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Wahlkampf in Israel: Das Märchen vom bescheidenen Bibi

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Israels Premier Netanyahu: Schaden ihm die peinlichen Wahlkampf-Videos? Zur Großansicht
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Israels Premier Netanyahu: Schaden ihm die peinlichen Wahlkampf-Videos?

Israels Premier Netanyahu steht wegen Verschwendung am Pranger, ein Bericht weist ihm Missbrauch nach. Um bessere Stimmung zu machen, präsentiert sich seine Frau nun in ihrer abgewohnten Küche. Dumm nur: Es ist gar nicht ihre.

Jerusalem/Berlin - Eine so ausgeprägte Bescheidenheit eines Regierungschefs könnte einem fast Tränen der Rührung in die Augen treiben. Sara Netanyahu, Gattin von Israels Premier, führt den in Israel bekannten Designer Moshik Galamin begleitet von einem Fernseh-Team durch ihre Küche: Die Farbe blättert von der Wand, die Kunststofffronten der Schränke splittern. Die TV-Größe zeigt sich erschüttert: "Hier sieht es aus wie in einem rumänischen Waisenhaus von 1954!"

Sara Netanyahu zeigt auf ein paar billige Stühle, von denen keiner zum anderen passt. "Nachts kann man den Premierminister hier erwischen, wenn er heimlich nascht - ein Sandwich oder Käse", verrät sie. "Unser Lieblingsgericht ist Schnitzel mit Kartoffelbrei und Pasta."

Das Video mit der Küchenszene (klicken Sie hier, um das Video zu sehen - die Küchenszene beginnt bei Minute 11:44) hat Netanyahu auf seiner eigenen, offiziellen Facebookseite posten lassen. Dumm nur: Es ist gar nicht die Küche der Netanyahus. Wie der israelische Fernsehsender Channel 2 anhand alter Aufnahmen belegt, wird die renovierungsbedürftige Küche im Erdgeschoss der Premierministerresidenz nur von den Hausangestellten benutzt. Das Ehepaar Netanyahu dagegen nutzt die im Stockwerk darüber - eine top ausgestattete, moderne Luxusküche.

Die Küchen-Blamage ist die jüngste Peinlichkeit in einem von Skandalen und Skandälchen geprägten Wahlkampf. Am 17. März wählt Israel ein neues Parlament. Umfragen sehen seit Wochen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanyahus rechter Likud-Partei und der Mitte-Links-Opposition.

Mit der Inszenierung seiner Bodenständigkeit wollte Benjamin "Bibi" Netanyahu offenbar einem für ihn unangenehmen Bericht zuvorkommen, der am Dienstagnachmittag veröffentlicht wurde. Israels Oberster Rechnungsprüfer Joseph Shapira hat die Ausgaben der Netanyahus überprüft und dabei schweren Missbrauch festgestellt. Aus dem Bericht geht hervor, dass Netanyahu und seine Familie in den Jahren 2009 bis 2013 teilweise riesige Summen für Lebensmittel, Kleidung und Reinigung ausgegeben haben.

Allein die Kosten für Nahrungsmittel und öffentliche Empfänge haben sich dem Amtsantritt Netanyahus im März 2009 mehr als verdoppelt - am höchsten waren sie im Jahre 2011 mit 490.000 Schekeln (111.000 Euro). Nach öffentlicher Kritik am verschwenderischen Lebensstil der Netanyahus fiel die Summe dann wieder deutlich.

Der Bericht listet nur die Ausgaben der Netanyahus in ihren zwei Häusern - der offiziellen Residenz in Jerusalem und dem Privathaus am Strand - zwischen 2009 und 2013 auf. Viele andere im Wahlkampf öffentlich gewordene Korruptionsfälle der Familie werden lediglich im Vorspann erwähnt, sie sind noch gar nicht Gegensand des Berichts. So etwa Sara Netanyahus Flaschenpfand-Raffgier oder das Luxusfrühstück, für das sich der Premier mehr als 4500 Euro erstatten ließ - obwohl es nur 70 Euro kostete. Die neuen Vorwürfe weckten die "Sorge eines kriminellen Vergehens", heißt es in dem Report.

Ob die Skandale Benjamin Netanyahu politisch schaden können, ist fraglich. Seine Anhänger sehen ihm viele Peinlichkeiten nach, solange er sich als Garant für Sicherheit inszeniert. In seinem jüngsten Wahlkampfvideo stellt Bibi seine politischen Rivalen als naive Trottel dar, die bärtigen Kämpfern des "Islamischen Staat" den Weg nach Jerusalem weisen.

Zuvor hatte Netanyahu ein Video veröffentlicht, bei dem er bei einem israelischen Paar als "Bibisitter" an der Tür klopft. "Frieden, aber nicht um jeden Preis", ist die Botschaft des kurzen Clips. Eine Version mit englischen Untertiteln gibt es hier.

Jizchak Herzog, Chef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei hat sich mit Tzipi Livni, Ex-Außenministerin und Chefin der Bewegung-Partei im "HaMahane HaTzioni", dem Zionistischen Lager, verbündet, das für eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern eintritt. Ihr Slogan: "Rak lo Bibi", bedeutet grob übersetzt: Alles, bloß nicht Bibi.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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1. An Stelle von Frau Netanyahu...
Delos99 17.02.2015
...würde ich mir schon Gedanken machen, wenn ihr Mann nachts bei den Angestellten zu finden ist.
2.
UnitedEurope 17.02.2015
Da Bibi nur mit Sicherheit punkten kann, sollte jedem klar sein dass er kein ernsthaftes Interesse an einem Frieden auf Augenhöhe mit den Palästinensern hat.
3. haben die keinen kai mit dem riesending in tel aviv?
doofnuss 17.02.2015
bei uns wurde ein bundespräsident wegen inkriminierten 750,-. euro sozial hingerichtet - vor dem lupenreinen freispruch. die israelische gesellschaft ist offensichtlich entschieden "toleranter"... . ;-)
4. An Bibi ist nichts bescheiden
note4shape 17.02.2015
nicht seine Verachtung demokratischer Grundprinzipien, nicht die gezielte und gewollte Obstruktion der Beziehung zum wichtigsten Verbuendeten Israels, nicht seine Untetdrueckung politisch Andersdenkender, nicht sein charakterloser Opportunismus, nicht seine Machtwillkuer, nicht seine Ichbezogenheit die sich um die Belange seines Landes und Volkes einen Teufel schert.
5. Mit Chuzpe
ruzoe 17.02.2015
ist die Abgebrühtheit, mit der die Netanyahus ihr Volk verscheißern, völlig unzureichend erklärbar...
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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
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