Nahost Israel friert Steuergelder der Palästinenser ein

Die Uno hat Palästina als Staat anerkannt - und Israel reagiert harsch: Erst genehmigt Jerusalem den Neubau Tausender Wohnungen für Siedler im Westjordanland, jetzt werden auch noch Steuergelder der Palästinenser einbehalten. Es geht um 100 Millionen Euro.

Israels Premier Netanjahu: Geldmittel werden einbehalten
Getty Images

Israels Premier Netanjahu: Geldmittel werden einbehalten


Jerusalem - Israel reagiert hart auf die Anerkennung Palästinas als Beobachterstaat durch die Vereinten Nationen. Nach der Ankündigung eines weiteren Siedlungsausbaus sollen nun auch Steuergelder der Palästinenser in Höhe von umgerechnet knapp 100 Millionen Euro einbehalten werden.

Die israelische Regierung wies den Uno-Beschluss zu Palästina am Sonntag einstimmig zurück. Den Protest der Westmächte gegen einen Ausbau der Siedlungen ignorierte sie. Dessen ungeachtet wurde Palästinenserpräsident Mahmud Abbas am Sonntag bei seiner Rückkehr in Ramallah begeistert als Held gefeiert.

Der israelische Finanzminister Juval Steinitz sagte, die einbehaltenen Geldmittel würden von Stromschulden der Palästinenserbehörde abgezogen. Nach israelischen Angaben hat die Palästinenserbehörde eine Milliarde Schekel (etwa 200 Millionen Euro) Schulden in Israel, davon 800 Millionen bei der Stromgesellschaft.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beharrte am Sonntag auf Plänen zum Ausbau von Siedlungen in Ost-Jerusalem und dem Westjordanland. "Wir bauen heute in Jerusalem und werden dies weiter tun, genau wie an allen Orten, die sich auf der Landkarte Israels strategischer Interessen befinden", sagte er während der wöchentlichen Kabinettssitzung.

Scharfe Kritik der USA, Großbritanniens und Frankreichs

Die israelische Regierung hatte nach der Anerkennung Palästinas durch die Uno-Vollversammlung den Bau von 3000 Wohneinheiten in Gebieten angekündigt, die während des Sechstagekrieges von 1967 erobert wurden. Dies stieß bei den Außenministern der USA, Frankreichs und Großbritanniens auf deutliche Kritik.

Der britische Außenminister William Hague meldete sogar Zweifel an Israels Willen zum Frieden an. "Die israelischen Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal und zerstören das Vertrauen zwischen den Parteien", sagte er am Samstag. Der französische Außenminister Laurent Fabius erklärte, die Siedlungen würden die territoriale Ausdehnung eines künftigen palästinensischen Staates einschränken. Die israelischen Behörden sollten stattdessen den "klaren Willen bezeugen, die Verhandlungen wiederaufzunehmen".

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte bereits am Freitagabend betont, die Ankündigung der israelischen Regierung gefährde alle Bemühungen um eine Verhandlungslösung im Konflikt mit den Palästinensern. Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstrich in ihrem Video-Podcast lediglich, dass die Bundesregierung für eine Zwei-Staaten-Lösung eintrete. "Deshalb sind wir auch der Überzeugung, dass Friedensgespräche schnellstmöglich wieder begonnen werden sollten." Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "extrem besorgt" über die Siedlungspläne.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich äußerst besorgt über den geplanten Bau von neuen israelischen Wohneinheiten in den Palästinensergebieten gezeigt. Er habe mit "großer Sorge und Enttäuschung" von den Planungen erfahren, sagte Ban laut einer Mitteilung am Sonntag in New York. Ost-Jerusalem würde durch den Bau fast komplett vom Westjordanland abgeschnitten. "Das würde quasi einen tödlichen Schlag für die Chancen auf eine Zwei-Staaten-Lösung bedeuten", sagte Ban. Er rief Israel auf, die Siedlungspläne wieder aufzugeben und forderte alle Beteiligten zur Rückkehr zu Verhandlungen und zu verstärkten Bemühungen um einen anhaltenden Frieden auf.

