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Israels Offensive: Deutsche flüchten aus Gaza

Aus Erez berichtet

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Evakuiert: Familie Owaida wird vom Gazastreifen nach Jordanien gebracht

Nur acht Stunden - so klein ist das Zeitfenster, in dem Palästinenser mit doppelter Staatsbürgerschaft Gaza verlassen dürfen. Eine deutsche Familie nutzt die Chance, den Kämpfen zu entkommen. Ob sie je zurückkehren darf?

Am Grenzübergang warten schon die Reisebusse mit rumänischer, ukrainischer und schwedischer Flagge. Ein Teenager im Deutschland-Trikot läuft suchend über den Parkplatz. Auch 33 Deutsche werden flüchten, palästinensischstämmige Deutsche mit ihren Familien.

Für acht Stunden tat sich am Sonntag ein Schlupfloch auf aus dem Gazastreifen. Wer Doppelstaatsbürger ist, hat die Möglichkeit, evakuiert zu werden über den israelischen Grenzpunkt Erez. Die ersten 800, die sich bei der Uno anmeldeten, dürfen über die Grenze. Nach ihnen wird sich das Schlupfloch wieder schließen.

Im Minibus für die Deutschen sitzen schon Fadi Owaida, 34 Jahre, und sein siebenjähriger Sohn Alam. Seine Frau Tahani Owaida, 29 Jahre, hat die zweijährige Carmen auf dem Schoss, die Kleine ist fix und fertig, sie schläft. Morgens um 10 Uhr ging die Ausreise los auf der anderen Seite der Grenze. Dann hieß es, trotz vorheriger Anmeldung, fünf Stunden lang Warten in den israelischen Kontrollen, bis endlich die Familie auf der anderen Seite war.

"Wegen der Kinder gehen wir raus", sagt Tahani Owaida. "Es tut weh zu sehen, wenn sie in wackelnden Betten schlafen." Vergangene Nacht, als drei Bomben nacheinander in einem nur wenige Kilometer entfernten Gebäude einschlugen, rüttelte es die Familie wach. "Ich dachte, ausgerechnet in der letzten Nacht passiert noch was", sagt die 29-Jährige.

Ein Leben in zwölf Stunden einpacken

Seit dem zweiten Tag des Krieges hatte die junge Frau täglich die deutsche Botschaft nach Evakuierungsmöglichkeiten gefragt. An Tag fünf kam abends um 22.10 Uhr der Anruf: Morgen, in zwölf Stunden, geht es los.

Die Grenzen des Gazastreifens werden von Israel und Ägypten abgeriegelt. Früher war ein Hin und Her möglich - die Eltern von Fadi Owaida fuhren regelmäßig zum Urlaub nach Ägypten. Doch als die Hamas 2007 die Macht im Gazastreifen übernahm, machten die Nachbarn vorerst dicht, bis Ägypten wieder anfing, es mal lockerer, mal strenger zu halten.

Zuletzt durften die Owaidas aus Gaza weder auf der einen noch der anderen Seite wieder heraus, obwohl sie deutsche Staatsbürger sind. In Israel dürfen sie nun nicht bleiben. Vom Grenzübergang aus eskortieren sie Israels Sicherheitskräfte direkt nach Jordanien. Und dann wohin?

"Ich weiß nicht", sagt Fadi Owaida. "Vielleicht warten wir eine Woche in Jordanien, ob der Krieg dann vorbei ist und wir zurück können. Es ist nicht leicht, in zwölf Stunden sein Leben hinter sich zu lassen."

Fadi Owaidas Eltern mussten in Gaza bleiben. Um in ihrer Nähe zu sein, war die junge Familie 2011 nach Gaza gezogen. Der Jurist fing dort in der Familienkanzlei an. "Es war schlimm, die Familie zurückzulassen", sagt seine Frau. "Man weiß nicht, ob man sie wiedersehen wird - und wie."

Ob sie zurückkehren, dürfen sie nicht selbst entscheiden

Über 130 Menschen kamen im Gazastreifen inzwischen ums Leben, nach Uno-Angaben sind zwei Drittel davon Zivilisten. Über 1000 wurden verwundet, davon die Hälfte Frauen und Kinder. Auf israelischer Seite gab es bisher keine Toten. Am Samstag wurde ein 16-Jähriger verletzt. Solange die Hamas weiter Raketen nach Israel schießt, will auch Israel das dicht besiedelte Fleckchen Land weiter bombardieren.

"Keiner freut sich über diesen Krieg", sagt Tahani Owaida. "Die Palästinenser nicht, und ich habe den Eindruck; auch die Israelis nicht", sagt sie und zeigt in Richtung der Männer und Frauen in Uniformen am Grenzposten.

Wie viele andere Deutsche noch in Gaza sind, weiß keiner. Manche haben sich nicht bei der Botschaft gemeldet, weil sie bleiben wollen - sie setzen sich lieber dem Risiko des Krieges aus als der Gefahr, niemals die Heimat wiedersehen zu dürfen.

"Wir wissen nicht, ob wir zurückkehren dürfen", sagt die junge Frau. Ob Alam und Carmen ihre Großeltern je wiedersehen werden, bestimmen die israelische und die ägyptische Regierung.

"Wir sind wegen der Angehörigen hingezogen, damit die Kinder dort mit ihnen groß werden, - und nun verlassen wir sie", sagt die junge Frau. Ganz können die Owaidas es noch nicht fassen. Alles ging zu schnell.

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