Israel gegen Iran Der Krieg zwischen den Kriegen

Iran baut seine militärische Präsenz in Syrien aus - und provoziert mit einem Drohnenflug über Israel. Die Eskalation am Wochenende hat gezeigt: Die Gefahr eines Kriegs zwischen beiden Staaten wächst.

AP

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Die israelischen Piloten der F-16I-Kampfjets hatten einen Auftrag am Samstagmorgen: Angriff. Ihr Ziel war das Flugfeld T4, tief in Syrien gelegen, unweit der antiken Oasenstadt Palmyra.

Von dort aus war zuvor eine hochmoderne iranische Drohne gestartet und in den israelischen Luftraum eingedrungen. Ein Apache-Helikopter fing das Fluggerät über der israelischen Kleinstadt Bet Schean im Jordantal schließlich nach eineinhalb Minuten ab.

Die Drohne soll israelischen Medienangaben zufolge ein Duplikat des US-amerikanischen RQ-170-Modells sein. Dieses trägt den Spitznamen "Biest von Kandahar", da es die US Air Force unter anderem über der gleichnamigen afghanischen Stadt einsetzte.

Lebensversicherung: Schleudersitz

Das israelische Flugzeuggeschwader - bestehend aus acht Kampfjets - geriet nach der Bombardierung der mobilen Startvorrichtung der Drohne und der Leitstelle unter Beschuss der syrischen Flugabwehr. Die Truppen von Diktator Baschar al-Assad feuerten eine ganze Salve von mehr als 20 SA-5- und SA-17-Luftabwehrraketen. Ein Geschoss explodierte neben einem israelischen F16I-Jet, der Pilot und sein Navigator retteten sich mit dem Schleudersitz.

Der Kampfjet stürzte im Norden Israels ab, unweit des zwischen Haifa und Nazareth gelegenen Kibbuz Harduf. Die Luftwege zwischen Israel und Syrien sind kurz. Pilot und Navigator überlebten verletzt - gerieten aber nicht in Gefangenschaft des syrischen Regimes oder seiner Verbündeten.

Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ein israelischer Kampfjet abgeschossen wurde. Seit den Siebzigerjahren verfügte Jerusalems Luftwaffe über die uneingeschränkte Lufthoheit im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Schließlich waren die modernen israelischen Flugzeuge den arabischen Flugabwehrsystemen stets haushoch überlegen.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat die israelische Luftwaffe nach eigenen Angaben "Tausende" Einsätze über Syrien geflogen. Offenbar war der Abschuss am Samstag eine Art Glückstreffer der syrischen Luftabwehr. Jedenfalls gibt es bislang keine Hinweise, dass die russische Armee, die moderne S-300 und S-400-Systeme in Syrien stationiert hat, an den Ereignissen beteiligt war.

"Maulwurfsgrille" und "Obstgarten"

Die israelische Luftwaffe bombardierte am Samstag als Reaktion auf den Abschuss seines Flugzeugs Dutzende Stellungen der syrischen Streitkräfte und des iranischen Militärs. Die israelische Armeeführung geht davon aus, dass dabei knapp die Hälfte der syrischen Luftabwehrbatterien zerstört wurde.

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Tomer Bar, Stabschef der israelischen Luftwaffe, bezeichnete den komplexen Einsatz als "bedeutendsten Angriff seit 1982" - ein Hinweis auf die Operation "Maulwurfsgrille 19" zu Beginn des Ersten Libanonkriegs. Israel zerstörte damals in weniger als 48 Stunden fast 80 syrische Kampfjets und nahezu alle syrischen Boden-Luft-Raketenbatterien, die im Libanon stationiert waren. Die Operation gilt als eine der größten Luftschlachten seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Superlativ, mit dem Israel die Mission bezeichnet, wirft Fragen auf. Immerhin zerstörten israelische Jagdbomber im September 2007 in der "Operation Obstgarten" den syrischen Reaktor al-Kibar. Dort soll das Assad-Regime ein militärisches Atomprogramm unterhalten haben. Israel misst den Ereignissen vom Samstag offenbar eine noch größere Bedeutung zu als der "Operation Obstgarten".

Offener militärischer Schlagabtausch

Der Vielfrontenkrieg in Syrien ist damit seit diesem Wochenende um eine weitere Facette reicher. Zum ersten Mal seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor sieben Jahren lieferten sich die beiden Erzfeinde Iran und Israel einen offenen militärischen Schlagabtausch in Syrien.

Machtverteilung in Syrien
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Die israelische Armee bezeichnet solche Gefechte als "Krieg zwischen den Kriegen": Missionen, die das Ziel haben, den Feind zu schwächen und damit den nächsten Krieg mit einem feindlichen Staat zumindest hinauszuzögern. Dass ein Krieg gegen Iran oder die mit Teheran verbündete Hisbollah-Miliz nur eine Frage der Zeit ist - darüber herrscht in Israels Regierung und Armee weitgehend Einigkeit.

Paradoxerweise herrscht eigentlich ebenfalls Konsens darüber, dass derzeit keine Partei Interesse daran hat, den Konflikt zwischen Iran und Israel genau jetzt eskalieren zu lassen. Schließlich ist Iran noch immer beschäftigt, das Überleben des Assad-Regimes in Syrien militärisch zu sichern. Und Teherans wichtigster Verbündeter, die Hisbollah, hat Tausende Kämpfer im Syrienkrieg verloren - bräuchte also eigentlich erst einmal Zeit, um sich neu aufzustellen.

Israel hat Iran gewarnt

Israel hat zuletzt fast im Wochentakt Ziele der syrischen Armee und der Hisbollah in Syrien angegriffen. Parallel dazu hat Premier Benjamin Netanyahu in unzähligen Gesprächen mit Wladimir Putin, dem mächtigsten Partner der Regierungen in Damaskus und Teheran, darauf gedrängt, seinen Einfluss geltend zu machen. Iran solle in Syrien nicht weiter rüsten - so seine Forderung. Ohne Erfolg.

Der gutinformierte israelische Journalist Barak Ravid berichtet, dass zuletzt Diplomaten aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani Warnungen aus Israel übermittelten. Sie hätten die klare Botschaft überbracht, dass Israel die iranischen Militäraktivitäten in Syrien nicht hinnehmen werde. Doch wahrscheinlich ist Rohani gar nicht der richtige Ansprechpartner. Für die iranischen Operationen sind die Revolutionswächter verantwortlich - und die sind Revolutionsführer Ali Khamenei unterstellt.

Die Führung in Teheran weiß, dass Israel keine iranischen Drohnen an seinem Himmel dulden kann - schließlich könnten diese auch bewaffnet sein. Trotzdem hat sich Iran zu dieser erneuten Provokation entschlossen, um Israels rote Linien zu testen. Offenbar herrscht beim Regime in Iran die Überzeugung, dass der Nutzen seiner gegen Israel gerichteten Operationen die Kosten übersteigt. So lange das so bleibt, ist die nächste Runde in diesem Krieg zwischen den Kriegen nur eine Frage der Zeit.

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