Mögliche Wahlergebnisse in Israel K.o. oder Koalition

Kann sich Benjamin Netanyahu an der Macht halten? Bei der Wahl in Israel droht ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Premier und Oppositionsführer Herzog. Drei Szenarien für den Ausgang der Abstimmung.

Aus Tel Aviv berichtet


Eigentlich hatte Benjamin Netanyahu vorzeitige Neuwahlen ausgerufen, weil er sich davon günstigere Machtverhältnisse versprach. Doch nun muss Israels Premier bangen, ob er nach der Abstimmung überhaupt noch im Amt ist. In den letzten Umfragen lag seine Likud-Partei hinter dem Zionistischen Bündnis seines Herausforderers Isaac Herzog.

Doch zehn Prozent der Wahlberechtigten waren offenbar zuletzt noch unentschlossen. Der Ausgang der Abstimmung ist damit ungewiss. Die ersten Prognosen werden etwa um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit veröffentlicht, wenn die letzten Wahlbüros schließen.

Obwohl Israel die Hürde auf 3,25 Prozent erhöht hat, dürften auch in die neue Knesset wieder viele Parteien einziehen. Voraussichtlich elf Listen werden sich die 120 Sitze in Israels Parlament teilen. Keine Partei wird wohl allein die nötige Mehrheit von 61 Sitzen haben, vermutlich noch nicht einmal die zwei größten Parteien zusammen. In der Prognose des israelischen Fernsehsenders Channel 10 kam Herzog auf 24 und Netanyahu auf 20 Sitze.

Es wird also nach der Wahl zu schwierigen und wohl wochenlangen Koalitionsverhandlungen kommen.

Auf diese drei Männer kommt es an

Wenn es bei den prognostizierten Ergebnissen bleibt, sind zwei Fragen dafür entscheidend, wer Israels nächster Premier wird:

  • Tendieren die Parteichefs der zwei Mitte-Parteien nach links zu Herzog oder nach rechts zu Netanyahu? Sie könnten insgesamt über 20 Sitze holen. Moshe Kahlon, ursprünglich vom Likud, hat die neue Mitte-Partei Kulanu ("Wir Alle") gegründet. Als Telekommunikationsminister hat er erfolgreich Israels veralteten Mobilfunk-Markt reformiert, die Preise fielen. Nun gilt er als Hoffnungsträger für viele, denen das Leben in Israel zu teuer geworden ist. Auch der Ex-Fernsehsprecher und Ex-Finanzminister Yair Lapid von Yesh Atid ("Es gibt eine Zukunft") will mit diesem Thema punkten.
  • Wen beauftragt Präsident Reuven Rivlin mit der Regierungsbildung? Das Staatsoberhaupt darf entscheiden, wer Koalitionsverhandlungen aufnehmen soll. Israels Gesetz sieht vor, dass Rivlin denjenigen beauftragt, dem er die besten Chancen einräumt. Das kann, aber muss nicht der Chef der stärksten Fraktion sein. Der Präsident kann auch anregen, eine große Koalition zu bilden. Dieser Empfehlung müssen die Parteien jedoch nicht folgen.

Drei Szenarien sind denkbar:

1. Herzog siegt und muss Kompromisse eingehen

Wenn Herzog am Dienstagabend deutlich vor Netanyahu liegt, könnte der Präsident entscheiden, dass er dem linken Politiker eine Chance gibt. Doch nur wenn es der Oppositionschef schafft, die sehr unterschiedlichen Partner zusammenzubekommen, hat er die nötige absolute Mehrheit.

Die linke Meretz-Partei würde sofort mit Herzog koalieren. Denkbar wäre auch die Mitte-Partei Kulanu. Doch dann wird es schwierig: Herzog muss die zwei Parteien der Ultra-Orthodoxen, Shas und Vereinigtes Thora-Judentum, an einen Tisch bekommen mit der Mitte-Partei Yesh Atid - die jedoch die Privilegien der Ultra-Orthodoxen abschaffen will.

Alternativ könnte er zu den Ultra-Orthodoxen die extreme Rechtspartei "Unser Haus Israel" von Außenminister Avigdor Lieberman holen. Doch dann muss er aufpassen, dass ihm die linke Meretz nicht wieder abspringt. Theoretisch wäre für Herzog auch die Vereinte Liste der arabischen Israelis eine Option, die drittstärkste Fraktion werden könnte. Doch dies ist sehr unwahrscheinlich.

2. Netanyahu bildet eine rechts-nationalistische Koalition

Ist der Abstand zwischen Herzog und Netanyahu gering, könnte Präsident Rivlin entscheiden, dass Netanyahu erneut den Regierungsauftrag bekommt. Im Wahlkampf positionierte sich der Premier noch einmal deutlich rechts: Die Schaffung eines palästinensischen Staates lehnte er ab.

