Israel Gute Überlebenschancen für Scharon

Die Überlebenschancen für Israels Ministerpräsident Ariel Scharon sind Ärzten zufolge "sehr hoch". Drei Tage nach seinem schweren Schlaganfall und mehreren Operationen schwebe der Regierungschef aber immer noch in Lebensgefahr.


Jerusalem - Nach den Überlebenschancen von Israels Ministerpräsident Ariel Scharon befragt, sagte Neurochirurg Dr. Jose Cohen am Samstag im israelischen Fernsehen: "Ich glaube, sie sind sehr hoch. Ich bin ziemlich optimistisch. Wir beten jetzt, dass es keine Komplikationen gibt, dass er sich keine Infektion zuzieht."

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon: Überlebenschancen sind "sehr hoch"
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Israels Ministerpräsident Ariel Scharon: Überlebenschancen sind "sehr hoch"

Cohen verwies aber gleichzeitig auf die möglicherweise bleibenden Schäden bei Scharon nach dem schweren Schlaganfall. "Zu erklären, dass nach einem so schweren Trauma keine kognitiven Probleme zurückbleiben könnten, wäre schlicht eine Verneinung der Realität", sagte Cohen laut dem Sender. Der Arzt trat in dem Programm nicht persönlich in Erscheinung, es wurde lediglich eine schriftliche Version seiner Äußerungen gezeigt und verlesen.

Zuvor hatte bereits der leitende Neurochirurg Felix Umanski eingeräumt: "Wenn jemand Gehirnblutungen erlitten hat, bleiben immer Schäden zurück." Wie groß die Schäden im Fall Scharons sein könnten, darauf wollten sich die Ärzte aber nicht festlegen. Auch eine neuerliche Computertomografie ließ keine Rückschlüsse auf mögliche Hirnschäden bei Scharon zu, hieß es. Die Frage nach bleibenden Schäden könnten die Ärzte erst beantworten, wenn Scharon aus dem künstlichen Koma geholt worden sei, sagte Mor Jossef, der Direktor der Jerusalemer Hadassah-Klinik, in der Scharon behandelt wird.

Am Sonntagmorgen sollte entschieden werden, wann das Koma beendet werde. Bei der Computertomografie am Morgen sei ein leichter Rückgang der Schwellungen im Gehirn festgestellt worden. Nur wenn in einigen Tagen die Betäubung Scharons verringert werde, lasse sich sagen, wie es um den Patienten und eine Genesung bestellt sei. Scharons linke Hirnhälfte sei in besserem Zustand als die rechte. Andere medizinische Werte seien weitgehend normal. Sein Zustand sei weiterhin kritisch, er schwebe noch immer in Lebensgefahr, sagte Mor-Joseff.

Der Gesamtbefund der Mediziner lautete wie bereits am Vortag: "ernst, aber stabil". Der 77-jährige Scharon liegt immer noch in einem künstlichen Koma. Er musste wegen starker Hirnblutungen in den vergangengen Tagen mehrmals operiert werden. Am Mittwochabend hatte Scharon auf seiner Farm in der Negev-Wüste plötzlich über Unwohlsein und Druck in der Brust geklagt und war ins Krankenhaus gebracht worden. Scharon hatte bereits Mitte Dezember einen leichten Schlaganfall erlitten. Danach war er mit blutverdünnenden Medikamenten behandelt worden.

Steinmeier: "Fest an der Seite Israels"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat Israel im Zusammenhang mit der schweren Erkrankung von Ministerpräsident Ariel Scharon seiner Solidarität versichert. "Wir bangen mit unseren israelischen Freunden um Leben und Gesundheit des Premierministers", sagte Steinmeier nach Angaben eines Sprechers des Auswärtigen Amtes am Samstag in einem Telefonat mit seinem israelischen Amtskollegen Silvan Schalom. "Auch in schwierigen Zeiten stehen wir fest an der Seite Israels", betonte Steinmeier.

Er plant für Mitte Januar eine Reise in den Nahen Osten. Sie soll ihn zunächst nach Ägypten, anschließend nach Israel und in die Palästinensergebiete sowie zum Abschluss nach Jordanien führen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plant für Ende Januar ebenfalls einen Besuch in Israel. Ob es dazu kommen wird, war wegen der Erkrankung Scharons jedoch unklar.

Arabische Regierungen hielten sich weiterhin mit öffentlichen Kommentaren zu Scharons Zustand zurück. Jordaniens König Abdullah II. äußerte in einem Telefonat mit Interimsregierungschef Ehud Olmert die Hoffnung, dass der Friedensprozess nicht von Scharons Krankheit betroffen wird, wie der Palast in Amman mitteilte. Der äyptische Präsident Husni Mubarak hatte am Vorabend bei Olmert angerufen und betont, er wolle seine Zusammenarbeit mit Israel fortsetzen. Dem kranken Scharon wünschte er gute Besserung.

Gewalt in Palästinensergebieten setzt sich fort

In den Palästinensergebieten dauerten Gewalt und Unsicherheit an. Bei bewaffneten Auseinandersetzungen im Gazastreifen wurde ein Palästinenser getötet, 13 Menschen wurden verletzt. Wie aus dem Informationsministerium verlautete, versuchten Bewaffnete am frühen Abend, in ein Gebäude der palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza einzudringen. Dabei sei es zu einem Schusswechsel mit der Polizei gekommen, bei dem ein Mensch starb und drei weitere verletzt wurden. Nähere Angaben zu den Opfern lagen zunächst nicht vor.

Zuvor waren im Gazastreifen bei der versuchten Festnahme eines Aktivisten zehn Menschen verletzt worden, unter ihnen acht Polizisten. Am Morgen hatte die israelische Luftwaffe erneut Ziele im nördlichen Gazastreifen bombardiert. In dem Gebiet befänden sich Stellungen, "von denen Terroristen Kassam-Raketen auf unser Land feuern können", sagte ein Militärsprecher.

Der in Israel inhaftierte Fatah-Führer Marwan Barghuti warnte die Palästinenserführung davor, Scharons Erkrankung als Vorwand für eine Verschiebung der für den 25. Januar geplanten Parlamentswahl zu nehmen. Die geplante Abstimmung sei "eine nationale Angelegenheit der Palästinenser" und dürfe nicht "mit externen Begebenheiten wie dem Zustand von Scharon" in Verbindung gebracht werden, hieß es in einer schriftlichen Erklärung Barghutis, die in mehreren palästinensischen Zeitungen veröffentlicht wurde.



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