. Katholische Kirchenvertreter hatten den Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte in Frage gestellt, weil im angrenzenden Museum eine Tafel hängt, die Pius' Untätigkeit während der Nazi-Zeit kritisiert. Der Vatikan behauptet, Pius habe Juden sehr wohl vor der Vernichtung gerettet, gibt aber bis heute nicht alle betreffenden Akten frei. Am Ende musste Benedikt das Museum nicht besuchen, wie sonst bei Staatsgästen üblich.

Doch nicht einmal auf diese Geste wusste Benedikt angemessen zu antworten, auf die Rolle der katholischen Kirche während der Nazi-Zeit ging er in seiner kurzen Rede nicht ein. "Es gab die Erwartung, dass der Papst sowohl auf seine Vergangenheit als Deutscher als auch auf die Rolle der katholischen Kirche während des Krieges eingehen würde", sagt der bekannte Kolumnist Anshel Pfeffer von der Tageszeitung "Haaretz". "Dass er sich dazu nicht geäußert hat, ist eine große Enttäuschung."

Benedikts Vorgänger, Johannes Paul II., habe bei seinem Besuch in Israel im Jahr 2000 Abbitte geleistet für die Taten der katholischen Kirche gegenüber den Juden. "Benedikt", sagt Pfeffer, "scheint nicht das Gefühl zu haben, dass er um Entschuldigung bitten muss."

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