Angeblicher Spion mit deutschem Pass Dr. Seltsam

Kinderarzt, Drogenschmuggler - und Spion? Israels Ex-Energieminister Gonen Segev steht nach Jahren im Exil vor Gericht. Er soll mit dem Erzfeind paktiert haben.

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Israels Justiz hat Anklage erhoben - gegen Gonen Segev, Jahrgang 1956, geboren im beschaulichen Kirjatz Motzkin am Mittelmeer, Partnerstadt von Bad Segeberg und Bad Kreuznach. Der Vorwurf: Spionage für Iran, Hilfe für den Erzfeind in Kriegszeiten und Weitergabe von Informationen mit dem Ziel, die Sicherheit des Staates zu gefährden.

Der Prozess, der am Donnerstag begonnen hat, ist spektakulär - und findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Denn: Segev ist kein einfacher israelischer Staatsbürger, ganz im Gegenteil.

Er war in den Neunzigerjahren Energie- und Infrastrukturminister und saß vier Jahre in der Knesset. Trotz der verhängten Nachrichtensperre sind einige Details in dem Fall bekannt.

Zwei Geheimtreffen in Teheran

Die Behörden verdächtigen ihn, seit 2012 für den iranischen Geheimdienst als Spion gearbeitet zu haben. Teherans Agenten soll er auf der ganzen Welt getroffen haben, zweimal sogar in der Hauptstadt der Islamischen Republik - eigentlich eine No-go-Area für Israelis.

Segev, so heißt es, habe den Iranern unter anderem Informationen über Israels Energiemarkt gegeben, auch über Regierungseinrichtungen mit Hochsicherheitsstatus und Personen aus dem Armee- und Polit-Establishment. Ihm droht bei Verurteilung lange, wenn nicht lebenslange Haft.

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Spektakulärer Prozess: Irans israelischer Spion

Segevs Leben ist nicht erst seit Beginn des Prozesses außer Kontrolle, sondern seit Jahrzehnten von Brüchen gezeichnet. Der gelernte Landwirt und studierte Kinderarzt ging in den frühen Neunzigerjahren in die Politik.

Erst Wunderkind, dann Wendehals

Er trat mit Anfang 30 "Tzomet" bei, einer säkularen, ultranationalistischen Partei unter Führung des hochdekorierten Ex-Generalstabschefs Rafael Eitan, die gegen einen Friedensvertrag mit den Palästinensern war. 1992 zog Segev in die Knesset ein. Er galt als politisches Wunderkind - und überwarf sich nach zwei Jahren aber mit seinem Mentor.

In der Folge gründete er eine neue Splitterpartei mit, wechselte aus der Opposition als Energie- und Infrastrukturminister in die Regierung unter dem damaligen Premier Jizchak Rabin. Kritiker bezeichneten ihn fortan als Wendehals. Denn: Segev half Rabin zur - hauchdünnen - Mehrheit im israelischen Parlament für das "Oslo II"-Abkommen mit den Palästinensern, das einen Wandel durch Annäherung zwischen den Konfliktparteien und eigenes Land für die Palästinenser vorsah.

Das war 1995. Ein Jahr später verließ Segev dann die Politik - und wechselte ohne Karenzzeit in die Privatwirtschaft, Bereich: Energie. Er hatte Erfolg, verdiente viel Geld und nahm am Weltwirtschaftsforum in Davos teil.

Schmuggel von 32.000 Ecstasy-Pillen - mit Schokoguss

2004 wurde aus dem Ex-Politiker endgültig Dr. Seltsam. Israels Verteidigungsministerium beschuldigte ihn, der Regierung von Sri Lanka einen dubiosen Rüstungsdeal vorgeschlagen zu haben. Der Fall blieb folgenlos, dafür bekam er noch im gleichen Jahr in den Niederlanden Ärger.

Die holländischen Behörden erwischten Segev vor einem Flug von Amsterdam nach Tel Aviv dabei, wie er 32.000 Ecstasy-Pillen mit Schokoguss ins Heilige Land schmuggeln wollte. Auch hatte er seinen im Jahr 2000 ausgelaufenen Diplomatenpass gefälscht, handschriftlich aus der letzten Null eine Sechs gemacht.

Da Segev - der den Ermittlern erklärte, er habe die sechs Kilo Ecstasy-Pillen für "M&M"-Schokoladenbonbons gehalten - 2003 bereits wegen versuchten Kreditkartenbetrugs in Hongkong von Israels Justiz zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden war, musste er ins Gefängnis. Fünf Jahre lang saß er ein und verlor seine Approbation als Arzt.

Exil in Nigeria, Festnahme in Äquatorialguinea

Nach seiner Entlassung ging er ins Exil nach Nigeria. In der Hauptstadt Abuja ließ er sich als Arzt nieder. Dort behandelte Segev offenbar nicht nur zahlreiche israelische Botschaftsmitarbeiter und Geschäftsleute aus seiner Heimat, sondern heiratete auch eine Deutsche und erhielt so einen deutschen Pass, mit dem er nach Iran gereist ist.

Welche Informationen Segev dem iranischen Geheimdienst gegeben haben soll und wie wertvoll diese - fast zwei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt - gewesen sein könnten, ist unbekannt.

Fest steht allein, dass er im Mai nach Äquatorialguinea reiste. Die dortigen Behörden ließen ihn aber nicht ins Land - und Israel stellte einen Auslieferungsantrag.

Geheimdienstmitarbeiter brachten ihn in sein Geburtsland, wo er einige Tage in Isolationshaft saß. Nun steht er vor Gericht. Nach der Anklageverlesung wurde der Prozess am Donnerstag auf September vertagt.



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