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Israel: Der Glaubenskrieg von Beit Schemesch

Aus Beit Schemesch berichtet

Israel starrt auf die Stadt Beit Schemesch, denn dort tobt ein Stellvertreterkrieg: ultraorthodoxe Juden gegen weltliche Bürger. Die Strenggläubigen wollen ihre Vormacht offenbar mit allen Mitteln erhalten. Jetzt ermittelt nach der Bürgermeisterwahl sogar die Justiz.

Beit Schemesch: Streit im "Sonnenhaus" Fotos
Corbis

"Game over" hat jemand zwischen zahlreiche Liebesbotschaften auf die hellblauen Kacheln des leeren Pools gesprüht. Neben dem mit Graffiti verunstalteten Schwimmbad liegt ein riesiges Kunststoffknäuel: eine Rutsche, die das Freibad zum Spaßbad machen könnte.

Doch wo früher die städtische Jugend auf ihren Handtüchern die Sonne genoss, liegt heute Müll und wuchert Unkraut. Auf Anweisung des Bürgermeisters von Beit Schemesch wurde das Bad vor vier Jahren geschlossen. "Angeblich, um zu renovieren. In Wahrheit, weil die Ultraorthodoxen uns aus der Stadt vergraulen wollen", sagt Nili Philipp. Die Patentanwältin zog vor 13 Jahren aus Kanada nach Beit Schemesch, um hier ein frommes Leben zu führen. Doch ihr Glauben ist den Nachbarn nicht streng genug.

Im israelischen Beit Schemesch tobt derzeit eine erbitterte Schlacht, auf die das ganze Land schaut. Es geht auch darum, wer langfristig den Ton angeben wird im jüdischen Staat Israel: die Frommen oder die Säkularen, die Vorwärtsgewandten oder die in die Vergangenheit Verliebten. "Ich respektiere die Frommen, aber sie respektieren uns nicht", beklagt Eli Cohen, gemäßigt frommer Politiker, der bei den jüngsten Bürgermeisterwahlen kandidierte.

Die Geschichte einer typischen israelischen Entwicklungsstadt

Beit Schemesch ist eine 100.000-Einwohner-Stadt in den grünen Hügeln unweit Jerusalems. Ihre Geschichte ist die einer typischen israelischen Entwicklungsstadt. Gegründet 1950 und etwas verkehrsungünstig gelegen, wuchs sie über Jahrzehnte nur dank der immer neuen Einwanderergruppen, die hier zwangsangesiedelt wurden: Marokkaner und Russen, Iraner und Äthiopier. Vor 20 Jahren dann wurden mit dem Versprechen billigen Wohnraums auch die ersten Ultraorthodoxen hergelockt: Gekommen sind besonders strenggläubige Juden, die ihre Lebensweise aus Osteuropa mitgebracht haben und deren traditionelle Wohnviertel in Jerusalem überfüllt sind.

Ultraorthodoxe Paare haben im Schnitt sieben Kinder - die strenggläubige Bevölkerung von Beit Schemesch wächst somit schnell: auf inzwischen knapp 38 Prozent. 75 Prozent der Schulkinder in der "Sonnenhaus" genannten Stadt sind ultraorthodox. Die Frommen folgen unterschiedlichen Rabbis und versuchen, sich gegenseitig in ihrer Bibeltreue zu übertrumpfen. Das führt zu Auswüchsen, über die inzwischen ganz Israel spricht. So versteckt eine besonders radikale, "Taliban-Juden" genannte Gruppe schon kleine Mädchen unter einem schwarzen Ganzkörperumhang, der einer afghanischen Burka verblüffend ähnlich ist. "Meine Kinder wurden gemobbt, weil sie nicht in der schwarzen Kluft der Ultras zur Schule gingen", sagt Nili Philipp.

Vor fünf Jahren gewann mit Mosche Abutbul erstmals ein Ultraorthodoxer die Bürgermeisterwahl. Seitdem herrscht Kultur- und Geschlechterkampf in Beit Schemesch: Frauen, die sich im Bus nicht nach hinten setzen, riskieren es, von strenggläubigen Männern mit langen Schläfenlocken bespuckt und geschlagen zu werden. Die Kinder weniger frommer Mitbürger werden aus Schulen gemobbt. Der Pool und die städtischen Tennisplätze wurden geschlossen, der Bau eines Kulturzentrums gestoppt. Mitte November machte Abutbul weltweit Schlagzeilen, als er verkündete, Gottseidank gebe es in seiner Stadt keine Schwulen. Säkulare Bürger verlassen die Stadt inzwischen in Scharen.

Nili Philipp, die zwar gläubig, aber nicht ultrafromm ist, wurde beim Joggen mit Steinen beworfen. Diese Erfahrung hat die rothaarige 46-Jährige zur Aktivistin gemacht: Philipp fährt Besucher durch die Stadt und erklärt, wo unsichtbare Gräben durch die Stadtviertel, durch Beit Schemesch und durch Israel verlaufen.

Mit falschen Bärten und Perücken an die Wahlurnen

Denn der Bruch entlang der Grenzen der Frömmigkeit spaltet die ganze Nation: Säkulare sehen sich als die Leistungsträger Israels, sind Steuerzahler und Militärdienstleister. Für die Frommen, von denen viele von Sozialhilfe und Kindergeld leben und von denen die meisten keinen Wehrdienst leisten, haben sie wenig übrig. Für geradezu sträflich halten es viele, dass die Ultras ihren Kindern meist keine weltliche Bildung über Grundschulniveau hinaus angedeihen lassen.

Vor diesem Hintergrund schwappte eine Welle der Empörung durch das Land, als polizeiliche Ermittlungen ergaben, dass die Anhänger Abutbuls bei dessen Wiederwahl im Oktober wohl massiv betrogen haben. Demnach kamen gefälschte Ausweise und Melderegister, Perücken und Fasching-Bärte zum Einsatz, um Abutbul weitere fünf Jahre im Amt zu garantieren. Die Ermittlungen hätten systematische, institutionalisierte Kriminalität zutage gefördert, so der israelische Generalstaatsanwalt Jehuda Weinstein. Dutzende von Personen und sehr viel Geld seien im Spiel gewesen, um Abutbul seinen knappen Sieg mit nur 965 Stimmen Vorsprung über seinen weniger gläubigen Widersacher Eli Cohen zu sichern. Der Generalstaatsanwalt hat das zuständige Gericht beauftragt, die Vorgänge unter die Lupe zu nehmen. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Richter Neuwahlen anordnen werden.

Das Zentralbüro für Statistik sagt voraus, dass 2059 ein Drittel aller Israelis ultraorthodox sein werden. Eli Cohen treibt der Gedanke Schauer über den Rücken. "Diese Leute glauben, dass sie über dem Gesetz stehen, sie glauben nicht an Demokratie." Cohen, Sohn marokkanischer Einwanderer, kam mit eineinhalb Jahren nach Beit Schemesch. "Das alles ist sehr gefährlich. Nicht nur für unsere Stadt: für ganz Israel."

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Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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