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Israel: Das große Schweigen nach dem Krieg

Von , Tel Aviv

Die Israelis verstehen die Welt nicht, die sie wegen ihres Vorgehens im Gaza-Streifen beschuldigt. Sie verdrängen die Debatte darüber, das Leiden der Palästinenser wird in den Zeitungen auf die hinteren Seiten verbannt. Jeder zweite hält die Feuerpause für verfrüht.

Mehrere Tausend Tote, Verletzte und Obdachlose in Gaza - all das ist nur eine gute Autostunde von Tel Aviv entfernt. Doch in Israel sind die Folgen des Kriegs gegen die Hamas kein Thema. Die Neuwahlen am 10. Februar scheinen ein Nachdenken über moralische Probleme des Waffengangs zu verdrängen. Eine öffentliche Debatte über ethische Grenzen, die Soldaten und Offiziere zu befolgen hätten, gibt es nicht. Keiner stellt die Frage, wie viele Kinder in Gaza geopfert werden dürfen, um das Leben eines Soldaten zu retten. Niemand will wissen, wer jetzt den Obdachlosen und Flüchtlingen in Gaza beistehen soll.

Zerstörte Häuser in Gaza-Stadt: "Der Kampf ist nicht zu Ende"
DPA

Zerstörte Häuser in Gaza-Stadt: "Der Kampf ist nicht zu Ende"

Das Schweigen macht dem israelischen Friedensaktivisten Gadi Baltiansky Sorgen. Es kümmert ihn, dass sein Land gegenüber dem Leiden der Palästinenser in Gaza dermaßen indifferent ist. Militärisch habe Israel den Krieg gegen die Hamas zwar gewonnen. Aber eine Gesellschaft, die keine intensive Debatte über die Opfer der Zivilbevölkerung in Gaza lostrete, sei "eine dumpfe Gesellschaft mit mickrigen Werten."

"Deshalb hat die israelische Gesellschaft verloren," sagt Baltiansky, der sich an der Spitze einer großen Friedensorganisation für eine politische Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts einsetzt. Israel mache derzeit eine sehr gefährliche Entwicklung durch, schreibt Baltiansky auch im Internetportal Ynet und ruft erschrocken aus: "Was ist aus uns geworden?" Für ihn ist es mehr als eine rhetorische Floskel. Der Gedanke, in was für eine Gesellschaft seine Kinder hineinwachsen, bereitet ihm tiefen Kummer.

Unbequeme Fragen automatisch tabu

Stimmen dieser Art sind in diesen Tagen rar in Israel. Sie haben einen fast schon exotisch anmutenden Seltenheitswert. Zu den einsamen Kritikern gehört etwa der Autor David Grossman. Israel habe zwar bewiesen, eine starke Armee zu haben. Aber der Nachweis, im Recht zu sein, sei nicht gelungen, mahnte er in der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz".

Zu den wenigen Kritikern gehören auch acht israelische Menschenrechtsorganisationen. Sie fordern vom Generalstaatsanwalt Menachem Masus die Gründung eines unabhängigen Komitees, das die Angriffe der israelischen Armee auf Zivilisten im Gaza-Streifen untersuchen soll.

Auf Distanz zur weit verbreiteten Mentalität, wonach alle unbequemen Fragen automatisch tabu sind, wenn es um die Sicherheit des Landes geht, gehört ebenfalls die Gruppe Keshev, das "Zentrum zum Schutz der Demokratie in Israel". Bei ihrer jüngsten Medienanalyse kommt sie zu einem ernüchternden Schluss, "der aber nicht überraschend ist", wie Keshev-Leiter Yizhar Be'er sagt.

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg
(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)
Waffenruhe
Der Uno-Sicherheitsrat "betont die Dringlichkeit und ruft zu einem sofortigen, dauerhaften und vollständig eingehaltenen Waffenstillstand auf, der zu einem vollständigen Rückzug israelischer Kräfte aus dem Gaza-Streifen führen soll". Das Gremium "verurteilt jegliche Gewalt und Feindseligkeit gegen Zivilisten sowie jede Art von Terrorismus". Diese Textstelle bezieht sich auf die Raketenangriffe der radikal-islamischen Hamas auf israelisches Staatsgebiet, die aber nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Humanitäre Hilfe
Der Sicherheitsrat fordert "eine ungehinderte Lieferung und Verteilung von humanitärer Hilfe im ganzen Gaza-Streifen". Nötig seien "Lebensmittel, Kraftstoff und Medikamente". Das Gremium "begrüßt Initiativen zur Einrichtung und Öffnung von humanitären Korridoren sowie andere Mechanismen zur nachhaltigen Versorgung mit humanitärer Hilfe". Zudem ruft es "die Mitgliedstaaten auf, internationale Bemühungen zur Linderung der humanitären und wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen zu unterstützen".
Friedensprozess
Der Sicherheitsrat "begrüßt die ägyptische Initiative sowie andere regionale und internationale Bemühungen". Er "fordert verstärkte internationale Bemühungen um Vereinbarungen und Garantien für eine dauerhafte Ruhe im Gaza-Streifen". Dazu zähle auch "eine Unterbindung des unerlaubten Schmuggels von Waffen und Munition sowie die Wiedereröffnung von Grenzübergängen".
Versöhnung der Palästinenser
Zugleich "ermutigte" das Gremium "greifbare Maßnahmen, die zu einer Versöhnung der Palästinenser führen". Darüber hinaus forderte der Sicherheitsrat "neue und dringende Bemühungen der Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft um einen umfassenden Frieden, der auf der Vision von einer Region basiert, in der zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite friedlich und mit sicheren sowie anerkannten Grenzen leben".

