Israels Umgang mit toten Palästinensern Leichen als Verhandlungsmasse

Israel begräbt die Leichen palästinensischer Attentäter in anonymen Gräbern auf Armeestützpunkten. Menschenrechtler ziehen für die Angehörigen der Toten vor Gericht: Die Familien wollen ihre Söhne als Märtyrer bestatten.

"Ein Friedhof für die Toten des Feindes" steht am Zaun eines israelischen Militärstützpunkts
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"Ein Friedhof für die Toten des Feindes" steht am Zaun eines israelischen Militärstützpunkts

Von Maria Christoph


Nachdem Fadi al-Qanbar den Schusswunden erlegen war, nahmen die Soldaten seine Leiche mit. Der 28-jährige Palästinenser war Anfang Januar mit einem Lastwagen in Ost-Jerusalem in eine Menschengruppe gerast und hatte vier Soldaten getötet, dann wurde er erschossen. Die Armee brachte ihn dann in ein israelisches Leichenschauhaus.

Qanbars Körper zählt zu den insgesamt 249 Leichen, die Israel in dem Konflikt mit den Palästinensern beschlagnahmte und zum Teil auf Militärgebiet vergrub, nachdem sie über Monate in den Kühlhäusern des Abu Kabir Forensic Institute in Jaffa lagerten. Nach Information der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem befinden sich dort derzeit noch immer die Körper von sechs palästinensischen Attentätern, die zwischen April 2016 und Januar 2017 ums Leben kamen.

Laut Genfer Konvention müssen beide Konfliktparteien dafür sorgen, dass die Opfer ehrenvoll und entsprechend den Regeln ihres Glaubens beerdigt werden. Ihre Gräber sollen respektiert, gepflegt und so markiert werden, dass sie von Angehörigen gefunden werden können, heißt es in dem Dokument.

Nur eine Zahl markiert die Stelle, wo Palästinenser begraben sind

Doch Israel begräbt getötete palästinensische Attentäter in abgeschotteten Militärzonen, den sogenannten Friedhöfen der Zahlen. Kein Grabstein, kein Name, nur eine rostige Blechplakette mit verblassten roten Ziffern markiert die Stelle, an der ein Körper vergraben wurde. Dem Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (JLAC), einer von der Uno finanzierten Nichtregierungsorganisation, liegen die Namen von 113 Palästinensern vor, die auf diese Weise begraben wurden. Die Öffentlichkeit hat keinen Zugang zum Militärgelände.

Vier solcher Grabstätten konnten bislang identifiziert werden. Nach Informationen des JLAC soll einer dieser Friedhöfe in der Nähe der Banat-Yacoub-Brücke am Jordan liegen, innerhalb einer Militärzone im Grenzgebiet zwischen Israel, dem Libanon und Syrien. Angeblich gibt es dort 500 Gräber von Palästinensern und Libanesen, die nach 1982 gestorben sind. Ein weiterer Friedhof befinde sich in einer geschlossenen Militärzone im Westjordanland zwischen Jericho und der Adam-Brücke über dem Jordan. Umrandet von einer Mauer mit einem Metalltor, erkenne man den Ort nur an einem Schild mit den hebräischen Worten "Ein Friedhof für die Toten des Feindes".

Trauerfeier für erschossenen Palästinenser
AFP

Trauerfeier für erschossenen Palästinenser

Qanbars Familie meldete sich nach dem Attentat ihres Sohnes beim JLAC. Der Fall liegt seitdem auf dem Tisch von Salwa Baker Hammad, die eine Kampagne zur Rückgabe der Toten koordiniert. An den Wänden ihres Büros hängen Plakate mit den Gesichtern verstorbener Palästinenser, meist junge Männer, deren sterbliche Überreste bis heute in israelischen Händen sind. Die 29-Jährige tritt für ihre Familien vor das Oberste Gericht Israels, sie organisiert Demonstrationen und Boykottaktionen.

Frostspuren an den Wangen der Toten

2012 erreichte Hammad durch eine Klage die Rückgabe von 91 palästinensischen Leichen. Im letzten Jahr wurden aufgrund einer Petition des JLAC sieben verstorbene Palästinenser ausgehändigt. Darunter befanden sich neben den Überresten von Selbstmordattentätern, die sich während der Zweiten Intifada ab dem Jahr 2000 in die Luft sprengten, auch Menschen, die mit ihrem Auto, mit Messern oder Steinen Israelis auf der Straße angriffen und Zivilisten, die bereits in den Siebzigerjahren ums Leben kamen.