"Die Welt ist mit uns"

Die israelische Regierung stimmte am Sonntag geschlossen gegen die UN-Entscheidung zu Palästina. "Die Entscheidung (der Uno) wird keine Basis für künftige Friedensverhandlungen darstellen und bringt die Bemühungen um eine friedliche Regelung nicht weiter", hieß es unter anderem in der Entschließung der Regierung. Israel habe ein "Recht und Ansprüche auf die umstrittenen Gebiete" des historischen Palästinas. Netanjahu sagte, es werde ohne eine Gewährleistung der israelischen Sicherheit keinen Palästinenserstaat geben.

Abbas wurde unterdessen bei seiner Rückkehr in Ramallah von Tausenden Menschen begeistert gefeiert. "Die Welt ist mit uns", rief Abbas der Menge zu, die Palästinenserflaggen schwenkte. Palästina sei jetzt zum Staat geworden. Ost-Jerusalem sei die ewige Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaates, sagte Abbas.

Im Gazastreifen kam es unterdessen erneut zu Gewalt: Am Samstag wurde zum zweiten Mal seit Beginn der Waffenruhe zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas ein Palästinenser am Grenzzaun erschossen. Nach Augenzeugenberichten wurde der 21-Jährige bei einer gewalttätigen Demonstration an der Sperranlage tödlich getroffen. Weitere elf Menschen seien verletzt worden.

Ein Hamas-Sprecher teilte am Sonntag mit, Israel werde erstmals seit sechs Jahren die Einfuhr von Baumaterial in den Gazastreifen erlauben. Dies sei unter ägyptischer Vermittlung vereinbart worden.

wal/dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 148 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wie-bitte 02.12.2012
1. Meinung erlaubt?
Wenn ich jetzt meine Meinung über das Verhalten der israelischen Regierung äußern würde, würde ich wieder mal, wie alle, die die israelische Regierungspolitik kritisieren, als Antisemit bezeichnet. Ich sage es trotzdem: diese Reaktionen der israelischen Regierung sind typisch. Und sie sind wieder einmal (ganz gezielt?) einen Frieden abträglich.
alyeska 02.12.2012
2. Ungeliebtes Israel
Die Welt hat Israel zu Recht gezeigt, was sie von diesem höchst arroganten und ignoranten Staat hält. Als Trotzreaktion baut Netanjahu weiter Siedlungen. Hoch lebe der Friedensprozess.
antikeule 02.12.2012
3. ...
Zitat von sysopDie Uno hat Palästina als Staat anerkannt - und Israel reagiert harsch: Erst genehmigt Jerusalem den Neubau Tausender Wohnungen für Siedler im Westjordanland, jetzt werden auch noch Steuergelder der Palästinenser einbehalten. Es geht um 100 Millionen Euro. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-friert-steuergelder-der-palaestinenser-ein-a-870535.html
"Scharfe Kritik der USA, Großbritanniens und Frankreichs" Langsam sollte jeder gemerkt haben, dass die westlichen Regierungen nur reden um ihre Wähler ein zu lullen. Wer kann nach nunmehr Jahrzehnten davon ausgehen die westlichen Geheimdienste wüssten nicht was die israelische Regierung mit der Äusserung „Israel habe ein „Recht und Ansprüche auf die umstrittenen Gebiete" des historischen Palästinas.“ meint. In Syrien konnte man doch sehen wie schnell Sanktionen gesprochen worden sind, als man Verbrechen vermutete. Es wäre ehrlicher von unseren Regierungen wenn sie reinen Tisch machen würden, anstatt leere Worthülsen von sich zu geben. Zudem wäre es an der Zeit die Zahlungen an Palästina einzustellen. Diese Hilfsgelder sind so oder so auch Hilfen für Israel da normalerweise ein Besatzer für die Besetzten aufkommen müsste.
metallix 02.12.2012
4. Sehr gute Entscheidung...
...der Bundesregierung und aller anderen Israel Unterstuetzernationen saemtliche Unterstuetzung mit sofortiger Wirkung bis zum Rueckzug in die urspruenglichen Grenzen und Unterzeichnung eines Friedensvertrages einzustellen. Den Palaestinensern eine unbegrenzte Unterstuetzung mit Kriegsmaterial zuzusichern halte ich zwar fuer etwas gewagt, es ist aber wohl unter den gegenwaertigen Umstaenden angebracht.
Bernadotte 02.12.2012
5. optional
Vielleicht eine überzogene Reaktion, aber irgendwie auch nachvollziehbar, solange weder Hamas noch Fatah das Existenzrecht Isarels anerkennen wollen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.