Redakteure und Reporter würden bei Kriegen "schon fast instinktmäßig" eine patriotische Haltung an den Tag legen und den offiziellen Sprechern die Informationen förmlich aus der Hand fressen, statt die Mitteilungen zu hinterfragen. "Die Medien bemühen sich in Krisensituationen stets, Militäraktionen zu rechtfertigen und übernehmen kritiklos das Narrativ der Regierung oder der Offiziere," sagt Be'er. So sei es auch dieses Mal in Gaza gewesen.

Jeder Zweite will keinen Waffenstillstand

Ruhe, es wird geschossen: Mit diesem Befehl rechtfertigen Israelis das Schweigen während des Kriegs. Doch den Bürgern steht auch danach der Sinn nicht nach kritischen Fragen. Nachdem eine erdrückende Mehrheit den dreiwöchigen Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen ohne Wenn und Aber unterstützt hat, sind jetzt viele enttäuscht, dass die Regierung einen einseitigen Waffenstillstand verkündet hat. Es sei dazu viel zu früh, meint derzeit jeder zweite Israeli.

Über die Hälfte der Bürger glaubt laut einer Umfrage nämlich nicht daran, dass im Süden Israels Ruhe einkehren werde: Das Ziel des Kriegs sei noch nicht erreicht, die Hamas immer noch gefährlich. Sie würden deshalb wohl bald wieder nach Gaza zurückkehren müssen, "um die Arbeit zu beenden", sagen Soldaten vor laufenden Kameras, während sie Waffen und Munition abgeben.

"Yedioth Achronot", die einflussreichste Zeitung im Lande, hat während des Krieges immer wieder mit großen Lettern einer Ausdehnung der Militäraktion das Wort geredet, und gleichzeitig das Leiden der Palästinenser auf die hinteren Seiten verdrängt – so also ob letzteres irrelevant wäre. Israelische Medien haben das Geschehen in Gaza durchweg anders gewichtet als westliche Zeitungen und TV-Sender. Über den Beschuss der UNRWA-Schule erfuhren die Leser von Yedioth Achronot zum Beispiel erst auf Seite sieben. In europäischen und amerikanischen Medien wurde darüber hingegen ganz prominent berichtet.

"Alle sind wieder einmal gegen uns"

Während die Welt jetzt Israel anklagt und mit Prozessen wegen Kriegsverbrechen droht, blicken Israelis entsetzt auf das sich anbahnende juristischen Kesseltreiben gegen ihre Minister und Offiziere. "Alle sind wie gewohnt wieder einmal gegen uns", sagen sich viele – und verstehen nicht, was man von ihnen will. 82 Prozent der israelischen Bürger meinen in Umfragen, Israel habe in Gaza nicht unverhältnismäßig viel Gewalt eingesetzt. Sie begreifen deshalb nicht, dass die Bilder und Berichte, die aus Gaza kommen, weltweit Empathie mit den Palästinensern und Empörung über Israel auslösen können.

Statt darüber zu reflektieren, ob sich die Zahl der 1300 Toten moralisch rechtfertigen lasse, fordern sie die Freilassung von Gilad Shalit, des Soldaten, der im Sommer 2006 von Terroristen nach Gaza entführt wurde und seither verschollen ist. "Der Kampf ist nicht zu Ende, bevor Gilad wieder zu Hause ist", sagen Offiziere, die soeben aus Gaza zurückgekehrt sind.

Die Gleichgültigkeit gegenüber den Palästinensern sei das Resultat eines langen Prozesses, sagt Baltiansky, der früher Sprecher von Ehud Barak war. Man habe viele verwerfliche gesellschaftliche Phänomene toleriert – so zum Beispiel auf dem Fußballplatz rassistische Schlachtrufe wie "Tod den Arabern".

Dass die israelische Jugend sich gegenüber den palästinensischen Nachbarn zunehmend verschließe, daran seien die Palästinenser allerdings nicht ganz unschuldig. "Die Selbstmordattentäter, die während der zweiten Intifada israelische Städte unsicher machten, haben die israelische Gesellschaft verhärtet," sagt Baltiansky, "weshalb sollten wir uns zurückhalten, nachdem Palästinenser ihre Kinder für Selbstmordaktionen opfern und zu uns schicken?"

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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