Netanyahu würde den charismatischen Naftali Bennett von der religiös-nationalistischen Siedlerpartei "Jüdisches Heim" in seine Koalition nehmen, wahrscheinlich auch Avigdor Lieberman und seine Rechtspartei "Unser Haus Israel". Auch dürfte er wahrscheinlich mit den beiden Ultra-Orthodoxen-Parteien, Shas und Vereinigtes Thorah-Judentum, regieren.

Doch all das reicht noch nicht: Netanyahu müsste noch mindest eine Mitte-Partei mit in seine Koalition nehmen. Moshe Kahlons Kulanu-Partei liegt ihm politisch näher - Kahlon war bis vor kurzem selbst Likud-Mitglied. Netanyahu könnte ihn mit einem wichtigen Posten in seinem Kabinett locken. Die neue rechtsextreme Partei Yahad ("Zusammen") dagegen ist für Netanyahu ein schwieriger Partner: Ihr Chef hat sich mit der Shas überworfen und wird kaum zusammen mit ihr in einer Regierung sitzen wollen.

3. Es gibt eine große Koalition mit zwei Premiers

Empfiehlt Israels Präsident die Bildung einer Einheitsregierung, müssen Herzog und Netanyahu überlegen, ob sie sich zusammenraufen. Dann wäre erst der eine, dann der andere zwei Jahre lang Premierminister.

Netanyahu hat zwar im Wahlkampf eine große Koalition ausgeschlossen. Es ist aber denkbar, dass er das nach dem Votum anders sieht. Für beide Parteichefs würde es allerdings schwierig, ihre Mitglieder von einer solchen Zusammenarbeit zu überzeugen.

Außer dem Zionistischen Lager und Likud müssten noch andere Parteien mitmachen. Naheliegend wären die beiden Mitte-Parteien Kulanu und Yesh Atid. Dazu könnten noch die beiden Ultra-Orthodoxen-Parteien kommen sowie Avigdor Liebermans "Unser Haus Israel".


Zusammengefasst: Bei der Wahl in Israel sieht es nach einem knappen Ausgang zwischen Premier Netanyahu und seinem Herausforderer Herzog aus. Es gibt drei mögliche Szenarien für die Regierungsbildung: Der Regierungschef gewinnt und bildet eine rechts-nationalistische Koalition. Wenn Herzog siegt, müsste er aber bei seinem Bündnis wohl Kompromisse eingehen. Oder beide teilen sich das Amt in einer großen Koalition.

Im Video: Wahlwerbung aus Israel - Zum Terroranschlag links abbiegen

YouTube / Netanyahu

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
auf_dem_Holzweg? 17.03.2015
1. wir alle wissen genau: Koalition bedeutet KO
Koalition ist das Schädlichste was einem Land passieren kann. Selbst ein stabiles Land wie Deutschland geht sicher zugrunde dank selbstgefälliger Personen die sich in einem kurzen Zeitraum sanieren wollen und werden. Niemand überwacht sie, niemand kommt ihnen nahe, sie können quasi ohne jegliche Folgen abgrasen was greifbar ist. Und genau das passiert gerade auch in Deutschland. Die Herrschaften versuchen vom sinkenden Schiff zu retten was zu retten ist - natürlich nur für die eigene Zukunft.
bonngoldbaer 17.03.2015
2. Geduld
Warum kann man mit solchen Kommentaren nicht warten, bis das amtliche Wahlergebnis vorliegt? Profilierungssucht?
Traudhild 17.03.2015
3.
Hoffentlich gibt es wieder eine Außenministerin Livni anstatt des unsäglichen Liebermann`s
theos001 17.03.2015
4.
Sind die richtigen Leute clever, tun sich die 5 Parteien zusammen die in der Skala von links bis zur mitte gehen. Hätten zusammen 64 Sitze, nach der aktuellen Lage. Des weiteren ist die Einbeziehung der Arabischen Liste ein deutliches Zeichen bei der zukünftigen Kooperation von Israelis und Palästinensern, auch was die 2-Staaten-Lösung betrifft.
K.Mett. 17.03.2015
5. kein Kopf-an-Kopf-Rennen
Israel ist keine präsidiale Demokratie wie die USA, sondern eine parlamentarische. Dort werden keine Personen, sondern Parteien gewählt. Weiterhin gibt es kein Mehrheitswahlrecht, sondern ein Verhältniswahlrecht mit einer 3,25% Sperrklausel. => Es sind immer sehr viele Parteien in der Knesset vertreten. Das bedeutet wir dürfen nicht bloß auf die Umfragewerte von Likud und Zionistischer Union schauen, sondern müssen uns die Werte des linken, gemäßigten und konservativen Lagers ansehen. Die Umfragen sehen die zwei linken Parteien bei ca. 30 Sitzen, die fünf konservativen bei etwas über 40 Sitzen.
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