Jugendliche Opfer im Nahost-Konflikt Im Leid entzweit

Vier Jugendliche sind in den vergangenen Wochen in Israel und Palästina getötet worden. Ihr Schicksal eint sie - und es offenbart die Sinnlosigkeit eines Konflikts, der von der Politik geschürt, aber nicht gelöst wird.

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Es gibt wohl kaum Schlimmeres, als wenn das eigene Kind plötzlich spurlos verschwunden ist, wenn man davon ausgehen muss, dass es entführt wurde.

Vier Familien haben diese Qual durchlitten in den letzten drei Wochen: die Fraenkels, die Schaaers, die Jifrahs und nun wohl auch die Abu Cheirs. Sie erleiden denselben Schmerz, dieselbe Ungerechtigkeit.

Dennoch ist es kaum vorstellbar, dass sich die vier Familien gemeinsam an einem Tisch wiederfinden und sich gegenseitig Trost spenden. Statt sie zu einen, vertieft das geteilte Leid die Kluft zwischen ihnen. Die Familien sind gefangen im Wahnsinn des Nahost-Konflikts.

Ejal Jifrah, 19, Gilad Schaaer, 16, und Naftali Fraenkel, 16, sind am 12. Juni an der Haltestelle für Mitfahrgelegenheiten auf dem Weg nach Hause ins falsche Auto eingestiegen. Sie haben ihren Fehler schnell bemerkt. Gilad Schaaer rief noch die Polizei an und sagte leise und ruhig auf Hebräisch: "Ich bin entführt worden." Es ist ein nun veröffentlichter Tonmitschnitt, der den Atem stocken lässt.

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Seine Kidnapper bemerkten den Hilfeschrei des Jungen und fuhren die Teenager auf Arabisch an. Wahrscheinlich bedrohten sie die Jugendlichen mit einer Waffe. Kurz darauf erschossen sie die Kinder und verscharrten ihre Leichen auf einem Acker. Dort wurden sie am Montag gefunden.

Die Verbrechen folgen der barbarischen Logik der Blutrache

Das Schicksal von Mohammed Abu Cheir, 17, ist noch nicht zweifelsfrei klar. Seine Eltern meldeten ihn am 2. Juli in Jerusalem als verschwunden. Sie hatten die Nacht durchwacht, in der ihr Sohn nicht nach Hause kam. Zu diesem Zeitpunkt suchte die Polizei bereits nach einem entführten Jugendlichen, der von Männern in ein wartendes Auto vor einem Jerusalemer Supermarkt gezerrt worden war.

Am Mittwochmorgen wurde die misshandelte Leiche eines Teenagers in einem nahe gelegenden Waldstück gefunden. Nach ersten Berichten soll es sich um den vermissten 17-Jährigen handeln.

Die Jugendlichen werden von der Politik benutzt

Die Jugendlichen sind die Opfer von Verbrechern geworden, die der barbarischen Logik der Blutrache folgen.

Die drei israelischen Siedlerjungen wurden nach ersten Erkenntnissen von zwei Palästinensern aus Hebron entführt, die als Sympathisanten der radikalislamistischen Hamas gelten. Sie sahen in den drei Jugendlichen Vertreter "der Juden" - für die mutmaßlichen Täter gleichbedeutend mit "den Besatzern" des Westjordanlands, die es zu bekämpfen gilt.

Bestätigen sich die Berichte über Mohammed Abu Cheir, wurde der Jugendliche von Israelis entführt, die dem religiös-radikalen Teil der Siedlerbewegung angehören. Sie sahen in dem Teenager einen Vertreter "der Araber" - für sie gleichbedeutend mit "den Terroristen", die es zu bekämpfen gilt.

Die Jugendlichen wurden ermordet von Kriminellen, die die Welt in Freund und Feind einteilen. Sie sehen keine Menschen mehr, keine Kinder, sie haben nur noch Augen für den politischen Gegner. Was besonders erschreckend ist: Ihr blinder Hass wirkt ansteckend.

In Israel wie in Palästina ist es derzeit kaum möglich von Zwischentönen zu sprechen. Auf beiden Seiten wird eingeschworen auf bedingungslose Solidarität - wir gegen die. In einem solchen Klima gibt es keinen Platz für Differenzierungen.

Explizit ruft der israelische Premierminister zur "Rache" auf statt zur Besonnenheit. Er bedient die Wut der Wählerschaft mit einem Feldzug der kollektiven Bestrafung. Viele Israelis, die diese Politik kritisch sehen, schweigen derzeit lieber - sie wollen nicht als unpatriotisch gelten. Etwas Hoffnung macht da nur, dass sich die Fraenkel-Familie inzwischen mit den Abu Cheirs solidarisiert hat. Sie erklärte: "Blut ist Blut, Mord ist Mord."

Selbst über die Region hinaus dominiert Freund-Feind-Denken

Auf der palästinensischen Seite schließen sich derzeit die Reihen im Hass. Die martialischen Drohungen der radikalislamistischen Hamas kommen besser an als die versöhnlichen Töne von Präsident Mahmud Abbas. Sein Mitgefühl mit den Familien der israelischen Entführten verstanden viele Palästinenser als Verrat - man beklage die eigenen Opfer, nicht die der anderen.

Selbst über die Region hinaus wirkt diese Schwarz-Weiß-Beschränkung. SPIEGEL ONLINE wird vorgeworfen, kein Mitgefühl mit den jüdischen Teenagern zu haben - weil auch über die politische Instrumentalisierung der Entführung berichtet wurde. Gleichzeitig heißt es von anderen Lesern, die Redaktion berichte zu Israel-freundlich.

Die Jugendlichen wurden zum Ziel, weil sie schwächer waren als ihre Täter. Diese bestraften sie für etwas, das Erwachsene begangen hatten, an die sie jedoch nicht herankamen.

Der Nahost-Konflikt, er wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Monatelang kämpften US-Außenminister John Kerry und die EU für einen Friedensschluss in Nahost. Doch sie scheiterten am Starrsinn der Politiker auf beiden Seiten. Nun werden die Kinder benutzt und missbraucht für politische Zwecke, im Leben und selbst noch im Tod.

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