Israel gegen Syrien Bereit für den Krieg, den keiner will

Kampfbereit an der Grenze: Syrien und Israel stehen sich hochgerüstet gegenüber - beide Armeen sind auf einen Krieg vorbereitet. Wie Syrien auf Israels angebliche Luftraumverletzung vor einigen Stunden reagiert, wird über Krieg oder Frieden entscheiden.

Von Ulrike Putz, Kairo


Die syrische Darstellung ist eindeutig: Israelische Kampfjets werfen Munition über Nordsyrien ab. Die syrische Armee antwortet mit Flugabwehrraketen. Die Lage ist extrem gespannt.

Ob sich der vermeintliche Zwischenfall zwischen den beiden verfeindeten Staaten in der vergangenen Nacht tatsächlich so abgespielt hat - das ist noch unklar. Doch klar ist: Syriens Anschuldigungen könnten der Windstoß sein, der einen Konflikt entfacht, der schon den ganzen Sommer schwelt.

Israelischer Kampfjet: Gut gepflegte Feindschaften
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Israelischer Kampfjet: Gut gepflegte Feindschaften

Kaum ein Tag in den vergangenen Monaten, an dem die israelische Presse nicht über die Möglichkeiten eines Krieges mit dem benachbarten Syrien spekuliert hat. In schöner Regelmäßigkeit kamen Vertreter der verschiedenen Denkschulen zu Wort: Hier ein hochrangiger Militär, der glaubt, dass Syrien einen Krieg will. Dort ein anderer Offizier, der glaubt, dass Syrien überzeugt ist, dass Israel einen Krieg will - und deshalb selbst einen starten könnte. Zwischendrin ein Hardliner, der die Meinung vertritt, Israel sei mit einem Angriff auf Syrien gut beraten. Und schließlich Vertreter der Gemäßigten, die fürchten, dass durch all die Unkenrufe ein Krieg am Ende herbeigeredet wird.

Die beiden Regierungen übten sich derweil abwechselnd in Säbelrasseln und beschwichtigenden Worten. Sie haben in den vergangenen Wochen Truppen und Waffearsenale an ihre Grenzen verlegt und dort Manöver abgehalten. Gleichzeitig versicherten beide Seiten, man reagiere damit nur auf die Kriegsvorbereitungen des Gegners.

Angst vor der zweiten Front neben dem Gaza-Streifen

So sprach Syriens Vizepremierminister Faruk Schara Mitte August davon, dass Syrien keinen Krieg starten wolle - aber immer bereit sei, sich gegen eine israelische Aggression zu verteidigen. Die Antwort aus Jerusalem kam prompt. "Israel hat kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, aber wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor", sagte Ministerpräsident Ehud Olmert.

Eigentlich können weder Syrien noch Israel ein Interesse daran haben, zu diesem Zeitpunkt einen Krieg mit dem jeweiligen Nachbarn vom Zaun zu brechen. Die erste Sorge des israelischen Militärs ist der Gaza-Streifen, seit dort die Hamas die Macht übernommen hat. Verteidigungsminister Ehud Barak spricht offen davon, dass eine Invasion des Landstrichs notwendig sein könnte, um die Herrschaft der Islamisten zu brechen – eine zweite Front mit Syrien wäre da massive Belastung.

Syriens Regime wiederum ist schwach und dürfte eine potentielle Niederlage nicht überleben. Statt einer bewaffneten Auseinandersetzung hat Baschar al-Assads Regierung in den vergangenen Monaten deshalb diskret über Mittelsmänner das Gespräch mit den Israelis gesucht.

Syrien fordert seine 1967 während des Sechs-Tage-Kriegs von Israel besetzten Golan-Höhen zurück und hat darum immer wieder das Gespräch mit Israel gesucht - kam aber seit 2000 nicht voran. Dass Olmert jüngst dem syrischen Präsidenten Assad eine Wiederaufnahme von Friedensgesprächen anbot, war da zunächst ein gutes Zeichen.

Lange trainierte Beißreflexe

Wenn es jetzt zur Eskalation des Konfliktes käme, läge das allein in der gepflegten Feindschaft beider Staaten begründet - das Problem ist, dass die lange trainierten Beißreflexe immer noch funktionieren.

Israels Bemühungen, seine Armee durch intensive Manöver in Bestform zu bringen, ist vor allem auch eine Botschaft nach innen. Nach der harschen Kritik an der Leistung des Militärs im Libanon-Krieg vor einem Jahr will die Truppenführung das Vertrauen in die Landesverteidigung wiederherstellen.

Dass Syrien in den vergangenen Monaten Waffensysteme an seiner Grenze installiert hat, werten wohlwollende Stimmen in der israelischen Militärführung bloß als lange geplante Aufstockung des veralteten syrischen Arsenals. Die Hardliner unter Israels Generälen sehen darin allerdings eine gezielte Provokation.

Die Diskussion um Krieg und Frieden reicht bis in den vergangenen Sommer zurück. Schon kurz nach dem Ende des Libanon-Kriegs hatte Israel einen Krieg mit Syrien nicht ausgeschlossen. Denn der israelische Plan, die schiitische Hisbollah-Miliz im Südlibanon entscheidend zu schwächen, war nicht aufgegangen. Also rückte Syrien gemeinsam mit Iran als Waffenlieferanten und Schutzmacht der Hisbollah ins Fadenkreuz.

Syrien hat den Schlüssel in der Hand

Israel will verhindern, dass weiter Waffen aus Iran durch Syrien in den Libanon geschmuggelt werden. Das Ziel, die Schiiten-Miliz auszuschalten, folgt einer strategischen Überlegung, die weit in die Zukunft reicht. Die USA und ihre Verbündeten könnten es in den kommenden Monaten und Jahren für notwendig halten, Iran mit Gewalt an der Produktion von Atomwaffen zu hindern.

Solange aber die Hisbollah als Handlanger bestens ausgebildet und bestens bewaffnet direkt an Israels Nordgrenze sitzt, könnte ein Erstschlag gegen Iran einen massiven Angriff der Miliz gegen Israel zur Folge haben.

Was auch immer in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag im Luftraum über Syrien passiert ist: Syrien hat sich entschieden, die Ereignisse als Drohgebärde zu werten. Mohsen Bilal, Informationsminister in Damaskus, verkündete heute Nachmittag, dass Israel letztlich keinen Frieden wolle. "Ohne Aggression, Verrat und militärische Drohgebärden kann es nicht überleben", sagte der Minister.

Sein Land behalte sich nun die "Qualität, Art und Natur der Antwort auf den israelischen Angriff vor." Es ist also an Syrien, seine Karten auf den Tisch zu legen und eine Entscheidung zu fällen: für Krieg oder Frieden. Die Antwort aus Damaskus wird zeigen, wer das Pokerspiel in Nahost richtig bewertet hat.

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