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15. November 2012, 16:31 Uhr

Israels Offensive gegen Hamas

Twitter-Krieg um Gaza

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Der jüngste Konflikt zwischen Israel und der Hamas eskaliert auch im Web. Nach dem Angriff auf den Gaza-Streifen liefern sich die Kontrahenten eine Propaganda-Schlacht auf Twitter. Jerusalem hat aus Fehlern gelernt und kämpft jetzt gezielt um Bilder und Schlagzeilen.

Gaza-Stadt - Es ist das erste Mal, dass die neue PR-Abteilung der israelischen Armee zeigen konnte, was sie zu bieten hat. Auf Twitter setzten die Militärs am Mittwoch den Krieg fort, kurz nachdem eine israelische Rakete ein Auto in die Luft jagte, in dem der Militärchef der Hamas, Ahmed al-Dschabari, saß. Es folgte ein Link zum Video, das den Raketenangriff zeigen soll, und die Erklärung: "Wir empfehlen Hamas-Mitgliedern, egal ob niedrig- oder hochrangige Chefs, ihren Kopf in den kommenden Tagen unten zu halten."

Über ihren Twitter-Account antworteten Hamas-Kämpfer ebenso martialisch: "Unsere gesegneten Hände werden eure Anführer und Soldaten erreichen, wo auch immer sie sein mögen (Ihr habt euch selbst die Tore zur Hölle geöffnet)."

Stundenlang hielten beide Seiten ihre Follower live über den Fortgang des Krieges auf dem Laufenden. Um drei Uhr morgens Ortszeit legte sich der Hamas-Twitterer offenbar schlafen, während in Israel wohl die Nachtschicht übernahm - strategisch geschickt, schließlich steuerte man in den USA erst noch auf die Abend-Fernsehsendungen und den Druckschluss der Zeitungen zu.

Israels PR-Debakel

Es ist eine alte Maxime, dass die Wahrheit im Krieg als Erstes stirbt. Daran haben auch die Zeiten des Sofort-Journalismus im Internet nichts geändert, im Gegenteil. Für die Konfliktparteien ist es essentiell, mit ihrer Sichtweise der Dinge sofort auf allen Kanälen präsent zu sein - und da hatte Jerusalem einiges aufzuholen.

Seitdem hat die israelische Armee aufgerüstet an der Medienfront. Eigene Kameramänner sollen die Soldaten im Krieg begleiten. 2009 wurde eine neue Einheit gegründet - besetzt anfangs mit knapp einem Dutzend junger Leute, die als computerbegeistert galten. Rund um die Uhr twittert, bloggt und postet die neue Einheit für soziale Netzwerke der israelischen Armee - und das auch noch mehrsprachig.

Sie befüttern Blog, Facebook-Seite, Tumblr, Twitter-Accounts und YouTube-Seite der israelischen Armee. Hin und wieder sind ihre Tweets auch grenzwertig. "James Bond hat ein paar nette Gadgets, aber unsere sind besser. Bond, schau dir das an und du wirst heulen", hieß es neulich mit einem Link auf Militärgerät der israelischen Armee.

Junge Online-Krieger

Während der aktuellen Gaza-Attacke agieren die jungen Online-Krieger allerdings ganz wie alte PR-Hasen. Im Minutentakt wird scheinbar objektive Hintergrundinformation geliefert, etwa eine Kurzbiografie zum getöteten al-Dschabari, in der er als Terrorist bezeichnet wird und in der die Verfasser ausblenden, dass man den Hamas-Militärchef jahrelang als zuverlässigen Verhandlungspartner akzeptierte.

Auch werden Fotos von Flugblättern getwittert, die man im Gaza-Streifen abgeworfen hat, um Zivilisten zu warnen. Die Botschaft: Die israelische Armee schaltet mit chirurgischer Präzision Bösewichte aus und tut alles, um Unschuldige zu schützen.

Die Hamas-Kämpfer zeigten unterdessen auf Twitter kommentarlos Fotos, auf denen Babys zu sehen sein sollen, die bei den israelischen Angriffen ums Leben kamen. Sie twitterten, ihre eigenen Raketen-Angriffe richteten sich ausschließlich auf militärische Ziele in Israel. Die Israelis konterten mit Meldungen über zivile Opfer auf ihrer Seite.

Wie erfolgreich die neue israelische Internet-Offensive ist, muss sich erst noch zeigen. Einen ersten kleinen Sieg konnten die Palästinenser einfahren: Das Video der israelischen Armee, das den Raketen-Angriff auf den Hamas-Militärchef zeigte, wurde inzwischen von YouTube entfernt. Offenbar gingen Beschwerden ein, das Video verstoße gegen die Nutzungsbedingungen - Gewaltszenen will die Plattform nicht zeigen.

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