Werden die Körper der verstorbenen Palästinenser schon nach wenigen Wochen zurückgegeben, tragen die Toten Frostspuren auf den Wangen. Auf ihrem Rückweg in die palästinensischen Gebiete werden sie in Krankenwagen durch die militärischen Checkpoints geschleust. Die Überreste werden danach in Krankenhäuser gebracht. Mit einem DNA-Test muss dort ihre Identität ermittelt werden, falls ihre Angehörigen zum Zeitpunkt der Identifikation bereits tot sind.

Die Rückgabe der Toten ist heikel. Eine Beerdigung muss schnell und privat ablaufen, um möglichst wenig Aufsehen zu erwecken oder Nachahmer zu Taten zu animieren, so lauten die Bedingungen der israelischen Regierung. Doch als Israel Ende 2015 Leichen aushändigte, feierten die Palästinenser in Hebron die Bestattung von 14 Attentätern wie einen Sieg über die Besatzer und die Verstorbenen als Helden des Widerstands. Hunderte trafen sich zum gemeinsamen Gebet in einem Stadion neben der Al-Hussein-Moschee, sie säumten die Straßen oder marschierten zum Märtyrerfriedhof "Al-Schuhada". Die Mutter eines Attentäters, Anas Hammad, habe Wochen für die Rückgabe der Leiche ihres Sohnes gebetet, eine öffentliche Bestattung war ihr wichtig, sagte sie gegenüber der US-Hörfunkgruppe NPR: "Alle Märtyrer sind unsere Kinder, die Kinder Palästinas."

Konflikt zwischen Regierung und Armee in Israel

Bei der Verhandlung über zehn palästinensische Leichen im Dezember 2016 fällte die Regierung eine ungewöhnliche Entscheidung: Grund dafür waren Unstimmigkeiten zwischen Verteidigungsminister Avigdor Lieberman und einem Vertreter der Armee in der Sicherheitskabinettsitzung, schreibt die israelische Tageszeitung "Haaretz". Generalmajor Nitzan Alon, Chef des Zentralkommandos der israelischen Armee, forderte die Rückgabe der Toten an ihre Familien. Die Beschlagnahme der Körper erzeuge nur weitere Spannungen im Konflikt, anstatt Anschläge zu verhindern.

Regierung und Armee einigten sich schließlich darauf, dass die Körper von Mitgliedern der islamistischen Hamas nicht an ihre Familien zurückgegeben werden sollten, die von Angreifern anderer Gruppierungen oder von Zivilisten allerdings schon. Drei der zehn Verstorbenen, über die im Dezember verhandelt wurde, gehörten der Hamas an und blieben in israelischer Hand.

Die Hamas hält im Gazastreifen die Leichen von zwei israelischen Soldaten in ihrem Besitz, die während des jüngsten Kriegs im Sommer 2014 getötet wurden. Zudem sind dort zwei Israelis gefangen, die 2014 und 2015 freiwillig nach Gaza gingen. Die beiden Männer sind angeblich psychisch krank. Die Leichen von Hamas-Kämpfern sollen erst in einem Tauschhandel gegen die Israels zurückgegeben werden, sagt die Regierung.

Keine Stellungnahme von israelischer Seite

Menschenrechtler kritisieren diese Taktik: "Für uns gibt es keinen legitimen Grund für Israels Strategie, Leichen zu beschlagnahmen", sagt ein Sprecher von B'Tselem. Salwa Baker Hammad sieht in dem Vorgehen Israels eine Kollektivstrafe für die Palästinenser: "Sie sollen abgeschreckt werden, sie sollen denken: Meine Familie wird leiden, wenn ich eine ähnliche Tat begehe." Andererseits schüre das neue Wut gegenüber Israel. Angehörige nicht traditionell beerdigen zu können, sei für die Familien erniedrigend.

Die Rückgabe der Leiche von Fadi al-Qanbar an seine Familie sei ausgeschlossen, teilte Israels Verteidigungsministerium mit, obwohl Verbindungen zu extremistischen Organisationen bislang nicht nachgewiesen werden konnten.

Auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE zum Umgang mit verstorbenen palästinensischen Attentätern reagierte das israelische Verteidigungsministerium mit einem Verweis an den Geheimdienst Schin Bet, der Schin Bet wiederum leitete unsere Anfrage an die Polizei und die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) weiter. Beide verwiesen in dieser Angelegenheit erneut an das Verteidigungsministerium. Eine Stellungnahme bleibt bislang aus.



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