Neue Front Golanhöhen Israel unterstützt indirekt Dschihadisten

Die Golanhöhen sind zum Kriegsschauplatz geworden. Syrer, Libanesen, Iraner und Israelis mischen in der Pufferzone mit. Israel bekämpft dort eine Terrororganisation - und hilft gleichzeitig einer anderen.

Israelische Soldaten auf dem besetzten Teil der Golanhöhen: Grenze mit Syrien wird für Israel zur nächsten Front
AP

Israelische Soldaten auf dem besetzten Teil der Golanhöhen: Grenze mit Syrien wird für Israel zur nächsten Front


Berlin - Die Uno-Soldaten auf den Golanhöhen konnten erstaunliche Flugmanöver beobachten: Zwei israelische Drohnen stiegen am Sonntag über der eigentlich entmilitarisierten Pufferzone auf. Sie flogen nach Nordwesten in Richtung der Stützpunkte der syrischen Armee. Plötzlich stieg Rauch auf. Die israelischen Drohnen kamen zurück und landeten wieder in Israel.

Woher kam der Rauch? Die libanesische Hisbollah meldete, dass fünf ihrer Kämpfer auf den syrischen Golanhöhen getötet wurden. Hisbollah-nahe Medien berichteten, dass zudem auch sechs iranische Militärs getroffen wurden. Iran bestätigte lediglich den Tod eines Generals auf dem Golan.

Israelische Drohnen, die libanesische Hisbollah, iranische Revolutionsgarden? Ziemlich viele Bewaffnete für ein Grenzgebiet, in dem sich eigentlich nur die Soldaten der Uno-Mission Undof aufhalten dürfen - und keine anderen Kämpfer.

Die Pufferzone auf den Golanhöhen: Im Osten Syrien, im Westen Israel, im Norden der Libanon
Uno

Die Pufferzone auf den Golanhöhen: Im Osten Syrien, im Westen Israel, im Norden der Libanon

Die einst so ruhige Pufferzone - 235 Quadratkilometer Hügellandschaft, Schafe, ein paar Dörfer - ist zum Kriegsschauplatz geworden und für Israel zur nächsten gefährlichen Front.

Am Donnerstag hat das Nordkommando der israelischen Streitkräfte die höchste Alarmstufe ausgerufen. Generalstabschef Benny Gantz sagte eine geplante Reise zur Nato nach Brüssel ab. Die US-Botschaft in Tel Aviv warnte ihre Staatsbürger vor Reisen auf den Golan.

Seit 2014 tobt der syrische Bürgerkrieg mitten in der Pufferzone: Manche Dörfer und Straßen-Checkpoints sind in der Hand syrischer Aufständischer, andere in der Hand der syrischen Armee. Eine klare Frontlinie gibt es nicht.

Die wichtigste Gruppe von Aufständischen auf den Golanhöhen ist die Nusra-Front, der syrische Ableger von al-Qaida. Man könnte annehmen, dass Israel die sunnitischen Radikalen für eine Bedrohung hält. Doch die Undof-Berichte legen das Gegenteil nahe.

Viermal im Jahr unterrichtet Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon den Uno-Sicherheitsrat über den Verlauf der Mission. Eine Auswertung seiner Berichte für 2014 (Stand: bis zum 19. November) ergibt:

  • Angriffe auf Israel: Mindestens dreimal wurde versucht, von der Pufferzone aus Sprengsätze in Israel zu legen. Zudem schlugen mehrmals Raketen und Geschosse von der Pufferzone aus in Israel ein. Allerdings ist nicht klar, ob es sich um Kreuzfeuer handelte oder um gezielte Attacken. Insgesamt wurden ein israelischer Zivilist getötet und zwei Israelis verletzt.

  • Israels Antwort: Israel schlug mindestens fünf Mal zurück. Kein einziges Mal machte Israel die Nusra-Front für die Angriffe verantwortlich. Stattdessen beschoss oder bombardierte Israel jedes Mal die syrische Armee und ihre Verbündeten. Insgesamt wurden sieben Soldaten der syrischen Armee getötet und 43 verletzt.

Offenbar glaubt die israelische Armee, dass die größere Gefahr für Israel vom syrischen Regime und seinen Verbündeten, der Hisbollah und Iran, ausgeht - nicht von der syrischen al-Qaida. Überraschenderweise hilft Israel der Nusra-Front sogar.

  • Israels Hilfe: Die Uno-Berichte beschreiben, dass syrische Aufständische mit israelischen Soldaten "interagieren". Immer wieder bringen sie Verwundete nach Israel zur Behandlung. Einmal beobachten die Uno-Soldaten auch eine israelische Lieferung von "Kisten" an die syrischen Aufständischen. Israel macht keinen Hehl daraus, dass es den Syrern auf dem Golan humanitär hilft - mit Nahrung, Decken, Medikamenten und medizinischer Versorgung - und dabei nicht nachfragt, ob es sich um Kämpfer oder Zivilisten handelt.

Die Nusra-Front wird von der Uno als Terrororganisation eingestuft. Doch bisher scheint sie Israel in Ruhe zu lassen - noch bekämpfen die syrischen Radikalen auf dem Golan vor allem das syrische Regime und dessen Verbündeten, die libanesische Hisbollah.

Die Hisbollah-Kämpfer dagegen haben schon oft bewiesen, dass sie Israel angreifen wollen. Für die Hisbollah wäre es geschickter, Israel von Syrien anstatt vom Libanon aus zu attackieren: So ist nicht gleich klar, wer hinter den Attacken steckt; Israel kann nicht mit massiven Vergeltungsschlägen auf Hisbollah-Gebiete im Libanon antworten.

Die Uno hat in ihren Berichten bisher nicht bestätigen können, dass die Hisbollah für die Attacken auf Israel vom Golan aus verantwortlich ist. Allerdings stellt die Uno fest, dass sie regelmäßig "grenzüberschreitende Bewegungen" beobachtet von Hisbollah-Gebieten im Südlibanon hin zu Stellungen der syrischen Armee auf den Golanhöhen. Zwei der drei Sprengsätze in Israel seien von Stellungen im Norden der Pufferzone gelegt worden - dort, wo die syrische Armee und ihre Verbündeten stationiert sind.

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