Israel Bombenanschlag im Badeort Netanja

Drei Explosionen haben am Abend eine Einkaufsstraße in der israelischen Küstenstadt Netanja erschüttert. Mindestens 30 Passanten wurden verletzt, einer davon schwer. Palästinenserführer Jassir Arafat will nun zum amerikanischen Präsidenten Bill Clinton nach Washington fliegen.


Israelische Polizeibeamte sichern den Ort der Bombenexplosion
REUTERS

Israelische Polizeibeamte sichern den Ort der Bombenexplosion

Netanja - Bei der Explosion einer zehn Kilo schweren Autobombe im Zentrum des israelischen Mittelmeer-Badeortes Netanja sind am Montagabend nach offiziellen Angaben 30 Menschen verletzt worden. Der einzige Schwerverletzte, ein junger Mann, stand unter dem Verdacht, mit dem Anschlag zu tun zu haben. Regierungschef Ehud Barak rief sein Sicherheitskabinett zusammen, um über Gegenmaßnahmen zu beraten. Nach Meldungen von Radio Israel könnten die Friedenskontakte mit den Palästinensern unterbrochen werden. Der palästinensische Flughafen in Gaza wurde von den Israelis geschlossen, wie der Sender berichtete.

Kommunikationsminister Benjamin Ben-Elieser machte Palästinenserpräsident Jassir Arafat für den Anschlag verantwortlich und erklärte, es gebe "keine" Verhandlungen mit den Palästinensern. Verkehrsminister Amnon Lipkin-Schachak sagte, Israel müsse einen "kompromisslosen" Kampf gegen den Terror führen, die Lösung für den Nahost-Konflikt könne aber nur politisch sein.

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Der israelische Polizeichef Schlomo Aharonischki sagte Reportern, die Bombe in Netanja habe glücklicherweise aus zehn Kilogramm "schadhaften" Sprengstoffs bestanden. "Hier war viel Glück im Spiel", betonte Aharonischki. Es hätte weit schlimmer kommen können.

Inzwischen hat sich Arafat bereit erklärt, zu einem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in den nächsten Tagen nach Washington zu fliegen. Der Palästinenserführer willigte ein, nachdem er zuvor eine dreiviertel Stunde lang mit Clinton telefoniert hatte. Er wolle damit den Friedensverhandlungen eine letzte Chance geben, verlautete aus Palästinenserkreisen.

Die Bombe explodierte in einer belebten Geschäftsstraße an einer Bushaltestelle. Augenzeugen berichteten von drei schweren Explosionen. Mehrere Autos wurden aufgerissen, Blechteile durch die Luft geschleudert. Rauch hüllte die belebte Strasse ein, auf der sich viele Israelis beim Schaufensterbummel befanden. Etliche Fensterscheiben der anliegenden Geschäfte gingen zu Bruch. Krankenwagen, Feuerwehren und Polizeikräfte eilten an den Explosionsort, dessen Umgebung evakuiert wurde. Neben der in einem Auto deponierten Bombe explodierten vermutlich die Benzintanks des Bombenautos und eines benachbarten Fahrzeugs.

Durch die Gewalttaten am Wochenende wurden die Friedensbemühungen zunächst völlig in den Hintergrund gedrängt. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im Westjordanland in der Neujahrsnacht waren fünf Palästinenser erschossen worden. Auf der anderen Seite hatte die Ermordung des rechtsextremen jüdischen Siedlerführers Benjamin Kahane und seiner Frau im Westjordanland massive Proteste rechtsradikaler Israelis ausgelöst und zu schweren Ausschreitungen gegen Palästinenser in Jerusalem geführt. Daraufhin warnten israelische Geheimdienste vor rechtsextremen Terroranschlägen gegen heilige Städte der Moslems in Jerusalem und Massakern gegen die palästinensische Zivilbevölkerung.

Die Folgen könnten bürgerkriegsähnliche Zustände in der Krisenregion sein, berichtete die israelische Presse. Auch einen Mordanschlag auf den amtierenden Ministerpräsidenten Ehud Barak schloss der Geheimdienst nicht aus. Die Bewachung Baraks und seiner Minister wurde verstärkt.

Außenminister Schlomo Ben-Ami drohte am Montag, Israel werde mit der einseitigen Abtrennung der palästinensischen Gebiete beginnen, falls es in den nächsten Wochen nicht zu einer Einigung mit der Palästinenserführung über ein Friedensabkommen komme. Zehntausende Palästinenser nahmen am Montag an den Beerdigungen getöteter Landsleute teil und schworen Vergeltung.

In Israel ist es seit Beginn der Unruhen in den palästinensischen Autonomiegebieten vor drei Monaten wiederholt zu Bombenanschlägen gekommen. Erst vergangenen Donnerstag war in einem Bus in Tel Aviv eine Rohrbombe detoniert, 14 Menschen wurden verletzt. Im November wurden bei einer Explosion in einem anderen Badeort zwei Israelis getötet. Den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern fielen seit Ende September über 350 Menschen zum Opfer, zumeist Palästinenser.



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